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Vier Meter für 25 Euro

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Vor 30 Jahren haben sich Andrea und Alexander Haas selbstständig gemacht. Heute organisieren sie Flohmärkte in ganz Mittelhessen. Jedes Wochenende sind sie auf Achse, verlassen mit den frühen Vögeln das Haus und kehren oft erst spät wieder heim. Ein Sonntag zwischen privaten Trödlern und professionellen Händlern.

Nebelschwaden liegen über den Wiesen. Am Himmel geben sich zartes Rosa und helles Blau ein Stelldichein. Es ist fünf Uhr am Sonntagmorgen, die Sonne geht gerade auf. Die Welt schläft noch, aber im Reiskirchener Gewerbegebiet herrscht bereits reges Treiben. Während die letzten Nachteulen die Diskothek verlassen, sind andere früh aufgestanden und stehen mit vollbepackten Autos in der Freiherr-vom-Stein-Straße Schlange. Sie warten darauf, dass sie auf den Enders-Parkplatz fahren dürfen, wo um 8 Uhr der Flohmarkt für die Besucher öffnet.

Andrea Haas trägt eine orangefarbene Weste, damit sie für die Händler gut zu erkennen ist. An der 47-jährigen Albacherin, die den Markt mit ihrem Mann Alexander veranstaltet, müssen die Verkäufer vorbei. Ihr teilen sie mit, wie viel Platz sie für ihren Stand brauchen. Bei ihr bezahlen sie. Oder bei ihrem Mann, der die Kunden nebenan auf dem Areal vor dem Dänischen Bettenlager in Empfang nimmt. "Die meisten wollen vier Meter für 25 Euro. Da passt ein Tapeziertisch drauf und man kann das Auto bequem stellen", sagt Andrea Haas. Einen nach dem anderen weist sie ein, markiert die gewünschte Fläche mit Kreide und kassiert ab. Bei der Einteilung ist Erfahrung gefragt. "Man muss räumlich vordenken, um keinen Platz zu verschenken", sagt sie.

5.30 Uhr. Die ersten Tische stehen. Einkaufskörbe voll mit ausrangiertem Hausrat, Kleidung oder Werkzeugen warten darauf, drapiert zu werden. Der Großteil der Anbieter sind Privatpersonen, die zu Hause ausgemistet haben. So wie Yasmin Becan aus Gießen. Die 27-Jährige war drei Tage zuvor zum ersten Mal auf einem Flohmarkt und hat Geschmack daran gefunden. "Es macht total viel Spaß", findet sie. Ebenso geht es Cali Betz aus Grüningen. Der 49-Jährige liebt den Kontakt zu anderen Verkäufern und die Gespräche mit den Kunden. Das zieht ihn seit 30 Jahren immer wieder auf die Märkte in der Region. In einer Doppelgarage lagert er die Ware in Kisten. Wenn die Wettervorhersage passt, packt er abends zuvor alles ins Auto. Ob Goldrandkanne, Kinderschlittschuhe oder DVDs - "alles, was zu schade zum Wegwerfen ist, versuche ich zu verkaufen".

6.45 Uhr. Die ersten Schnäppchenjäger ziehen durch die Gassen zwischen den Ständen, während Andrea Haas immer noch Plätze zuweist. Seit 18 Jahren veranstalten sie und ihr Mann Flohmärkte. Seit 30 Jahren sind der ausgebildete Zöllner und die gelernte Fremdsprachensekretärin selbstständig. "Schon als Kinder haben wir auf dem Schlachthofgelände in Gießen Spielzeug, Bücher und Comics verkauft", erzählt Andrea Haas. Später waren es die Werbeartikel, die ihr Mann als DJ erhielt. Zuerst Schallplatten, dann CDs. Irgendwann kamen Süßigkeiten dazu, die das Paar bis heute anbietet.

2001 nahmen die beiden das Zepter selbst in die Hand und fingen an, Flohmärkte zu organisieren, weil sie sich oft darüber geärgert hatten, dass es nicht genug Veranstaltungen gab oder diese schlecht beworben wurden.

Um kurz nach acht ist der Enders-Parkplatz voll, der nebenan immerhin zur Hälfte. Alexander Haas macht sich auf den Heimweg, um etwas Schlaf nachzuholen, denn das Ehepaar ist am Himmelfahrtswochenende nicht nur auf drei eigenen Flohmärkten gefordert, sondern auch bei einer Konzertreihe in Fulda mit ihrem Süßigkeitenstand am Start. Das heißt früh aufstehen und erst spät ins Bett. Andrea Haas bleibt in Reiskirchen. Als Ansprechpartner für die Kunden. "Es gibt immer mal Dinge zu klären, außerdem müssen Werbeflyer für die nächsten Veranstaltungen und Quittungen verteilt werden", sagt sie. "Manchmal kommt es auch vor, dass sich Standnachbarn nicht grün sind und wir vermitteln müssen."

An diesem Sonntag aber gibt es keine Zwischenfälle. Und die knapp 60 Verkäufer haben vormittags gut zu tun. Das schöne Wetter lockt die Besucher. Bereits um acht zeigt das Thermometer knapp 20 Grad. Drei Stunden später sind es fast 30. "Die Geschäfte laufen super", freut sich Cali Betz um die Mittagszeit. So ein Wetter ist einfach prima. sein Standnachbar Dirk Schorge hat ebenfalls ordentlich Geld eingenommen. Allein 300 Euro hat ihm der Verkauf einer Heckenschere eingebracht. "Ich bin hochzufrieden", sagt er. Andere jedoch haben weniger Glück. Schorges Lebensgefährtin Ursula Fuhrmann zum Beispiel. Ihre ausrangierten Kleidungsstücke wird die Wettenbergerin an diesem Vormittag nicht los. Auch nicht das neuwertige Hundekissen, das sie für weniger als die Hälfte des normalen Preises anbietet.

Die Sonne brennt den Standbetreiberin mittlerweile ordentlich auf den Kopf. Und auch den Besuchern ist es zu heiß. Der Käuferstrom lässt nach. Gegen 13 Uhr fangen die ersten an abzubauen. Anderthalb Stunden später ist der Markt gehalten. Für Andrea Haas heißt es jetzt: sauber machen. "Die Fläche wird abgelaufen und der Müll entsorgt", erklärt sie. Doch mit den wenigen Zigarettenstummeln ist die Albacherin schnell fertig.

Sie fährt kurz nach Hause, um sich frisch zu machen, bevor es am späten Nachmittag ab nach Fulda geht. Erst gegen 1 Uhr morgens sind sie und ihr Mann zu Hause. Ein hartes Wochenende steckt ihnen in den Knochen. Immerhin: Ihr freier Tag hat bereits begonnen. Keine Arbeit. Keine beruflichen Telefonate. "Der Montag", sagt Andrea Haas, "ist uns heilig."

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