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Ein Video und die Erinnerung an die Licher Juden

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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In Lich bleibt die Leinwand im Traumstern seit bald zwei Wochen dunkel. Dafür lässt die gläserne Eingangstür des Kinos aufmerken. Deren Scheiben dienten in der vergangenen Woche als Projektionsfläche für eine Videoinstallation, die Traumstern-Mitarbeiterin Anika Danielle Wagner der Erinnerung an die jüdischen Bürger von Lich gewidmet hat. "Niemals vergessen! 9. November 1938" steht über den Fotos jener Menschen, die vor mehr als 80 Jahren aus ihrer Heimatstadt vertrieben, die verfolgt, drangsaliert, ermordet wurden.

Anika Wagner ist, wie sie erzählt, einem spontanen Impuls gefolgt. Die Filmstudentin an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung hatte einen Dreh bei der jüdischen Gemeinde von Hanau. Zeitgleich gingen in Leipzig Corona-Rebellen und rechte Hooligans zu Tausenden auf die Straße. "Dort wird demonstriert und hier werden Gedenkveranstaltungen wie die 9. November-Reihe abgesagt. Irgendwie musste ich was machen", berichtet sie rückblickend.

Die Frage, was lebendige Erinnerungskultur sein kann und wie man Menschen erreicht, die nicht zu Gedenkveranstaltungen gehen, beschäftige sie schon länger. Auch die Idee für eine Videoinstallation trage sie schon eine Weile mit sich herum. "Nun war der richtige Moment dafür." Wagner montierte alte Schwarz-Weiß-Fotos, die man aus dem von der Chambré-Stiftung herausgegebenen Band "Juden in Lich" kennt, zu einem etwa zehnminütigen Video. Sie zeigen die Windeckers, die Goldschmidts, die Bings und viele andere. Auch Stiftungsgründer Ernst Ludwig Chambré, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor, ist auf einem Bild zu sehen. Die Namen der vertriebenen und ermordeten Licher Juden sind am Montag, dem Jahrestag der November-Pogrome von 1938, vor der Marienstiftskirche verlesen worden. Man kann sie auch auf einer Tafel in der ehemaligen Bezalel-Synagoge in der Amtsgerichtsstraße lesen. Doch Anika Wagner ist überzeugt: "Die Bilder dieser Menschen sagen noch mehr." us/Foto: us

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