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Kaufen und Verkaufen im Netz ist komfortabel - kann aber auch Betrüger anlocken. SYMBOLFOTO: SCHEPP

Internet-Betrug

Verkauft und nicht geliefert

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Der junge Mann hat im Internet auf Verkaufsplattformen gegen Vorkasse Waren angeboten. Das Geld hat der 22-Jährige kassiert - nur geliefert hat er nicht. "Gewerbsmäßiger" Betrug" sagt das Gericht..

Gießen (so). Gießener Mittelstufenschüler verfolgten die Verhandlung gegen den 22-Jährigen am Freitag im Saal 200 des Gießener Amtsgerichts teils mit großen Augen. Schließlich sind sie heute etwa in dem Alter, das der Angeklagte hatte, als er das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt geriet.

Gerade mal 15 war der Junge, als er das erste Mal auffällig wurde. Mit 18 stand er als Heranwachsender vor einem Jugendrichter. Ein Jahr und neun Monate lautete damals das Urteil wegen Computerbetrugs in 67 Fällen. Der Hauptschüler ohne Berufsausbildung musste für eine Zeit in die JVA Rockenberg einrücken.

39 Fälle angeklagt

Am Freitag stand er wegen 39 Delikten nach genau der gleichen Masche vor dem Gießener Amtsgericht. Der Schgaden: über 18 000 Euro.

Diese längere Vorgeschichte hat Richter Jürgen Seichter denn auch dazu bewogen, den jungen Mann zu drei Jahren Haft zu verurteilen. Damit schloss er sich dem Antrag von Staatsanwalt Dr. Volker Bützler an.

Was wird dem 22-Jährigen im Einzelnen vorgeworfen? In mindestens 39 Fällen hat er auf Ebay, Ebay-Kleinanzeigen und anderen Plattformen im Netz Dinge zum Verkauf angeboten. Gegen Vorkasse - aber ohne irgendwas zu liefern. Unter anderem gebrauchte Veranstaltungstechnik inserierte er dort. Mal für 100 Euro, mal für 250, mal für 430 Euro - in drei Fällen aber auch für vierstellige Beträge. Er hatte bei mehreren Banken Konten eingerichtet, auf die die Kunden einzahlten.

Dilettantisches Vorgehen

Als Anzeigen von geprellten Käufern eingingen, machten es just diese Bankverbindungen den Ermittlern leicht, den Betrüger ausfindig zu machen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren sich einig: "Das war dilettantisch." Habe er bei der Tat doch den Weg zu seiner Überführung gleich mitgeliefert. Insofern wurden die Taten auch gar nicht bestritten; der junge Mann entschuldigte sich im Gericht mit Blick auf die Geschädigten dafür. Sein Anwalt plädierte für eine Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Gleichwohl: Der Aufwand war gering, um vergleichsweise schnell an Geld zu kommen und sich so den Lebensunterhalt zu finanzieren. Denn nach dem Hauptschulabschluss folgte erst einmal keine Ausbildung; und die während der Zeit im offenen Jugendstrafvollzug begonnene Maurerlehre blieb auch unvollendet.

Wieder die gleiche Masche

Schon bald nach der ersten Knast-Erfahrung kommt der Junge wieder auf die schiefe Bahn: Nach ein paar Wochen im Haushalt der Mutter findet er zwar eine Wohnung plus über eine Leiharbeitsfirma eine Stelle als Lagerarbeiter. Doch den Job wird er nach wenigen Wochen, noch in der Probezeit, wieder los. Um danach wieder Gaunereien im Netz zu begehen. Ein entrüsteter Staatsanwalt Bützler dazu: "Andere kommen mit Hartz IV aus. Sie haben sich selbst in diese Situation gebracht! Sie hatten einen Job, eine Wohnung; sie hatten Geld! Warum sind Sie nicht zur Arbeit gegangen?" - "Unbelehrbar! Unverbesserlich!" sind seine Stichworte.

Nach Südostasien abgesetzt

Als Ende 2018 die Ermittlungen beginnen, setzt sich der Betrüger nach Asien ab, bereist Hongkong, Thailand, Malaysia und Bali. Von dort aus wendet er sich schließlich an den Anwalt, der ihm auch jetzt vor Gericht zur Seite steht, schildert die Lage als verzweifelt - er wolle zurückkommen. Als der Flieger im Februar 2019 wieder in Deutschland landet, wird er erst einmal festgenommen. Doch selbst danach folgen weitere Fälle von Internetbetrug. Am 20. Mai 2019 war dann Schluss.

Drei Jahre Haft

Am Freitag wurde der Mann aus der Untersuchungshaft in Handschellen vorgeführt - und rückte nach dem Urteil auch gleich wieder ein.

"Sie brauchen einen längeren Break", begründete Seichter sein Urteil mit Blick auf den Täter. Gerade die Vielzahl der Taten - und der Umstand, dass der Mann wegen der gleichen Masche schon einmal verurteilt war - ließen den Richter von einem "verfestigten, fehlenden Unrechtsbewusstsein" sprechen". Oder, wie es der Staatsanwalt drastischer formulierte: "Gut, dass Sie ein Geständnis abgelegt haben. Aber das sieht ziemlich Scheiße aus!"

Gleichwohl hegt Richter Seichter die Hoffnung: "Auch mit 25, nach der Entlassung, kann man einen Neuanfang machen. Drei Jahre Haft verbauen Ihnen die Lebensperspektiven nicht."

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