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Blick ins Archiv: Ein Personenzug 1959 auf der Strecke Gießen-Fulda, gezogen von einer Dampflok der Baureihe 38. FOTOS: SAMMLUNG RÖHRIG/TB

Mit Volldampf in die neue Zeit

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Vor 150 Jahren hielt eine neue Zeit Einzug. Buchstäblich, schnauften doch nun auch zwischen Gießen und Fulda Dampflokomotiven über die Gleise. Als erster Streckenabschnitt wurde am 29. Dezember 1869 der Fahrbetrieb bis Grünberg aufgenommen, zwei Jahre später verkehrten Personen- und Güterzüge bis nach Fulda - die heutige Vogelsbergbahn war komplett. Ihr 150-jähriges Jubiläum wird im Laufe des Jahres in mehreren Anliegergemeinden gefeiert. Dabei dürfte auch an hochtrabende Pläne der Gründerväter erinnert werden.

Auch wenn in diesem Jahr das 150-Jährige der Vogelsbergbahn Gießen-Fulda gefeiert wird, ihre Geschichte begann tatsächlich schon vor 184 Jahren. Der Hessische Landtag hatte damals den Bau von Eisenbahnen durch private Hand beschlossen. Die landesherrliche Konzession für die "Oberhessischen Eisenbahnen" - dazu gehörte neben der Strecke Gießen-Fulda die ebenfalls 1869 eröffnete Verbindung zwischen Gießen und Gelnhausen - erhielt das Frankfurter Bankhaus "Erlanger und Söhne". Das wiederum gründete zu diesem Zwecke eine Aktiengesellschaft.

Wie Jürgen Röhrig in Heft 1 seiner "Schriften zur regionalen Eisenbahngeschichte" festhält, sahen die Banker das Unternehmen vorrangig als finanzielle Spekulation. Denn "im Landtag sprach man einerseits von der zu erwartenden großen Rentabilität der Bahnen, fand sich im gleichen Atemzug jedoch nur zu einer 3,5--prozentigen Ertragsgarantie für das eingesetzte Kapital bereit", erzählt der im Fahrgastverband "ProBahn" engagierte Pohlheimer.

Röhrig sagt, dass man vor 150 Jahren gar davon träumte, die Strecke Gießen-Fulda werde Teil einer europäischen Verkehrsachse von London über Mittelhessen nach Wien. Es blieb ein Traum, ebenso wie damals projektierte Weiterführung der Bahn von Fulda durch die Rhön in Richtung Schweinfurt. Topografische wie politische Gründe standen dem im Wege.

Die Kosten für die Oberhessischen Eisenbahnen, also inklusive Gießen-Gelnhausen, wurden seinerzeit auf gut 28 Millionen Gulden veranschlagt. Diese Rechnung aber stand auf tönernen Füßen, handelte es sich doch ob der vielen Steigungen um "Gebirgsbahnen". Und so suchte die Aktiengesellschaft für Bau und Ausrüstung ein Unternehmen, das die Strecken komplett betriebsfähig, mit Lokomotiven, Wagen et cetera errichten würde. In der "Societe anonyme d’enterprises de chemin de fer" (Brüssel) fand man einen renommierten Partner.

Die Vogelsbergbahn Gießen-Fulda mit einer Gesamtlänge von 106 Kilometern wurde von 1869 bis 1871 in mehreren Abschnitten fertiggestellt. Der erste mit einer Länge von 23 km bis Grünberg ging am 29. Dezember 1869 in Betrieb, der zweite bis Alsfeld, 37 Kilometer lang, am 29. Juli 1870. Der Abschnitt Alsfeld-Lauterbach (29 km) folgte am 29. Oktober 1870, der zwischen Lauterbach und Salzschlirf (7 km) am 31. Dezember 1870 sowie Salzschlirf-Fulda (20 km) am 31. Juli 1871.

Für die Realisierung des Auftrags war der Brüsseler "Societe" eines zuvörderst auferlegt: An den Anschlusspunkten in Gießen, Fulda und Gelnhausen mussten die Wagen der einen Bahn problemlos auf die andere übergehen.

Der Fuhrpark bei Eröffnung der beiden neuen Oberhessischen Eisenbahnen bestand aus 22 Loks, 70 gedeckten und 230 offenen Güterwagen, zwölf Gepäck- und 20 Schemelwagen. Die 56 Personenwagen unterteilten sich in 22 Wagen der ersten und zweiten Klasse mit 168 bzw. 504 Sitzplätzen sowie 33 Wagen der dritten Klasse mit 1650 Sitzplätzen. Dazu kam ein Salonwagen der ersten Klasse mit 24 Plätzen. Die vierte Klasse wurde erst nach Übernahme in die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft 1897 eingeführt.

"Bei den zunehmenden Geschwindigkeiten der Züge - 1860 lag sie durchschnittlich bei 48 km/h, 1890 bereits bei 70 km/h - wurde der Lokomotivdienst zunehmend zur Qual", erzählt Eisenbahnhistoriker Röhrig. Die Führerstände waren weitgehend offen, da die Bahnverwaltungen fürchteten, schützende Wände würden die Aufmerksamkeit behindern. "Man erachtete es daher als sicherer, wenn Lokführer und Heizer bei 60 bis 70 km/h im Schneesturm oder bei eisiger Kälte schutzlos auf den Plattformen standen", sagt Röhrig. Schwere Gesundheitsschäden seien da unvermeidlich gewesen.

1876 bereits war das private Intermezzo vorbei, der hessische Staat kaufte die heutige Vogelsbergbahn. In den Folgejahren steigerte sich das Verkehrsaufkommen erheblich, die Züge wurden länger und schwerer. Als Reaktion darauf wurden von 1892 bis 1896 weitere fünf Tenderlokomotiven beschafft. Zur weiteren Erschließung des Verkehrsgebietes Oberhessen wurden zwischen 1888 bis 1890 drei neue Nebenbahnen errichtet, darunter die Strecke Hungen-Laubach (bis 1949 in Betrieb). Es folgten 1896 die Strecke Grünberg-Londorf (bis 1963) und 1909 die Verbindung Grünberg-Queckborn-Lich (bis 1955).

Die Personen- und "gemischten Züge" (inklusive Güterwaggons) benötigten anfangs für die 106 Kilometer von Gießen nach Fulda bestenfalls 3 Stunden und 23 Minuten. Für kurze Zeit, vom 1. Juni bis 15. September 1872, verkehrte ein Schnellzugpaar, das nur 2 Stunden 15 Minuten brauchte, Mangels Nachfrage wurde es aber rasch wieder eingestellt und durch die Ausweitung eines "Localzugpaares" ersetzt.

Der Güterverkehr blieb schon in der Gründerzeit hinter den Erwartungen zurück, Pläne für ein zweites Gleis wurden daher ad acta gelegt. Etwa ab den 1980er Jahren waren die offenen Waggons oder Tankwagen kaum noch zu sehen, heute spielt diese Bahn fast ausschließlich für den Personenverkehr eine Rolle, vor allem Berufspendler, Schüler und Studenten nutzen sie, profitieren in den Hauptverkehrszeiten vom Ein-Stunden-Takt.

Eine besondere Rolle für die Vogelsbergbahn im Gießener Land spielt Grünberg, war die Gallusstadt doch fast 100 Jahre ein Verkehrsknotenpunkt. Was deren Bewohner am 13. März 1945 leidvoll zu spüren bekamen: Die Bomben der US-Luftwaffe trafen nicht nur den Bahnhof, rund 150 Menschen starben.

Die Modernisierung der Strecke vor zehn Jahren - veranschlagt mit 24,6 Millionen Euro - erlaubte es, die Höchstgeschwindigkeit von 90 auf bis zu 120 km/h anzuheben. So befördern heute leistungsstarke Triebwagen die Fahrgäste in 103 Minuten von Gießen nach Fulda. Erinnert sei zum Vergleich an die 203 Minuten in den Kindheitstagen der Vogelsbergbahn, als noch schwere Dampfloks unter Volldampf über die Gleise schnauften - in eine neue Zeit für den Vogelsberg.

,,Lokführer und Heizer standen bei Schneesturm oder eisiger Kälte schutzlos auf den Plattformen.

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