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Vier Wirte und ein "Schusterpech"

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Eines vor allem muss eine Grünberger Marktfrau haben: "e süß Mäulche". Den Beweis erbringen die Damen stets am Gallusmarkt, wenn sie beim Ausschenken des "Schusterpechs" so apart "es Mäulche spitze". Auch gestern wieder, als beim Frühschoppen diese neuen Wurzelbürger mit einem Löffel Kräuterschnaps belohnt wurden: Klaus Kühn, Detlev Scheiber, Eddi Bernhard und Dunja Lippert.

Mit dem Frühschoppen erreicht der Grünberger Gallusmarkt seit jeher seinen unbestrittenen Höhepunkt. Genauer seit 1951, als erstmals diese seltsame Spezies der "Wurzelbürger" das Licht des Festzelts erblickte. Seither werden Neubürger mit vier Bürststrichen übern Rücken in den Kreis der "originären Grimmicher" aufgenommen. Voraussetzung: Sie müssen sich ehrenamtlich fürs Allgemeinwohl eingesetzt haben und auf der Bühne die Mundartprobe bestehen (siehe Bericht unten). Als Lohn winkt neben der Ehre ein Löffel des berühmt-berüchtigten Schusterpechs.

Doch schon bevor Bürstmeister Gerd Lippert gestern wieder mit humorigen Worten die Bürsterei vollzog, hatten die Frühschöppler ihren Spaß. Nicht zuletzt das Verdienst eines Dutzend Menschen "mit Gestrüpp uffm Kopp", um Marktfrau Andrea Strauch zu zitieren.

Denn kaum dass Thomas Siek als Vorsitzender der Gallusmarktkommission den einen oder anderen Gast begrüßt hatte, feuerte Bürgermeister Frank Ide als Erster eine Spitze in Richtung der Laubacher Ausschuss-Männer, erkennbar an besagtem "Gestrüpp uffm Kopp". So fragte sich Ide, warum deren Stadtoberhaupt nach zwölf Jahren "aufopferungsvollem Kampf" 2021 den Dienst quittiere. Liege es vielleicht daran, dass er in Laubach mit gleich sieben Fraktionen zu tun habe, die selten kluge Entscheidungen träfen. "Und dabei ist noch net a mal die AfD im Parlament." Auf dass die Nachbarn aber nicht ins Mittelalter zurückfallen und vom Grafen regiert werden, helfe Grünberg bei der Suche nach einem neuen Bürgermeister. Ide: "Wir haben eine Website geschaltet, auf der kann sich jeder bewerben." Für Interessierte die Adresse: abenteuerinlaubach.de.

Märtfraa Andrea Strauch, letztes Jahr bei ihrem Debüt noch "furchtbar uffgeregt", erinnerte in ihrem Grußwort an ein Jubiläum: Auf den Tag vor 45 Jahren, am 17. Oktober 1974, hatte an dieser Stelle die erste Repräsentantin des Marktes gestanden, Mechthild Jahr. Strauch dankte allen für die Unterstützung, zeigte sich stolz und ehrfürchtig, das Amt auszuüben. Zugleich freute sie sich, nächstes Jahr unten am Tisch der Marktfrauen sitzen zu können. Jetzt aber hieß es: "Ihr Auftritt, Herr Bürstmeister!" Mit ziemlicher Schärfe nahm er sich die Große Politik vor, warnte vor einer Klimapolitik, der es an Maß und Ziel fehle, vertrat gar die Ansicht, Greta Thunberg sei "inzwischen ferngesteuert". Bei den Parteien in Berlin machte er ein Personalproblem aus, bei CDU und FDP, erst recht bei den Genossen: "Was ist der Unterschied zwischen der SPD und em Gallmärt? Der Gallmärt is noch net fertich." Angesichts der "explosiven Mischung" aus Trump, Johnson oder Kim Jong-un mahnte Lippert, "Tage wie heute zu genießen".

Das Klimathema fand seine Fortsetzung, als Gerd Lippert nun die Grünberger Politszene beleuchtete. Er informierte über einen neuen Unterausschuss der Gallusmarktkommission, der fortan einen Bürger für seinen Einsatz zur CO2-Minderung würdige. Ob der vielfältigen Leistungen - darunter Platz 1 im Wettbewerb "Stadtväter fahren Rad" - erhalte Bürgermeister Ide als erster die Auszeichnung. Zu den damit verbundenen Insignien des "Klimabotschafters" zählte eine äußerst schmucke Froschmütze.

Dann helle Aufregung auf der Bühne: Eine Protestnote der "Umweltaktivisten Mittelhessen" samt Beweisfoto ging ein. Da Ide jüngst als Beifahrer an der ADAC-Hessen-Rallye teilgenommen habe, sei die Auszeichnung zurückzunehmen. Lippert: "Der Ausschuss hat das unter Aussetzung einer einjährigen Bewährungsfrist soeben abgelehnt - hauptsächlich weche de Froschmütz."

Vergleich mit Flughafen Berlin

Der Bürstmeister griff schließlich den Grünberger Bauboom auf. Abzulesen etwa am schon fast ausgebuchten neuen Neubaugebiet "Baumgartenfeld III" vor den Toren der Stadt. Einem Mann, der ihn jüngst nach dem Weg zum Markplatz fragte, gab er den Rat: "Am besten fahren Sie über Capporn."

Viel gebaut werde auch im "Schwedendorf", manchmal auch mit Balkon, nur ohne Zugang. "Naut doat sich" - so sein Urteil dagegen zum Industriegebiet an der A5. Das erinnerte Lippert an den Berliner Flughafen: "Für das bereits verbaute Geld könnte man jedem 82 Kugeln Eis spendieren. Gut, beim ihserm Pablo nur 75."

Vorneweg die Stadtfahne: Lang ist stes der Zug der Frühschöppler vom Marktplatz zum Festzelt auf der Käswiese. - Offensichtlich bereitete die Wurzelbürgerbürsterei dort allen Gästen, auch jenen aus Laubach (unten, Mitte) eine Menge Spaß. - Ob aber Bürstkandidat Detlev Scheiber (r.) Geschmack am Kräuterlikör namens "Schusterpech" gefunden hat?(tb/Fotos: Vogler)

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