Die Fahrgäste am Grünberger Bahnhof sind auf die neue Maskenpflicht in Bahnen vorbereitet. FOTO: JWR
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Die Fahrgäste am Grünberger Bahnhof sind auf die neue Maskenpflicht in Bahnen vorbereitet. FOTO: JWR

Mund-Nasen-Schutz im ÖPNV

Vermummte Pendler: Wie Bahn- und Busnutzer mit der Maskenpflicht umgehen

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Was noch vor Wochen als befremdlich galt, ist seit heute Pflicht: Bus- und Bahnnutzer müssen eine Maske tragen. Was halten sie davon? Eindrücke aus Bussen und Bahnen im Kreis Gießen vom Montagmorgen.

Während der Bus der Linie 21 am frühen Montagmorgen gerade Annerod ansteuert, hallt von vorne aus der Fahrerkabine der 80er-Jahre-Klassiker "Danger Zone". Vermutlich ist die Musikwahl nur Zufall, und doch ist auch das Innere eines Busses dieser Tage eine Art Gefahrenzone. Seit gestern ist das auf den ersten Blick sichtbar: Wer einen Bus oder eine Bahn betritt, muss einen Mund- und Nasenschutz tragen. Auch diese Maßnahme soll eine weitere Verbreitung des Coronavirus verlangsamen.

Die meisten Fahrgäste bedecken Mund und Nase schon, bevor sie in den Bus oder die Bahn einsteigen. Nicht angenehm, irgendwie merkwürdig, aber es muss nun eben sein - so lässt sich der Tenor bei den ÖPNV-Nutzern zusammenfassen. Flächendeckend kontrolliert wird die Einhaltung zurzeit nicht. "Wenn die Leute keine Maske anhaben, dann ist es halt so. Ich bin ja nicht die Polizei", äußert sich ein Busfahrer, der am Grünberger Bahnhof gerade Zeit für eine Zigarettenpause findet. Fahrgäste eindringlich auf das Tragen von Mundschutz hinzuweisen - das sei nicht seine Aufgabe, sagt der Fahrer.

Maskenpflicht im ÖPNV: Absperrband im Bus

Auch sein beruflicher Alltag hat sich in den letzten Wochen gewandelt. Etwa dadurch, dass die Fahrgäste nicht mehr, wie bei Überlandbussen üblich, vorne einsteigen und bezahlen oder ihr Ticket vorzeigen. Nun bleibt die vordere Bustür verschlossen. Etwa einen Meter hinter dem Fahrer signalisiert schwarz-gelbes Absperrband, dass Kontakt zu den Busfahrern zu vermeiden ist. Ein Aushang weist darauf hin, die Fahrkarten entweder online per App oder am Automaten zu kaufen.

Gerade für ältere Kunden sei das ungewohnt, sagt der Busfahrer. Und wer keine Apps nutzt und an einer Station einsteigt, wo es keinen Automaten gibt, muss zwangsläufig schwarzfahren. "Manche ältere Herrschaften steigen ein und wollen mir direkt Trinkgeld geben, damit sie was bezahlen können", verrät der gut gelaunte Fahrer.

Die ersten Wochen, sagt er, seien okay gewesen. "Aber der Kontakt zu den Kunden fehlt mir jetzt schon ein bisschen. Wenn jemand einsteigt und von hinten durch den ganzen Bus ›Guten Morgen‹ ruft, ist das schon ungewohnt."

Maskenpflicht im ÖPNV: Viele Varianten

Im Bus von Gießen nach Grünberg ist an diesem Morgen wenig los, Abstand halten daher nicht schwierig. Das sieht im Zug auf der Fahrt zurück nach Gießen schon anders aus: Teils stehen die Menschen dicht beieinander. Aber auch hier trägt jeder einen Mund- und Nasenschutz, wobei Maske nicht gleich Maske ist: Viele haben sich einfache OP-Masken umgeschnallt, einige auch hochwertige Schutzmasken. Etliche Fahrgäste berichten, sie hätten selbst genäht oder nähen lassen.

Ein Mann in mittlerem Alter liest gerade Zeitung, er trägt im Gesicht einen Stoff mit Rettungsringen darauf. "Die hat mir neulich ein Mitfahrer geschenkt", sagt er. Wohl fühlt er sich mit dem Schutz im Gesicht nicht, seine Brille ist beschlagen: "Ich habe das Gefühl, man atmet schwerer, Mir wäre es lieber ohne, ich würde die Maske gern abziehen. Vor allem würde ich gern mal in mein Brot beißen", sagt er lächelnd, verkneift sich den Snack aber vorerst.

Eine Mitfahrerin ist aus anderen Gründen skeptisch: Sie befürchtet, die Masken könnten eine trügerische Sicherheit vermitteln. "Die Masken bieten nur Schutz, solange ich mir mit den Händen nicht ins Gesicht fasse", gibt sie zu bedenken. Auch darüber, Masken zu wechseln, wenn sie von der Atemluft feucht werden, müsse mehr gesprochen werden. Sie hätte sich gewünscht, dass der Staat "zu annehmbaren Preisen" genügend geeigneten Schutz zur Verfügung stellt. Außerdem fehle es auch im ÖPNV an Möglichkeiten, sich die Hände zu desinfizieren, "das wäre etwas Grundlegendes".

Auch in den Autos, die dem Bus entgegenkommen, tragen etliche am Steuer Mund- und Nasenschutz. Ebenso auf dem Fußweg zu den Bushaltestellen - auch wenn teils niemand in unmittelbarer Nähe ist, den man dadurch schützen könnte.

Maskenpflicht im ÖPNV: Der Wind hat sich gedreht

"Wir hatten immer ein Vermummumsverbot, jetzt haben wir ein Vermummumsgebot", sagt eine Frau und lächelt. Es ist zumindest bemerkenswert, wie der Wind sich in kurzer Zeit gedreht hat: Noch vor wenigen Wochen wurden Menschen, die in der Öffentlichkeit Mund und Nase mit Stoff bedeckten, mitunter skeptisch angeschaut. Nun ist es umgekehrt. In einer Gesellschaft, in der es eigentlich zum guten Ton gehört, öffentlich Gesicht zu zeigen, ist diese Selbstverständlichkeit bis auf Weiteres zu einem Problem geworden.

Dass etliche nun auch auf den Straßen, jenseits von ÖPNV und Geschäften Masken tragen, mag hier und da auch einem Missverständnis geschuldet sein. Ähnlich wie bei einem 32-jährigen Lollarer, der am Morgen im Bus sitzt. Man sehe im öffentlichen Raum ja doch noch viele, die Nase und Mund nicht bedecken, moniert er. Ihm war nicht bewusst, dass die Pflicht zurzeit nur in Bussen, Bahnen und Geschäften gilt.

"Wenn du einen Menschen rettest, rettest du die ganze Welt", sinniert der junge Mann. "Egal, wie hart es ist: Man sollte jetzt jede Maßnahme machen", sagt er, während das obere Ende seiner OP-Maske locker unter der frei liegenden Nase baumelt. Um sich selbst mache er sich wegen des Coronavirus eigentlich keine Sorgen, auch wenn das eingeschränkte Privatleben schon belastend sei: Fußballtraining, Freunde treffen - das vermisse er. Allzu lang, so seine Vermutung, werde man die Leute wohl nicht davon abhalten können, Sozialkontakte wie gewohnt zu pflegen. "Wenn einer im Gefängnis ist und flieht, ist der Ausbruch an sich nicht strafbar. Die Freiheit ist einfach im Menschen verankert."

Info

Bundesweite Pflicht

Seit Montag gilt in allen Bundesländern eine Maskenpflicht im öffentlichen Bus- und Bahnverkehr, lediglich Schleswig-Holstein zieht erst am Mittwoch nach. Wer wiederholt gegen dieses Gebot verstößt, kann in Hessen mit einem Bußgeld von 50 Euro betraft werden. Ausgenommen von der Pflicht, Mund und Nase zu bedecken, sind Kinder unter sechs Jahren und Menschen, die wegen einer Behinderung oder gesundheitlicher Beeinträchtigungen keine Maske tragen können. jwr

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