Coffeologin Anna Ulm ist mit ihrem Kaffeefahrrad unter anderem auf dem Gießener Wochenmarkt zu finden. FOTOS: PAD
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Coffeologin Anna Ulm ist mit ihrem Kaffeefahrrad unter anderem auf dem Gießener Wochenmarkt zu finden. FOTOS: PAD

Vielfalt von 800 Aromen

  • vonPatrick Dehnhardt
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Anna Ulm ist Spezialistin für guten Kaffee. Die ausgebildete Coffeologin verkauft seit rund vier Jahren von ihrem Fahrrad aus Kaffeespezialitäten. Nun träumt die Hüttenbergerin von einer eigenen Rösterei.

Kleine Dampfwolken steigen aus der Maschine in die kühle Morgenluft, es sind nur um die vier Grad plus. Eine Kundin hat gerade einen Latte Macchiato bestellt. Anna Ulm brüht die Hausbohne Monsun auf, schüttet das heiße Getränk in einen Becher. Der Milchschaum wird schließlich mit Herzchen verziert. Mit so einem Motiv begann auch einst die Karriere der Coffeologin.

Mittlerweile verkauft die Hüttenbergerin seit fast vier Jahren mobil ihre Kaffeespezialitäten, das Rad von "Beans on Bike" ist unter anderem auf dem Gießener Wochenmarkt eine feste Größe.

Die 35-Jährige hatte einst eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert, danach in Gießen studiert. Während sie in einem Bistro arbeitete, kam eines Tages ein Gast mit einem speziellen Wunsch zu ihr: "Kannst du Herzchen in den Kaffeeschaum machen?" Es war eine folgenschwere Frage. "Damit war mein Interesse geweckt", sagt Anna Ulm.

Zunächst beschäftigte sich die schon zuvor leidenschaftliche Kaffeetrinkerin damit, wie man verschiedene Figuren in den Kaffeeschaum zaubern kann. Doch noch viel spannender fand sie das Getränk unter dem Schaum. Sie beschäftigte sich intensiv mit den verschiedenen Brühtechniken, kaufte verschiedene Bohnensorten und experimentierte. "Wenn du die gleichen Kaffeebohnen mit gleicher Mahlung und Wassertemperatur nimmst, aber eine andere Brühmethode verwendest, schmeckt der Kaffee anders."

Schließlich absolvierte sie eine Coffeologenausbildung bei "Coffee Consult" in Mannheim. Ein Schwerpunkt war dabei, welche Aromen sich in welcher Ausprägung in den verschiedenen Kaffeesorten befinden. Da kommt es auch darauf an, auf welchen Böden die Kaffeepflanzen stehen. "Eisenhaltige Böden geben einen fruchtigen Kaffee." Selbst die Pflanzen, die zusammen mit den Kaffeebäumen und -sträuchern auf der Plantage stehen, können einen Einfluss auf den Geschmack haben.

Zudem sind der Erntezeitpunkt und die Röstmethode für das Endergebnis prägend. "Im Kaffee stecken über 800 Aromen. Die gilt es, in den Geschmack zu bringen."

Um ihr Wissen danach in der Praxis anwenden zu können, wollte sie ein Café eröffnen. Ihr Mann Benjamin Ulm, seines Zeichens Zweiradmechanikermeister, brachte sie auf eine andere Idee: Ein Kaffeefahrrad, von dem aus sie bei Märkten, Festen und Veranstaltungen die Getränke verkaufen kann. Das war die Geburtsstunde von "Beans on Bike".

Auf dem Fahrrad befinden sich nicht nur genügend Platz für Becher, Tassen und selbstverständlich die Maschine zum Aufbrühen, sondern auch ein kleiner Kühlschrank mit Eisfach. "Für kalte Kaffeespezialitäten und Milchshakes", sagt Ulm.

Doch all diese Technik würde nicht zwangsläufig für einen vollendeten Kaffeegenuss sorgen, wenn man sie nicht zu bedienen weiß. Bei den derzeit kalten Temperaturen auf dem Markt muss die Kaffeefachfrau regelmäßig das Mahlwerk feinjustieren, damit der richtige Mahlgrad erhalten bleibt. Sonst schmeckt der Kaffee plötzlich anders - und das merken die Stammkunden sofort. "Ich komme extra wegen diesem Kaffee zu ihr", sagt eine Kundin.

Einer der härtesten Kritiker war übrigens ihr Mann, erzählt Anna Ulm schmunzelnd. "Er hat früher nur Tee getrunken. Jetzt ist er Kaffeeliebhaber geworden."

Doch nicht nur die Leidenschaft für Kaffee, sondern auch ein gemeinsamer Traum verbindet sie: Benjamin Ulm verkauft und repariert seit 2019 in Hüttenberg Fahrräder und Lastenräder. Gerade letztere sind derzeit stark gefragt. Um das Geschäft zu vergrößern und weitere Arbeitsplätze zu schaffen, will er eine offene Werkstatt mit großem Ausstellungsraum eröffnen.

Daran direkt anschließend will Anna Ulm eine offene Rösterei einrichten, in der sie direkt und transparent gehandelte Bohnen rösten möchte. Zudem soll es Seminare rund um das Thema Kaffee und Rösterfrühstücke geben. Für diese Pläne braucht es nun noch das passende Grundstück oder Gebäude.

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