Der alte Wehrturm in Allendorf/Lumda prägt das Stadtbild seit Jahrhunderten. FOTO: JWR
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Der alte Wehrturm in Allendorf/Lumda prägt das Stadtbild seit Jahrhunderten. FOTO: JWR

Vom Verlies zur Brutstätte

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Einst war der Wehrturm im Norden von Allendorf/Lumda ein Baustein, um die Freiheit der Stadt zu bewahren. Er diente auch als dunkles Verlies und Vorratskammer. Zuletzt bot er über Jahrzehnte Eulen einen Brutplatz, doch sie sind nun ausgeflogen.

Dieses Gebäude ist wohl allen Allendorfern bekannt - und es prägte das Stadtbild schon vor Jahrhunderten. Doch die Bedeutung von einst, als ein Baustein, um die Freiheit und Sicherheit der kleinen Stadt zu wahren, hat der Turm längst verloren. Und auch als Rückzugsort für gefiederte Gäste hat er, so scheint es, mittlerweile ausgedient.

Werner Heibertshausen von der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte hat Daten zur bewegten Historie des Turms zusammengetragen: Der Bau geht, wie auch der Nikelsmarkt, auf das für Allendorf wichtige Jahr 1370 zurück. Damals wurden Allendorf die Stadtrechte verliehen. Dies brachte für die Einwohner gewisse Freiheiten und Privilegien mit sich, sie durften nun regelmäßig Märkte abhalten.

Doch der neue Status ging auch mit neuen Pflichten einher: Der Ort musste geschützt werden, um in dieser unsicheren Zeit äußeren Angriffen standhalten zu können. Nur wenige Tage nach Veröffentlichung des "Großen Freiheitsbriefs" des Landgrafen Heinrich II. von Hessen verordnete dieser, dass die Allendorfer eine Stadtmauer bauen müssen. Dafür wurden die Bürger für sechs Jahre von allen Abgaben an den Landesherrn befreit. Sie warben Arbeitskräfte an, um den Bau zu bewerkstelligen. Jenseits der Mauer wurde ein Wall angelegt und später wieder eingeebnet.

Über Jahrhunderte schützte die Stadtmauer den Ort und trug dazu bei, dass Allendorf aufblühen konnte. Sie enthielt vier Wehrtürme, die das Stadtbild weithin sichtbar prägten. Auf einem Kupferstich von Matthäus Merian, abgebildet in der "Topographia Hassiae" aus dem 17. Jahrhundert, wird deutlich, dass die Türme unterschiedlich gestaltet waren. Der heute noch erhaltene Wehrturm hatte als einziger einen runden Grundriss. Noch heute deuten Mauervorsprünge am Turm an, an welcher Stelle er früher mit der Stadtbefestigung verbunden war.

So sehr der Turm damals wie heute äußerlich beeindruckt, so unangenehm war es wohl im Inneren. Ein dunkles Verlies hinter dickem Mauerwerk, daran dürften die schmalen Lichtschächte und Schießscharten wenig geändert haben.

Früher war das bis zur Dachtraufe 14 Meter hohe Bauwerk nur von oben über eine Verbindung zur Stadtmauer zugänglich, um es vermeintlichen Eindringlingen nicht zu leicht zu machen. Der Turm bestand im Inneren aus einer einzelnen Kammer, die nach unten hin schmaler wurde.

Teils, berichtet Heibertshausen, wurden im Turm Vorräte gelagert, die per Seil von oben herabgelassen wurden. Das gleiche taten die Allendorfer von einst mit in Ungnade gefallenen Menschen: Der Turm wurde auch als Verlies genutzt. Unten hat die Kammer einen Durchmesser von nur 1,90 Metern. Wie es sich angefühlt haben mag, dorthin hinabgelassen zu werden - vielleicht ohne zu wissen, für welche Dauer - mag man sich heute kaum noch ausmalen. Ausbruchsicher dürfte das Verlies aber gewesen sein.

Wenige Meter neben dem Turm verbindet ein schmales Gässchen die Kirchstraße mit der Schulstraße. Früher war es kein Durchgang, der Weg endete innerhalb an der Stadtmauer und führte zum Turm. Die Bezeichnung der schmalen Gasse deutet auf das Turmverlies hin: In Allendorf spricht man vom "Seufzergässchen" - und geht davon aus, dass Delinquenten früher hier einen letzten Seufzer ausstießen, bevor sie in den Turm mussten.

Mit der Zeit wurde es den Allendorfern hinter ihrer Stadtmauer zu eng, das Bauwerk verlor seine Bedeutung. Es verfiel im 18. Jahrhundert zunehmend, wurde bis zum 19. Jahrhundert samt Türmen allmählich abgetragen. "Die Mauer konnte nicht mehr unterhalten werden. Für die Bevölkerung war das wie ein Baumarkt, man brauchte keinen Steinbruch", sagt Heimatkundler Heibertshausen.

Abgesehen von Resten der Stadtmauer hat sich bis heute nur der Wehrturm am nördlichen Rand der Kernstadt gehalten. Vor 40 Jahren wurde er im Zuge der Dorferneuerung restauriert und zugänglich gemacht. Unten wurde die Mauer durchbrochen und ein Eingang geschaffen, im Inneren eine massive Wendeltreppe eingebaut und unterhalb des Dachs ein Boden eingezogen. Die Schotten wurden in den Stadtfarben blau und schwarz gestrichen.

Der mittelalterliche Turm verfügt jetzt über elektrisches Licht, entlang des Aufgangs erinnern Daten auf Holztafeln an stadtgeschichtlich bedeutende Ereignisse. Auf der eingezogenen Ebene sind in Nischen Nachbildungen steinzeitlicher Werkzeuge, Ritterhelme und mehr drapiert. "Sachen, die mit dem Turm eigentlich nichts zu tun haben", findet Heibertshausen.

Hans-Erich Wissner hat in den letzten Jahrzehnten viele Stunden im Turm verbracht - nicht in erster Linie aus historischem Interesse: Dem Allendorfer Naturschützer und Vogelkundler geht es um die Schleiereulen, die über viele Jahre unter dem Dach des Turm gebrütet haben. "Die Naturschützer haben damals gegen den Ausbau protestiert", sagt er. Sie hätten zu viel Betrieb im Turm verhindern wollen, um die Eulen nicht zu stören. In den letzten paar Jahren seien dann keine Schleiereulen mehr hier gewesen, kreisweit gebe es nur noch wenige Brutpaare. Vielleicht ist auch ihnen das einstige Verlies zu finster geworden.

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