Laut Tim Mattern, Vorstandssprecher des NABU-Kreisverbands, ist das ein Grasweg, wie "leider zu häufig" die Realität aussieht: Der Wegrain sei zu schmal und zu artenarm, zudem sei die Wegefläche teilweise untergepflügt worden. 	SYMBOLFOTO: PM
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Laut Tim Mattern, Vorstandssprecher des NABU-Kreisverbands, ist das ein Grasweg, wie »leider zu häufig« die Realität aussieht: Der Wegrain sei zu schmal und zu artenarm, zudem sei die Wegefläche teilweise untergepflügt worden. SYMBOLFOTO: PM

Artensterben

Kreis Gießen: Immer weniger Feldwege – Naturschützer besorgt

  • vonLena Karber
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Feldwege sind nicht nur für Spaziergänger und Landwirte wichtig, sondern auch für viele Tiere. Trotzdem werden sie hessenweit immer schmaler oder verschwinden sogar ganz - und zwar häufig illegal. Naturschützer aus dem Kreis Gießen fordern die Bürgermeister daher zum Handeln auf.

Gießen – Das Artensterben schreitet in rasantem Tempo voran - das geht aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Umweltstiftung WWF und der Zoologischen Gesellschaft London hervor. So sind die Populationen von Tieren, Vögeln und Fischen, die in der Untersuchung berücksichtigt wurden, seit 1970 um fast 70 Prozent geschrumpft. In Deutschland sind etwa das Rebhuhn und der Kiebitz betroffen.

Verschwinden der Feldwege Grund für Artensterben

Ein Grund dafür ist laut Naturschützern, dass hessenweit Feldwege verschwinden oder immer schmaler werden. Das haben Vertreter des NABU, der Naturlandstiftung im Landkreis Gießen und des Arbeitskreises Lebensraum Feldwege bei einem Ortstermin in der Gemarkung Harbach betont. »Feldwege und Feldraine sind Kleinbiotope und können der Vernetzung dienen«, sagte Ottfried Weber von der Naturlandstiftung. »In vielen Gemarkungen sind es die letzten verbliebenen Strukturen, die der Tierwelt als Versteck, als Nistplatz und als Nahrungsgrundlage geblieben sind.«

Allerdings, so der Tenor der Naturschützer, wird in den Kommunen des Landkreises zu wenig getan, um diese Biotope zu schützen. So hat die NABU-Gruppe Oberes Kleebachtal seit 2017 etwa 45 Feldwege vermessen und dabei ein unbefriedigendes Ergebnis zu Tage gebracht. »Gut 70 Prozent sind zu schmal«, fasste Günter Oberländer zusammen. »Und einen Teil der Wege haben wir gar nicht mehr gefunden.«

Kommunen über umgewandelte Feldwege oft nicht informiert

Häufig würden Landwirte Feldwege in Grünland- oder Ackerflächen umwandeln, etwa um benachbarte Felder effektiver nutzen zu können, sagte Dr. Hanno Steinmetz, Sprecher des Arbeitskreises. Und zwar meist ohne Absprache mit der Kommune und somit auch ohne klare Bestimmungen und die Bereitstellung von Ausgleichsflächen.

Manfred Paul, der Vorsitzende des Kreis-Bauernverbandes, wies Pauschalvorwürfe indes zurück. Er achte in seinem Bereich darauf, dass die Landwirte sich an die Vorgaben halten und habe das in Villingen »zu 90 Prozent im Griff«, betonte er. »Schwarze Schafe hat jeder Berufsstand.«

Primär richtete sich die Kritik der Naturschützer jedoch ohnehin an die Kommunen, in deren Eigentum sich die Feldwege befinden. »Die Bürgermeister kümmern sich häufig überhaupt nicht«, sagte Steinmetz. »Das Interesse und die Verantwortung enden in der Regel am letzten Haus.«

Hungen und Grünberg im Landkreis Gießen gehen das Feldweg-Problem an

Zumindest positive Ansätze attestierte Bodo Fitz vom NABU Langd der Stadt Hungen, die gezeigt habe, »dass sie gewillt ist, etwas zu unternehmen« - wenn auch die Kontrolle oftmals an den Naturschützern hängen bleibe.

Auf die Frage nach dem Hungener Ansatz im Umgang mit dem Feldwege-Problem kam auch Rathauschef Rainer Wengorsch auf diesen Punkt zu sprechen. »Wir sind wegen der Größe unserer Gemarkung auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen«, schrieb er auf GAZ-Anfrage. Gleichzeitig lasse sich das Problem jedoch nicht nur mit Kontrollen und Anzeigen lösen. »Wir sind im Dialog mit den Landwirten und wollen ein Verständnis für den Umweltschutz fördern.«

Auch sein Grünberger Kollege Frank Ide gab an, dass man Hinweisen aus der Bevölkerung oder aus den Ortsbeiräten nachgehe. »Diese Handhabe hat übrigens dazu geführt, dass Landwirte zwischenzeitlich offiziell vorher bei uns anfragen, ob sie den Weg umbrechen, pachten oder kaufen dürfen«, sagte Ide. In diesem Fall werde dann ein Verfahren in Kraft gesetzt, bei dem sowohl der jeweilige Ortsbeirat als auch der Ortslandwirt und die Jagdgenossenschaft zustimmen müssen.

Auch falsche Bewirtschaftung bedroht Naturschutz: „Wir können es nicht jedem recht machen“

Laut Naturschützern ist jedoch nicht nur das Verschwinden von Feldwegen, sondern auch deren falsche Bewirtschaftung - und insbesondere das zu häufige Mulchen - ein großes Problem. »Dadurch verlieren sie ihren Biotopwert um nahezu hundert Prozent«, betonte Weber. Daher, so die Forderung der Naturschützer, müssten Mitarbeiter von Ordnungsämtern zu diesem Thema besser geschult werden. Zudem gebe es Möglichkeiten, die zeitlichen Abstände zwischen dem Mähen von Feldrainen, Wegrändern und Gräben zu vergrößern, ohne die Effektivität der kommunalen Arbeit zu beeinträchtigen - etwa indem pro Jahr nur eine Seite abgemäht wird.

Der Grünberger Rathauschef kennt jedoch auch die andere Seite: Von Touristen und Spaziergängern komme oftmals der Hinweis, dass die Wege mal wieder gemäht werden müssten, sagte Ide. Man könne es nicht jedem recht machen.

Aus Sicht der Naturschützer ist diese »übertriebene Ordnungsliebe« ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem. Sie fordern im Sinne des Artenschutzes ein Umdenken - und »etwas Mut zur Unordnung«. (Lena Karber)

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