Videoclip von der Brandstiftung

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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So viel Anschauungs- material haben Ermittler selten: Die Brandstiftung in einem im Bau befindlichen Bordell in Reiskirchen wurde von zahlreichen Videokameras aufgezeichnet.

Spaß haben in verkehrsgünstiger Lage: Dieses Geschäftsmodell macht die Carl-Benz-Straße in Reiskirchen interessant für Investitionen im horizontalen Gewerbe. Gleich zwei Bordelle sind dort, in nächster Nähe zur Autobahnabfahrt, geplant: das pompöse FKK-Village am Ende der Straße und, ein Stück weiter unten, ein zweiter Betrieb in einem Bungalow in der Carl-Benz-Straße 6. Dort hat es in der Nacht zum 14. Mai 2018 gebrannt. Nicht zufällig, wie ein Video aus der Tatnacht beweist. Es zeigt, wie sich zwei Personen Zutritt zu dem Gebäude verschaffen, Brandbeschleuniger in den Innenräumen verteilen und schließlich Feuer legen. Ob es sich bei den Tätern um die beiden Männer handelt, die seit dieser Woche vor der 7. großen Strafkammer des Landgerichts Gießen auf der Anklagebank sitzen, soll in dem Prozess geklärt werden.

Wie die Tat vonstatten gegangen ist, haben die Ermittler akribisch rekonstruiert. Möglich machten es zahlreichen Videokameras, die die Eigentümer des Bungalows nicht nur außen, sondern auch im Inneren installiert hatten. Und weil es sich um Infrarot-Überwachungskameras handelte, konnten sie die Vorgänge im Dunklen festhalten und auf Festplatte speichern.

»Die Kamera sieht, der Mensch sieht nicht«, erläuterte der Experte für Foto- und Videotechnik beim polizeilichen Erkennungsdienst, der am Donnerstag als Zeuge aussagte. Er hatte sich nach der Tat die gesamte Festplatte aushändigen lassen und aus der, wie er sagte, »Unmenge von Daten« einen mehrminütigen Zusammenschnitt destilliert, der den Tathergang Sekunde für Sekunde dokumentiert.

Dass die Täter die Kamera am Eingang mit schwarzer Farbe besprühten, sollte ihnen nichts nützen. Von innen heraus wurde gefilmt, wie sich einer der beiden Zutritt zum Vorraum verschafft und seinen Komplizen einlässt. Mit gezückter Pistole und einem gefüllten Kanister zieht das Duo anschließend durchs Innere, verschüttet Brandbeschleuniger und legt Feuer, ehe es durch eine große Panoramatür verschwindet. »Anfangs hat es auch richtig gut gebrannt«, erläuterte der Zeuge das weitere Geschehen. Doch dann seien die Flammen peu à peu erloschen, wohl mangels Sauerstoff, wie der Polizeibeamte vermutet.

Der Experte hat jedoch nicht nur den Tathergang rekonstruiert. Er hat auch versucht, eine Reihe von Kleidungsstücken, von denen die Ermittler annehmen, dass sie von den Brandstiftern getragen wurden, mit den Bildern auf den Videos abzugleichen.

Gefunden wurden die Textilien und Schuhe nicht in Reiskirchen, sondern im Zuge einer spektakulären Hausdurchsuchung im Vogelsberg. In einem Ortsteil von Alsfeld waren im April 2019 in einer Maschinenhalle massenhaft Waffen, Pyrotechnik und Betäubungsmittel gefunden worden, die ein drogensüchtiger Waffennarr dort bei seiner Familie gebunkert hatte. Erst später hatte der Mann die Kripo darauf hingewiesen, dass in dem Durcheinander auch Kleidung versteckt sei, die bei einer Straftat getragen wurde. Ein Kriminalbeamter schilderte, wie ein Sack, der neben Kapuzenpullis, Hosen und Schuhen auch eine Sporttasche, Handschuhe und Sturmhauben enthielt, entdeckt und gesichert wurde. Diese Kleidungsstücke hat der Foto- und Videoexperte des Gießener Polizeipräsidiums später in einem aufwendigen Verfahren mit dem Video von der Brandstiftung im Reiskirchener Bordell abgeglichen. Sein Fazit: »Da gibt es gewisse Ähnlichkeiten.«

Der Prozess wird fortgesetzt. Es geht unter anderem um die Frage, ob der Brandstiftung Rivalitäten im Rockermilieu zugrunde liegen. Die Sicherungsvorkehrungen vor dem externen Gerichtssaal am Stolzenmorgen waren gründlich, die Angeklagten wurden in Handschellen und mit Fußfesseln in den Saal geführt. Ihre Angehörigen im abgetrennten Zuschauerbereich begrüßten sie mit Kusshändchen.

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