Leiter der Ordnungsämter im Kreisgebiet schlagen Alarm: "Würden uns Kollegen aus anderen Abteilungen nicht unterstützen, würden wir die vielen Kontrollen nicht schaffen", sagt Steven Herdman in Staufenberg.
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Leiter der Ordnungsämter im Kreisgebiet schlagen Alarm: »Würden uns Kollegen aus anderen Abteilungen nicht unterstützen, würden wir die vielen Kontrollen nicht schaffen«, sagt Steven Herdman in Staufenberg.

140.000 Euro Bußgelder

Kreis Gießen: Bordell war plötzlich wieder offen - Hunderte Verstöße gegen Corona-Regeln

  • vonStefan Schaal
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Maskenverweigerer, nicht eingehaltene Abstandsregeln, fehlerhafte Gästelisten in Restaurants - und ein Bordell das weiter lief: In bislang 540 Fällen mussten Ordnungsämter und Polizei im Kreis wegen Verstößen gegen Corona-Regeln Verfahren einleiten. 140 000 Euro Bußgelder wurden verhängt. Leiter von Ordnungsämtern räumen ein: »Wir stoßen an unsere Grenzen.«

Kreis Gießen - Es sind Zahlen, die aufrütteln: In bisher 540 Fällen haben Polizei und Ordnungsämter Bußgeldverfahren gegen Menschen im Kreisgebiet eingeleitet, die gegen Corona-Regeln verstoßen haben.

In 70 Prozent der Fälle wurden dabei fehlende Abstände geahndet, vor allem bei Feiern und Treffen von Gruppen im öffentlichen Raum. 50 Personen wurden zu Bußgeldern verdonnert, weil sie sich weigerten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die meisten Fälle, bestätigt ein Sprecher des Landkreises, haben sich in der Stadt Gießen abgespielt. Insgesamt wurden im Kreis bis Mitte November Bußgelder in Höhe von 140 000 Euro verhängt.

Kreis Gießen: Nur wenige Maskenverweigerer unter Corona-Regel-Brechern

Leiter der Ordnungsämter im Gießener Land ordnen die Zahlen indes als überschaubar ein. Die 540 Fälle beziehen sich auf die vergangenen acht Monate im gesamten Kreisgebiet, betont Dirk Drebes, Leiter der Abteilung Ordnung und Gewerbe der Stadt Gießen. »In aller Regel geht es um Kleinigkeiten«, bestätigt Tim Schneider vom Ordnungsamt in Linden.

Maskenverweigerer gebe es nur wenige, erklärt Drebes. »In der Stadt stoßen wir auf einen pro Tag.« Man habe allerdings immer wieder mit Wiederholungstätern zu tun. »Am Marktplatz hat sich vor kurzem jemand strikt geweigert, eine Maske aufzusetzen.« Dieser habe sich stumm gestellt. »Wir haben einen Platzverweis erteilt.« Auf derartige Konsequenzen oder auf Bußgeld verzichte man, so gut es gehe. Ziel sei, die Menschen zu ermutigen, sich an die Regeln zu halten. »Wenn wir durch die Fußgängerzone laufen, ziehen Passanten ihre Maske zurecht. Manche entschuldigen sich.« Es gehe nicht darum, möglichst viele Bußgelder für die Stadt einzunehmen. »Wir sind eher das schlechte Gewissen, das an die Pflichten erinnert.«

Corona-Kontrollen im Kreis Gießen: „Auch die Spielhallen, die derzeit geschlossen sein müssen, fahren wir ab“

Einige Kollegen im Gießener Land schlagen allerdings auch Alarm. »Wir stoßen an unsere Grenzen«, räumt Lollars Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek ein. »Würden uns Kollegen aus anderen Abteilungen nicht unterstützen, würden wir es nicht schaffen«, sagt Steven Herdman, Leiter des Ordnungsamts in Staufenberg. Hauptgrund ist die Vielzahl an Kontrollen, für die nun die Ordnungsämter zuständig sind, zusätzlich zu ihren bisherigen Aufgaben. Die Beamten überprüfen täglich, ob die Corona-Regeln im Einzelhandel, in Hotels und an öffentlichen Plätzen beachtet werden, ob die Gaststätten derzeit geschlossen sind. »Wir kontrollieren Sportplätze und Freizeiteinrichtungen«, berichtet Schneider aus Linden. »Auch die Spielhallen, die derzeit geschlossen sein müssen, fahren wir ab.«

Während in Gießen täglich mindestens acht Kräfte im Zwei-Schichten-Betrieb und in Doppelstreifen im Einsatz sind, haben zahlreiche Kreiskommunen nur einen Vollzugsbeamten zur Verfügung, wie bis vergangene Woche beispielsweise Linden. Am vergangenen Montag hat die Stadt vor dem Hintergrund der Pandemie eine neue Vollzugsbeamtin fest eingestellt.

Den Zahlen des Landkreises zufolge gab es bisher etwa 30 Verstöße in Gaststätten in der Führung der Gästelisten. Fantasienamen wie Donald Duck wurden dabei nicht festgestellt. »Die Listen wurden entweder gar nicht geführt oder waren unvollständig oder nicht leserlich«, erklärt eine Sprecherin des Kreises. Derartige Verstöße würden mit 500 Euro geahndet.

Corona und Prostitution: Verbot in mindestens 50 Fällen missachtet

In 50 Fällen wurde im Kreis bisher das Verbot der Prostitution während der Pandemie missachtet. Inkognito durchsuche man einschlägige Seiten im Internet und vereinbare Termine, um zu überprüfen, ob die Etablissements auch wirklich geschlossen sind, berichtet Drebes. »Eines in Wieseck hatte vor zwei Wochen wieder geöffnet.« Man habe dort sieben Frauen vorgefunden. »Das Bordell wurde geschlossen und versiegelt.«

Überwiegend allerdings, betonen die Leiter der Ordnungsämter, sei in der Bevölkerung eine »hohe Akzeptanz« der Corona-Regeln zu beobachten. Vor allem im ländlichen Raum halten sich die Verstöße in Grenzen. In Staufenberg wurde bisher kein einziges Bußgeld verhängt, berichtet Herdman. Ermahnungen hätten bisher ausgereicht. Auf die Frage nach dem schwierigsten Fall berichtet er von zwei älteren Männern. »Sie standen an einem Café und hatten die Maske nur über das Kinn gezogen.« Schwierig sei der Fall gewesen, weil es etwas länger gedauert habe, ihnen die Regeln zu erklären. »Wenn jemand die Maske nicht auf hat, verhängen wir nicht gleich 200 Euro, sondern reden erstmal.«

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