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Viel mehr als nur Auto fahren

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Die Horlofftaler Motorsportler stecken in der Corona-Zeit den Kopf nicht in den Sand. Mit einer besonders kreativen Idee lädt der MSC Horlofftal Oldtimerbesitzer zu einer "kontaktlosen" Tour durch den Vogelsberg ein. Ein Erlebnisbericht.

Als ich die große Landkarte im Format DIN-A1, das Roadbook mit der Aufgabenstellung und die Bordkarte mit den 65 freien Feldern zum ersten Mal in den Händen halte, machen sich erste Zweifel breit: Kann ich das wirklich schaffen? Noch nie zuvor habe ich an einer Rallye oder etwas Ähnlichem teilgenommen. Wie soll ich nur anhand einer Landkarte von einem zum anderem Ort kommen? Sonst vertraue ich beim Autofahren meist der modernen Technik. Das Navi hat mich bislang immer ans Ziel gebracht.

Aber ich werde mich der Herausforderung stellen. Ich werde die Tour fahren, brauche aber einen Beifahrer, der sich im Kartenlesen und auch in der heimischen Region etwas auskennt. Mir kommt die zündende Idee: Das wäre doch etwas für meinen Vater Reinhard Riess. Ich muss ihn nicht lange überreden, er ist dabei. Der 66-Jährige ist leidenschaftlicher Motorradfahrer und kommt viel herum.

Das Team steht, nun geht es an die Vorbereitung. Schnell wird klar, dass man diese Tour nicht mal eben so fahren kann. Die Landkarte ist an manchen Stellen präpariert. Orte sind vertauscht, Straßen zum Teil gesperrt worden. Man sollte also sowohl die Karte als auch das Roadbook im Vorfeld genau studieren und sich eine Route erarbeiten - will man nicht am Ende auf dem letzten Platz landen. Und das wollen wir definitiv nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass man unterwegs mehrere Fotomotive erkennen und zuordnen muss. Weil wir in Gladenbach zu Hause, also in diesem Fall komplett ortsfremd sind, können wir mit den Motiven auf den ersten Blick wenig anfangen. Auch nicht mit den Ortsnamen. Nie zuvor waren wir in Hopfmansfeld, Blitzenrod oder Rimlos. Unter Seibertenrod oder Vadenrod - noch nie gehört.

Start der Tour ist am Vereinsheim des MSC Horlofftal in Hungen. Wir starten gegen 9 Uhr mit der ersten Etappe, die uns im Idealfall nach Lauterbach führt. Besetzte Kontrollstellen oder gar "Sonderprüfungen" gibt es nicht. Dafür müssen Ortseingangsschilder und gefundene Bildmotive in eine Bordkarte eingetragen werden.

Ich habe versucht, mir im Vorfeld möglichst viele Fotomotive einzuprägen, um sie später schnell wiederentdecken zu können. Doch das ist gar nicht so einfach, schließlich sitze ich hinter dem Steuer und muss mich auf die Straße und den Verkehr konzentrieren.

Der Ehrgeiz ist geweckt

"An der nächsten Kreuzung müssen wir links auf die L 3188 abbiegen." Ich vertraue den Anweisungen meines Vaters, sonst folge ich der Stimme im Navi. Ob wir auf der richtigen Straße unterwegs sind, erfahren wir teilweise erst spät, da Bezeichnungen am Straßenrand manchmal fehlen. Aber mit jedem richtigen Ortseingangsschild, das wir in die Bordkarte eintragen, wächst unser Selbstvertrauen. Und dann erkenne ich auch das erste Fotomotiv wieder! Schnell die Nummer eintragen, und weiter geht’s. Spätestens jetzt ist unser Ehrgeiz geweckt, wir sind auf dem richtigen Weg, und es macht sogar richtig Spaß. Wir sind langsam unterwegs, um nichts zu übersehen. Fahren nicht bloß von A nach B, sondern können auf vielen Nebensträßchen die landschaftlich reizvolle Vulkanregion erkunden. Das ist viel mehr als bloß Auto fahren. In Dörfern am Fuße des Vogelsbergs scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Die Strecke führt hinauf zum Hoherodskopf. Auch dort ist eine Aufgabe zu lösen. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Die schmalen Straßen liegen voller Laub, es ist rutschig. Die Natur sieht teilweise schon recht herbstlich aus, das macht das Finden von Bildmotiven noch mal ein bisschen schwieriger.

Um die Mittagszeit erreichen wir Lauterbach, das erste Etappenziel. Im Posthotel Johannesberg müssen wir uns die Bordkarte abstempeln lassen und bekommen ein Mittagessen. Jeder Tour-Teilnehmer erhält mit den Unterlagen einen Gutschein dafür. Plötzlich betritt ein weiteres Paar mit Bordkarte die Gaststätte. Nun bloß nichts verraten, sind schließlich Konkurrenten! Die Frau gibt preis, noch nicht besonders viele Fotomotive entdeckt zu haben. Nimmt es aber sportlich: "Der olympische Gedanken zählt."

Mit einem guten Gefühl unterwegs

Gestärkt nehmen wir die zweite und somit letzte Etappe in Angriff, von Lauterbach zurück nach Hungen. In meinem Kopf schwirren noch die zwei Sonderfragen umher, auf die wir bislang keine Antwort gefunden haben. Doch wenig später entdecken wir sowohl den Bibelgarten als auch die Vespa auf dem Dach der Mühle. Perfekt!

Wir sind mit einem guten Gefühl unterwegs, doch nicht alles läuft glatt. Einmal endet die Fahrt in einem Feldweg, der zunächst noch geteert war. Auf der Karte sah der Weg definitiv größer aus. Zu früh abgebogen. Und immer wieder haben wir Probleme, auf den Kreis- und Landstraßen die richtigen Bezeichnungen zu finden. Doch dank der zeitintensiven Vorbereitung meines Vaters können wir alle Orte, die im Roadbook beschrieben sind, anfahren.

Kurz vor dem Ziel, dem Vereinsheim des MSC Horlofftal in Hungen, holen wir uns in Röthges den zweiten Stempel. Am Ende haben wir 53 Eintragungen in der Bordkarte. Ob das gut ist? Keine Ahnung. Alle Fotomotive haben wir nicht gefunden, eines vergessen einzutragen. Doch deswegen korrigieren wir die Bordkarte nicht mehr. Gibt schließlich 20 Strafpunkte. Das Gefühl ist ein bisschen wie früher nach einer Klassearbeit: "Eigentlich ist es ganz gut gelaufen..."

Gegen 16 Uhr erreichen wir den Start-/Zielpunkt. Wenn man eine Stunde für die Mittagspause abzieht, bleibt eine reine Fahrtzeit von sechs Stunden. Und das merkt man. Sowohl ich als Fahrerin als auch mein Vater als Beifahrer sind erschöpft - aber zufrieden. Und um eine durchaus positive Erfahrung reicher.

Zwei Monate Vorbereitungszeit

Um so eine Tour zu absolvieren, bedarf es jeder Menge Vorarbeit, es sind viele Details zu beachten. Auch aufseiten der Veranstalter. Daniel Noll, Jörg Berg und Winfried Möll vom MSC Horlofftall waren mehr als zwei Monate mit der Organisation dieser besonderen Veranstaltung beschäftigt. "Wir wollen, dass es weitergeht, trotz Corona", bekräftigt auch Vorsitzender Manfred Möll und betont: "Ich bin stolz, dass das Team so etwas Tolles auf die Beine gestellt hat." Auch das Feedback der Teilnehmer sei bis jetzt durchaus positiv ausgefallen, man habe sehr viel Lob bekommen.

Bislang sind 22 Teams angemeldet. Die Siegerehrung ist für den 12. September geplant. Es bleibt spannend, dann erst werden wir erfahren, wie wir abgeschnitten haben. Die Startnummer 13 hat uns aber in jedem Fall kein Unglück gebracht. FOTOS: SU

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