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Verschleppt, geschlagen und bedroht

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Von: Constantin Hoppe

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Auf diesem Parkplatz in der Siemensstraße im Lindener Gewerbegebiet zwangen die Angeklagten ihr Opfer, sich hinzuknien, und hielten ihm eine Waffe an den Kopf. © Constantin Hoppe

Vor dem Landgericht in Gießen müssen sich sechs Männer aus dem Landkreis Gießen und dem Lahn-Dill-Kreis verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, einen Mann nach Drogen- geschäften entführt, bedroht, ausgeraubt und geschlagen zu haben.

Es ist eine Szene wie aus einem Mafia-Film. Auf einem dunklen Parkplatz im Großen-Lindener Gewerbegebiet Lückebachtal hält ein Audi. Mehre Männer zwingen ihr Opfer, das Fahrzeug zu verlassen und sich dort hinzuknien. Dann schlagen sie den Mann, richten eine Waffe auf seinen Kopf und fordern 10 000 Euro.

So sollen sich die Ereignisse am 23. März 2021 in Großen-Linden zugetragen haben. Sechs Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren müssen sich deshalb seit Dienstag vor der 1. Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts verantworten.

Die Staatsanwaltschaft Gießen wirft den sechs Männern in unterschiedlicher Tatbeteiligung einen besonders schweren Fall von Raub, Menschenraub, Nötigung und den illegalen Handel mit Betäubungsmitteln oder die Beihilfe zu den genannten Taten vor.

Die Angeklagten sind deutsche und türkische Staatsangehörige. Der 28 Jahre alte Hauptangeklagte besitzt eine Werkstatt in Linden. Genau dort sollen die Ereignisse vom 23. März ihren Ursprung genommen haben.

Wie das 25 Jahre alte Opfer aus Wetzlar gegenüber der Polizei angab, war er vor dem Tattag über Monate hinweg häufiger in dieser Werkstatt, um dort Drogen zu kaufen. Dabei hätten sich Schulden von etwa 800 Euro angehäuft. Zu einem nicht genauer definierten Zeitpunkt im Winter 2020 sei er dann in die Werkstatt gerufen worden. Dort soll ihm der 28-jährige Lindener bedroht und geschlagen haben, während ein ebenfalls 28 Jahre alter Mitangeklagter aus Gießen die Zugangstür der Werkstatträume blockierte, damit das Opfer nicht fliehen konnte. Statt der 800 Euro soll der Hauptangeklagte nun 5000 Euro gefordert haben. Der Mann aus Wetzlar soll daraufhin versprochen haben, das Geld aufzutreiben.

Doch zahlen konnte er nicht: Im März 2021 beschloss der Hauptangeklagte deshalb, sich das Geld mit Gewalt zu besorgen: Vier der fünf anderen Angeklagten nahm er als Unterstützung mit und ließ seinen Bruder ein vermeintliches Treffen mit dem Wetzlarer ausmachen. Bei dem ausgemachten Treffen sollte es um den Ankauf von Cannabis gehen.

Am Treffpunkt in Wetzlar warteten dann jedoch der Lindener und seine Kumpane auf das ahnungslose Opfer. Nachdem es wegen des vermeintlichen Drogengeschäfts in ein Auto gestiegen war, setzten sich der Hauptangeklagte und zwei seiner Mittäter plötzlich mit in den Wagen.

Auf der anschließenden Fahrt nach Linden soll der Werkstattbesitzer gegenüber dem Wetzlarer gesagt haben: »Dachtest du, ich bekomme dich nicht? Du gehörst jetzt mir!« Die Angeklagten sollen den Wetzlarer mit Kabelbindern gefesselt und ihn während der Fahrt mehrfach geschlagen und mit einer Softair-Waffe bedroht haben.

In Linden fuhren sie mit ihm auf einen Parkplatz in der Siemensstraße, der Hauptangeklagte richtete dort eine Pistole auf den Wetzlarer. Dieser sollte nun 10 000 Euro bezahlen. »Der Geschädigte erlitt dadurch Todesangst«, erklärte Staatsanwältin Mareen Fischer. Nachdem er erklärte, er könne die Summe nicht bezahlen und noch einmal um einen Aufschub bat, schlugen ihn die Angeklagten erneut. Danach sollen sie überlegt haben, das Opfer in die Werkstatt des Hauptangeklagten zu bringen, um »dort weiterzumachen«, erklärte die Staatsanwältin.

Diesen Moment nutzte der 25-Jährige jedoch zur Flucht. Er lief in einen nahe gelegenen Sportpark und setzte dort um 20.39 Uhr einen Notruf ab.

Allen Angeklagten sei bewusst gewesen, was an diesem Abend geschehen sollte, sagte Staatsanwältin Fischer. »Allen war klar, dass Gewalt eingesetzt werden sollte.«

Seine Einlassung gegenüber der Polizei wollte der 25-Jährige vor Gericht jedoch nicht wiederholen, Mit den Worten »es ist kompliziert«, machte er während des ersten Verhandlungstages von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, da ihn die Aussage selbst belasten könnte. Auch auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Andreas Wellenkötter wollte er keine Angaben zu den Vorgängen machen.

Gegen den bereits vorbestraften Hauptangeklagten bestehen noch weitere Anklagepunkte: Bei der Durchsuchung der Lindener Werkstatt fand die Polizei unter anderem ein Mobiltelefon, auf dem die Beamten Kinder- und Jugendpornografische Videos fanden. Der Angeklagte behauptet, dass das Telefon nicht ihm gehöre. Zudem finden sich in der langen Anklageschrift weitere Vorwürfe wegen des illegalen Besitzes von Betäubungsmitteln, mindestens 108 Fälle von Handel mit Betäubungsmitteln, Urkundenfälschung, der Bedrohung von Personen sowie Körperverletzung, mehrfache Beleidigungen von Polizeibeamten, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Fahren ohne Fahrerlaubnis.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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