Große Freiheit auf vier Rädern: Wohnmobile liegen schon lange im Trend, im Jahr der Corona-Krise aber explodieren geradezu die Zulassungszahlen. Allein im Juni lag das Plus bei 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. FOTO: DPA
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Große Freiheit auf vier Rädern: Wohnmobile liegen schon lange im Trend, im Jahr der Corona-Krise aber explodieren geradezu die Zulassungszahlen. Allein im Juni lag das Plus bei 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. FOTO: DPA

"Viraler Schub" fürs Reisemobil

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Dieses Virus hat das Zeug, die Wirtschaft in die schlimmste Rezession nach dem Krieg zu zwingen. In solch unsicheren Zeiten geht die Konsumlaune in den Keller, der Autoverkauf etwa bricht auf ganzer Linie ein. Auf ganzer Linie? Nein, Wohnmobile sind heißer begehrt denn je. Händler wie Campingplatzbetreiber freut es, auch hierzulande?

Eine Bestätigung für den Boom erhält, wer mit Sven Gaidies spricht. 2009 ist der Biebertaler an den Start gegangen, vermietet und verkauft seither Reisemobile an einen wachsenden Kundenstamm. Seit drei, vier Jahren, so Gaidies im Gespräch mit dieser Zeitung, habe das Geschäft merklich angezogen. Um mit dem Start der Saison in diesem Frühjahr zusätzlich an Fahrt aufzunehmen.

Und wie: Laut neuester Statistik des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) - hier: Neuzulassungen von Reisemobilen im Vergleich Juni 2019/2020 - stieg der Absatz der rollenden Herbergen mit eigenem Antrieb um 62 Prozent, und seit Jahresbeginn setzte der Handel fast 39 000 Fahrzeuge ab. An dieser Stelle nur eine Vergleichszahl: Bei Pkw mit Benzinmotor sank die Zahl der Zulassungen im Juni um 42 Prozent (siehe Zusatzelement).

Sven Gaidies kommt an die 62 Prozent nicht ganz heran. Auf die Schnelle schätzt er das Plus nach der ersten Jahreshälfte auf mindestens 40 Prozent. Dass die von Berlin erlassene Mehrwertsteuersenkung eine Rolle spiele, wenn auch nicht die Entscheidende, räumt er ein.

Mit gleicher Tendenz hat sich das Geschäft mit den Vermietungen entwickelt. Wobei einige der Kunden dies als Test ansähen, ob ein Wohnmobil das Richtige für sie ist. Was nicht verwundert, werden doch im Schnitt mittlere fünfstellige Summen aufgerufen - mehr geht natürlich auch, viel mehr ebenso.

Schon in den Vorjahren lagen Caravans mit eigenem Antrieb im Trend, im Vorjahr etwa waren 50 Prozent mehr als 2010 beim KBA gemeldet. Geradezu explodierende Zahlen wie in dieser Saison aber gab’s noch nie. Auch für Sven Gaidies gibt es dafür vor allem einen Grund: "Corona".

Denn trotz aller Hygienemaßnahmen scheuten viele doch das Ansteckungsrisiko in einem Hotel oder bereits auf der Anreise, gerade im Flieger. Hinzu komme, dass wegen der Pandemie ohnehin viele entferntere Urlaubsziele flachfielen. "Da reist man lieber in Deutschland umher."

Und wer sich’s leisten kann, nutzt dafür ein Wohnmobil. Das Gefühl von erhöhter Sicherheit in den "eigenen vier Wänden", noch dazu an der frischen Luft, korrespondiert dann mit dem alten Wunsch nach Unabhängigkeit: "Haltmachen, wo es mir gefällt."

Reisemobile verfügen heute über fast alles, was das eigene Heim bietet, Dusche, Toilette, Bett - und meist auch Sateliten-TV. Wie Gaidies beobachtet, hat das Virus vor allem den Wunsch verstärkt, autark zu sein.

Vielleicht hat Corona auch zum Imagewandel beigetragen: Campen, ob mit Zelt, Wohnwagen oder -mobil, sei bis in die 70er ein "Arme-Leute-Urlaub" gewesen. Das habe sich komplett geändert, kons-tatiert der Biebertaler. Und längst auch zählten alle Altersgruppen zur Kundschaft.

Nur seien die Deutschen noch nicht so weit wie in den USA: Dass Senioren ihr Häuschen gegen ein Luxuswohnmobil eintauschen und durchs Land reisen, hat Gaidies noch nicht erlebt. Dass viele Kunden aber schon ein halbes Jahr unterwegs seien, schon. "Wenn’s hier kälter wird, fahren sie los, um im Süden zu überwintern."

Volker Müller hat sich vor 15 Jahren auf Service konzentriert. Zum Jahresbeginn ist er mit seiner Firma "Mobile Caravan Service" (MCS) von Geilshausen nach Villingen umgezogen, kooperiert mit dem Autohaus Hahn. Steht eine große Tour an, macht MCS das Wohnmobil startklar, führt Inspektionen, Um- oder Einbauten aus. Von einem "Run" will Müller nicht gerade sprechen, doch immerhin: "Die Werkstattauslastung hat um ein Viertel zugenommen." Den Wandel bei den Urlaubszielen beobachtet auch der Rabenauer: "Waren die Kunden früher in Portugal oder Skandinavien, bleiben sie jetzt in Deutschland, hüpfen nur mal kurz über die Grenze."

Den Trend zum Urlaub mit dem motorisierten Caravan merken auch die Campingplätze. Einer der wenigen im Landkreis findet sich in Grünberg. Das mit der Wiedereröffnung geforderte Hygienekonzept erforderte die Reduzierung der Stellplätze von 70 auf 40, schickt Sabine Möbus, zuständige Sachbearbeiterin bei der Stadt voraus. Die seien gut belegt, der Zuspruch steige. Nicht nur bei Durchrei-senden: "Gerade an Wochenenden oder Brückentagen haben wir bis zu 20 Buchungen."

Mit dem Rückgang der Auslandsreisen steigt das Interesse an der Region. "So mancher, der mal nur für eine Nacht in Grünberg war, kommt wieder und bleibt nun länger", können auch die Gallusstädter wenigsten etwas Positives der Krise abgewinnen.

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