2019 war man bei der Einführung von iPad-Klassen noch skeptisch, mittlerweile ist die Gemengelage eine andere. SYMBOLFOTO: DPA
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2019 war man bei der Einführung von iPad-Klassen noch skeptisch, mittlerweile ist die Gemengelage eine andere. SYMBOLFOTO: DPA

Das Virus als Katalysator

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Corona hat den Schulalltag maßgeblich verändert. Digitalisierung ist längst das Gebot der Stunde. Doch nicht überall läuft der Distanzunterricht rund. Mitunter mangelt es an schnellem Internet. Im kommenden Jahr aber, sagt Dezernentin Schmahl, sollen alle Schulen im Kreis schnelle LAN- und WLAN-Verbindungen haben.

Im Frühjahr 2019 wurde an der Gießener Landgraf-Ludwigs-Schule die Einführung einer iPad-Klasse diskutiert. Eltern tauschten die bekannten Argumente des alten Glaubenskrieges für und wider elektronische Medien im Unterricht aus. Mit dem Ergebnis, dass das Projekt vertagt wurde.

Heute sitzt eine ganze Schülergeneration wie selbstverständlich am Laptop. Die Grünberger Theo-Koch-Schule, die mit Abstand größte weiterführende Schule im Landkreis Gießen, wird ab dem kommenden Schuljahr verbindlich elternfinanzierte iPads für den Unterricht einsetzen. Begonnen wird mit den Jahrgängen 9 und 11. Die anderen folgen.

Die zwei Beispiele zeigen: Das Virus hat wie ein Katalysator gewirkt. Corona hat den Schulalltag verändert. Schüler müssen anders lernen. Lehrer müssen umlernen. Der Prozess ist in vollem Gange. Im ersten Lockdown im Frühling blieben die Schulen von Mitte März bis Ende Mai weitgehend dicht. Grundschullehrer fuhren Arbeitsblätter und Bastelmaterial zu "ihren" Kindern und deren Familien nach Hause, damit etwa die Muttertagsüberraschung gelingen konnte.

In den letzten vier Wochen vor den Sommerferien wurde ausprobiert, Unterricht wieder in Teil-Präsenz zu gestalten. Schulen fuhren je nach räumlichen und personellen Möglichkeiten unterschiedliche Modelle: Die einen teilten die Klassen und beschulten im Wochenwechsel in Präsenz respektive auf Distanz. Andere haben die Mo-Mi-Fr-Die-Do Taktung. Die eine Hälfte einer Klasse kommt an drei Tagen, die andere an zwei Tagen, dann wird gewechselt. So wird in Präsenz der Stundenplan von einer auf zwei Wochen verteilt. Das hat nach den Herbstferien wieder gegriffen, als die Infektionszahlen hochgingen. Studien aus Österreich, den USA und Großbritannien, über die der "Spiegel" in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, zeigen auf, dass Schulen sehr wohl Infektionstreiber sein können. Zwar sind die Krankheitsverläufe bei Kindern vielfach harmloser oder sie bleiben ganz symptomfrei - aber sie übertragen und infizieren sich gegenseitig, Eltern und Geschwister.

Doch der Distanzunterricht läuft nach wie vor nicht überall hundertprozentig rund. Noch verfügen nicht alle Schulen im Landkreis über alle technischen Möglichkeiten. An der Lollarer Clemens-Brentano-Europa-Schule hat Schulleiter Andrej Keller jüngst von einem "technischen Flaschenhals" gesprochen. Die Internetanbindung der CBES reiche nicht aus, damit alle Lehrer über die Schulserver virtuellen Unterricht anbieten können, sagte er. Der Ausweg: Viele Lehrer nutzten privates Internet. Auch an anderen Schulen des Kreises, etwa der Gesamtschule Gleiberger Land, haben Lehrer in Kooperation mit Eltern Server-Netzwerke aufgebaut, um den Lehrer-Schüler-Dialog zu gewährleisten.

Beim Kreis als Schulträger arbeitet man mit Hochdruck an dem Thema. Das für 2021 ausgegebene Ziel von Schuldezernentin Christiane Schmahl: Mit der LAN- und WLAN-Ausstattung der Schulen fertig zu werden. "Wir sind da schon ziemlich weit", sagt Schmahl.

Doch wer bezahlt das? Im Kreistag beklagte die CDU erst diese Woche, dass Fördermittel aus dem Digitalpakt vom Landkreis Gießen noch nicht abgerufen sind. "Stimmt", sagt die Schuldezernentin. Und benennt den Grund: Das Antragsverfahren ist nach ihrer Aussage "so fürchterlich kompliziert". Deshalb hat der Kreis entschieden, dass erst einmal das Notwendige vorfinanziert und später alles auf einmal zur Förderung gemeldet wird.

Wichtig, sagt Schmahl, dass man bei der Umsetzung auf dem Weg ist. Wobei es dauert. "Das muss viel schneller gehen", fordert etwa Kurt Hillgärtner von den Freien Wählern. Er nennt den Ausbau der digitalen Infrastruktur an den Schulen "naja - ausreichend".

Wobei zwischen April und Juli rund 1800 Endgeräte angeschafft und an Schüler ausgegeben wurden, die Bedarf gemeldet hatten. Nach den Sommerferien wurde nachgesteuert. Und das läuft bis jetzt. So hat beispielsweise in Lollar die Gemeinwesenarbeit zehn Tablets bereitgestellt, auch für Schüler, die, warum auch immer, bei der Verteilaktion des Kreises leer ausgingen, wie Jugendpfleger Martin Eichler berichtet.

An der Grünberger Theo-Koch -Schule setzt man auf Verbindlichkeit der iPad-Nutzung: "Die Einbeziehung digitaler Medien in den Unterricht und in das Lernen gewinnt rasant an Raum und Bedeutung", hat sich Schulleiter Jörg Keller dieser Tage an die Eltern gewandt. Medienpädagogische Ziele könnten nicht mehr nur über stundenweise Nutzung von PC-Räumen erreicht werden. Es bedürfe eigener mobiler Endgeräte, die in der Schule und Zuhause verfügbar sind. Dies biete weitaus mehr Möglichkeiten und Lernchancen, so der Schulleiter in einem Elternbrief.

Gleichwohl, mit iPads und Laptops für Schüler und Lehrer sowie mit anderer Hardware allein ist es nicht getan: Es braucht qualifiziertes Personal, die Lehrkräfte müssen eingebunden und weitergebildet werden. Und Unterrichtskonzepte sind zu überarbeiten. Dafür ist das Kultusministerium in Wiesbaden zuständig. Auch das ist auf dem Weg, wie ein Blick ins Programm der Hessischen Lehrkräfteakademie zeigt: Das Angebot reicht von Einführung in Videokonferenzen über das Organisieren und interaktive Gestalten von Online-Veranstaltungen bis hin zu digitalen Unterrichtsmaterialien.

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