Schnelles Internet

So viel würde es kosten, alle Bürger im Kreis Gießen mit schnellem Internet zu versorgen

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1000 Haushalte im Kreis, oftmals außenliegende Höfe, kriechen noch über die Datenautobahn. Eine "Nachverdichtung" soll nun für Tempo sorgen – doch können sich das die Kommunen leisten?

Ob es nun das Hotel mitten im Laubacher Wald, die Gaststätte direkt an der B 49 oder ein Aussiedlerhof am Rande des Lumdatals ist: Bedarf reklamieren alle. Selbst ein moderner Landwirtschaftsbetrieb ist mittlerweile ebenso auf schnelles und stabiles Internet angewiesen wie das Grafik- und Werbestudio in der City. Ganz zu schweigen von Privatpersonen. Doch noch immer sind 1000 von 170 000 Haushalten im Landkreis in Sachen schnelles Internet außen vor, selbst einzelne Firmen gehören zu den Abgehängten.

Ich würde mit Nein stimmen, wenn es um das Verlegen einer Glasfaserleitung auf Kosten der Kommune ginge

Karl-Heinz Till, Rabenau (Grünen-Gemeinderat)

Die monetären Voraussetzungen, um Abhilfe zu schaffen, haben sich seit Dezember 2017 wesentlich verbessert. Aus einem Fördertopf des Bundes erhielt der Kreis Gießen 6,3 Millionen Euro. Zugleich sagte das Land zwei Millionen Euro zu.

Gesamtkosten von 12,5 Millionen Euro

Die sachlichen Voraussetzungen besagter Nachverdichtung sind seit Kurzem ebenfalls nach vorn gebracht worden. Im Auftrag der Beteiligungsgesellschaft Breitband Gießen hat das Büro Zick/Hessler jede Kreiskommune ins Visier genommen. Zentrale Fragestellung: Welche Haushalte und Betriebe verfügen über Übertragungsgeschwindigkeiten von unter 30 MBit/s, was gemeinhin als Schwelle zum schnellen Internet gilt? Und: Wo sollte der Glasfaseranschluss vom letzten Übergabepunkt zum Anwesen verlegt werden, was würde der kosten?

Der Aufwand freilich ist noch nicht genau zu beziffern. Ob etwa ein 500 Meter langer Kabelgraben gezogen werden muss oder beim Radwegebau vorsorglich ein Leerrohr verlegt wurde, diese Prüfungen sind noch nicht überall zu 100 Prozent erfolgt.

Einen "administrativen Moloch" nennt Stefan Becker, Geschäftsführer der Breitband Gießen GmbH, die Erhebungen in nicht weniger als 18 Kreiskommunen, inklusive der Stadt Gießen. Doch es ist unabdingbar, allein für den Förderantrag beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sind sie notwendig. Nicht anders sieht das Helge Hessler, dessen Ingenieurbüro die Strukturplanung erstellt hat. Bezahlt wurde die von der Tochter der Breitband GmbH, der von Kreis und Kommunen getragenen Beteiligungsgesellschaft.

Wie Becker im Gespräch vorwegschickt, sei der Versorgungsstandard im Gießener Land nach zwei Ausbaustufen bereits "sehr gut". Doch Becker wie auch die Kreisregierung wollen mehr. Ihnen geht es um die letzten "lahmen Zipfel", die nun mit der dritten Ausbaustufe versorgt werden sollen. Das "i-Tüpfelchen" des Breitbandausbaus, wie Becker es nennt, ist freilich mit rund 12,5 Millionen Euro netto nicht billig. Auch wenn darin die Kosten für ein "Upgrade" von 89 Schulen enthalten ist.

Bleiben am Puls der Zeit

Landrätin Anita Schneider

Die Schulen sind in der Regel bereits gut versorgt. Doch mit jetzt geplantem Verlegen der Glasfaser bis ins Gebäude (FTTB = Fibre to the Building) und einer Bandbreite im Giga-Bit-Bereich wird der Weg für moderne Online-Learning-Methoden geebnet. "Das ist High-End", sagt Becker. Mit 2 bis 2,5 Millionen Euro ist der Part veranschlagt, der allein vom Kreis als Schulträger zu schultern wäre.

Bei einer Förderquote von 62 Prozent blieben somit rund vier Millionen an den 18 Kreiskommunen hängen. Die werden demnächst zu entscheiden haben, ob sie bis zu sechsstellige Zuschüsse bereitstellen wollen. Um so die meist nur wenigen Haushalte ohne den Schwellenwert von 30 Mbit/s versorgen zu können, was mittels Vectoring ab 2019 überall möglich sein soll. Für "kritische Infrastruktur" wie beispielsweise Feuerwehren dürfte das kein Thema sein, bei einer Kläranlage allerdings schon. Und erst recht wohl bei einem Forsthaus oder kleineren Bauernhof.

Ein Beispiel für erwartbar hohen Debattierbedarf ist Laubach, als Flächengemeinde bei jedweder Infrastruktur im Nachteil. "Da ist besonders viel zu tun", weiß Becker. Bei Gesamtkosten von 1,28 Millionen Euro müsste die Gemeinde knapp 500 000 Euro hinblättern. Zu erwarten ist, dass nicht nur in der Ostkreiskommune die Aufwendungen als zu hoch befunden werden. Auch in Rabenau, wo es ebenfalls mehrere Einzelliegenschaften gibt. Ein Beispiel ist das Gehöft Appenborn. Dort wohnt auch der Grünen-Gemeinderat Karl-Heinz Till, der sich - mehr recht als schlecht - mit einem Internet-Anschluss behilft. Doch er betont: "Ich würde mit Nein stimmen, wenn es um das Verlegen einer Glasfaserleitung auf Kosten der Kommune ginge."

Wandel der Technik macht Ausbau zur Daueraufgabe

Es sind Fragen wie diese, die die Politik vor Ort im Laufe der nächsten Monate zu beantworten hat. Soll ein geplantes Gewerbegebiet erschlossen werden, ohne dass das Grundstücksgeschäft unter Dach und Fach ist? Bis 2020, rechnet Becker, werden endlich nicht nur alle Schulen, sondern zumindest viele der letzten "Zipfel" angeschlossen sein – sofern denn die Politik vor Ort den Nachschlag für die Nachverdichtung bewilligt.

Weil Unternehmen einst nicht investieren wollten, hatte der Kreis 2011 die Sache selbst in die Hand genommen und die Breitband Gießen GmbH gegründet. Früher als in anderen Regionen wurden so zwei Drittel des Gebiets versorgt. "Das damals geschaffene Eigentum an Netzen wird heute an Telekommunikationsunternehmen vermietet", sagt Landrätin Anita Schneider. Es bringe der GmbH Einkünfte für die weiteren Projekte. "Mit dem Ausbau im Rahmen einer ›Gigabit-Strategie‹ (direkter Glasfaseranschluss) bleibt der Kreis Gießen am Puls der Zeit", sagt Schneider. Dies werde angesichts des schnellen Wandels der Technik aber freilich dauerhaft die Aufgabe sein.

INFO

Was es Kommunen kosten würde

Die Nachverdichtungsstudie des Büros Zick/Hessler weist unter anderem aus, was die Versorgung der letzten Winkel im Landkreis mit schnellem Internet kosten würde. Die Daten freilich könnten am Ende erheblich abweichen, wenn etwa der Tiefbau günstiger kommt, oder einer Stadt die Erhöhung der Übertragungsgeschwindigkeit von 16 auf 30 Mbit/s für ein einziges Gehöft zu teuer ist. Im Folgenden einige Beispiele.

  1. Heuchelheim: Vier Aussiedlerhöfe gibt es in der "Kompaktgemeinde" nahe Gießen. Laut Bürgermeister Lars Burkhard Steinz verfügen alle bereits über 30 Mbit/s. Bei den einzigen zwei "weißen Flecken" handele es sich um zwei kleine Gewerbebetriebe in der Rodheimer Straße. Die sicherlich vergleichsweise niedrigen Kosten würden noch ermittelt.
  2. Rabenau: In der Lumdatalgemeinde warten noch 56 Anwesen in Wohngebieten auf schnelles Internet. Mit 38 840 Euro käme die Nachverdichtung relativ günstig. Anders sieht es bei den sieben Einzelliegenschaften aus: 590 000 Euro Gesamtaufwand, der Eigenanteil der Kommune würde sich auf circa 238 000 Euro belaufen.
  3. Buseck: Fünf Einzelliegenschaften, vier Höfe und die Gast- und Raststätte "Ganseburg", darum dreht es sich in Buseck. Die Gesamtkosten lägen bei 407 000 Euro, der Eigenanteil der Kommune läge bei 155 000 Euro.
  4. Wettenberg: Bürgermeister Thomas Brunner geht von einem Gesamtaufwand von rund 220 000 Euro aus. Bei einer Förderung von 62 Prozent betrüge der Eigenanteil rund 84 000 Euro – "überschaubar", sagt Brunner.
  5. Laubach: In der Flächengemeinde würde die Rechnung besonders hoch ausfallen: 99 Anschlüsse sind noch nicht mit schnellem Internet versorgt. Der Gesamtaufwand würde sich auf 1,27 Millionen Euro, der Eigenanteil der Kommune auf rund 485 000 Euro belaufen.

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