Schönstes Frühlingswetter, doch auf dem Grünberger Marktplatz sind nur wenige Menschen unterwegs. Der Grund ist klar: Seit gestern dürfen viele Ladenbesitzer ihre Geschäfte nicht mehr öffnen. FOTOS: TI
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Schönstes Frühlingswetter, doch auf dem Grünberger Marktplatz sind nur wenige Menschen unterwegs. Der Grund ist klar: Seit gestern dürfen viele Ladenbesitzer ihre Geschäfte nicht mehr öffnen. FOTOS: TI

Verwaiste Plätze, leere Straßen

  • vonChristina Jung
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Deutschland ist im Krisenmodus, das öffentliche Leben unterliegt starken Einschränkungen. Auch viele Geschäfte im Landkreis mussten gestern schließen. Unternehmer begegnen dem mit kreativen Ideen, und wer kann, setzt auf den Onlinehandel.

Mittwochmorgen, 10 Uhr. Die Sonne strahlt vom Himmel, die Temperaturen künden vom Frühling. In der Großen-Busecker Kirchstraße haben die Mitarbeiter eines Dachdeckerbetriebes großes Gerät aufgefahren. Autos fahren vorüber. Fußgänger gehen vorbei. Ein alltäglicher Vormittag? Ganz und gar nicht.

Die meisten Geschäfte haben geschlossen. Die Unternehmer bitten auf Schildern an Schaufenstern und Türen um Verständnis, verweisen auf die jüngste Entscheidung von Bund und Ländern in Sachen Corona-Pandemie. Auf "Busecks Seltersweg", wie so mancher die Kaiserstraße liebevoll nennt, ist es beunruhigend ruhig. Nur vereinzelt sind Menschen unterwegs, um jene Läden und Dienstleister anzusteuern, die öffnen dürfen. Die meisten wissen längst, was die Stunde geschlagen hat.

Das gleiche Bild im Nachbarort Reiskirchen sowie im zehn Kilometer entfernten Grünberg. Die Marktgasse der Gallusstadt ist fast menschenleer, auf dem Marktplatz von Trubel keine Spur. Und das bei schönstem Frühlingswetter. In der Eisdiele sitzen nur an wenigen Tischen Gäste. Den vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Mindestabstand von ein bis zwei Metern einzuhalten, wird hier nicht zum Problem.

Was für die Sicherheit der Menschen gut ist, ist für die Wirtschaft schlecht und fordert Kreativität von den Geschäftsinhabern. Einige setzen auf den Onlinehandel, andere richten Lieferservices für ihre Kunden ein. Lieselotte Barte beispielsweise, die in Großen-Buseck seit 37 Jahren das Kauflädchen betreibt. Bereits am Dienstagmorgen hat sie auf Facebook gepostet, dass sie ihre "Kleinigkeiten und Aufmerksamkeiten" den Kunden bei Bedarf nach Hause bringt. Ebenso verfährt Siena Ochs, Chefin der Parfümerie am Anger. Per Telefon, WhatsApp, E-Mail oder im Onlineshop können Cremes und Make-ups geordert werden. Wer möchte, kann die Ware vor Ort abholen. Diese wird von einer Mitarbeiterin durch die offene Tür gereicht und auf der Fußmatte abgestellt, ebenso wie das frisch desinfizierte EC-Gerät zur Kartenzahlung. Wer die Rechnung lieber per Überweisung begleichen will, kann auch das tun.

"Besondere Situationen brauchen besondere Lösungen", findet die 42-Jährige, die auch Geschäfte in Nidda und Alsfeld besitzt. Sie ist davon überzeugt, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist und rechnet mit weiteren, härteren Einschnitten. Viele Menschen hätten immer noch nicht verstanden, worum es gehe. Die Maßnahmen der Regierung hält sie für absolut richtig. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, können wir es gleich lassen."

Auch Kunden zeigen Verständnis. "Es geht eben nicht anders. Sonst kriegen wir das nicht in den Griff", sagt eine 58-jährige Großen-Buseckerin, die an diesem Morgen vor einer der geschlossenen Geschäftstüren steht.

Nicht alle sehen das so. Erhard Ulrich beispielsweise, seit 66 Jahren Friseur und immer noch zwei Tage pro Woche im Laden seines Sohnes Meik in Großen-Buseck tätig, hält die Maßnahmen für "übertrieben", und das habe Folgen. "Die Menschen haben Angst", sagt Ulrich. Termine würden abgesagt, eine Kundin sei bereits mit Mundschutz gekommen. Der Mindestabstand ist bei den Friseuren nicht realisierbar. Schon vergangene Woche sei der Umsatz um 20 Prozent zurückgegangen. Tendenz steigend. Die Menschen beginnen damit, sich auf das Notwendige zu beschränken. Ein Friseurbesuch gehört nicht für jeden dazu.

Viele haben derzeit unter den Einschnitten zu leiden. Nicht nur die Friseure. Nicht nur jene, die bereits schließen mussten. Arbeitnehmer werden in vielen Branchen nach Hause geschickt, Kurzarbeit wird beantragt. Doch das ist leichter gesagt als getan. "Ich habe es versucht, aber man kommt ja telefonisch gar nicht durch", sagt Fritz Reinhard, Inhaber der gleichnamigen Buchhandlung in der Grünberger Marktgasse. "Wir machen das jetzt alles schriftlich." Wirtschaftlich gesehen ist das für ihn in der derzeitigen Situation der richtige Schritt. Wann das erste Geld fließen wird, weiß Reinhard nicht. "Wir melden jetzt unsere Ansprüche an und sehen, was kommt." Bis es so weit ist, muss er von den Rücklagen leben, denn Kosten wie Miete oder Versicherungen laufen weiter.

Reinhards Hoffnung liegt auf dem Internetshop, den er seit 20 Jahren betreibt. Auch wenn dieser bisher nur vier Prozent des Jahresumsatzes ausgemacht hat, bittet Reinhard: "Ich hoffe, dass die Kunden nicht in andere Internetshops abwandern."

Auf das Onlinegeschäft kann Evelin Lachetta nicht bauen. Die Floristin, die in der Bersröder Straße in Reiskirchen die Blumenvilla betreibt, muss in den kommenden Wochen zuschauen, wie ihre Kunden in den Baumarkt gehen, um Pflanzen zu kaufen. "Das ganze Frühlingsgeschäft geht uns verloren", sagt sie. Für die Einschnitte hat sie Verständnis, hält aber die Auswahl für fragwürdig. "Im Restaurant kann ich mich und andere doch mittags genauso anstecken wie abends", sagt sie.

Und wie lange hält sie als Unternehmerin die Geschäftschließungen durch? "Ein paar Wochen sind kein Problem, bei einem halben Jahr wird es schon kritisch", so die 35-Jährige. "Je nachdem, wie lange das Ganze dauert, gehen irgendwann die Ersparnisse drauf." Wohl dem, der solche hat. Viele Kleinunternehmer allerdings verfügen heute nicht mehr über Rücklagen. Ein großer Teil der Gesellschaft lebt ohnehin auf Pump. Und wer knapp kalkuliert hat, schließt nach der Krise seine Ladentüren vielleicht gar nicht mehr auf. Einen Eindruck davon, wie es dann in den Orts- und Stadtmitten aussehen wird, kann man sich derzeit verschaffen.

Einer der wenigen, die gestern in Grünberg unterwegs waren, kam aus dem Vogelsberg. Ein Physiotherapeut war auf der Suche nach neuen Behandlungsräumen. Vielleicht stehen ihm schon beim nächsten Besuch mehr Ladenlokale zur Verfügung als gedacht.

Daran wollen viele Geschäftsleute derzeit noch nicht denken, sind zuversichtlich, dass es weitergeht. Jetzt heißt es erst mal: Gemeinsam durch die Krise.

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