Ein Rundgang durch Lich zeigt, wie der neue Alltag anläuft.
+
 Ein Rundgang durch Lich zeigt, wie der neue Alltag anläuft.

Click & Meet

Kreis Gießen: Einzelhandel hat trotz Öffnungen weiter zu kämpfen

  • Alexander Geck
    vonAlexander Geck
    schließen

Seit Montag darf der Einzelhandel nach Terminvereinbarung wieder Waren anbieten. Doch bislang läuft der Neustart für die meisten Geschäfte eher verhalten.

Nach wochenlangen Schließungen darf seit Montag der Einzelhandel wieder Waren anbieten. Allerdings nur mit Terminvereinbarung. Lediglich Büchereien, Garten- und Baumärkte sind in einer komfortableren Situation. Ein Rundgang durch Lich zeigt, wie der neue Alltag anläuft.

Lockerungen für den Einzelhandel: Ein Hauch von Normalität in der Innenstadt von Lich

Happy and smile« steht auf den rosafarbenen Taschen, die Karin Schmidt auf einem Ständer am Eingang drapiert hat. Das hat durchaus Charme. Denn ihr Lächeln lässt sich hinter der Maske, die sie trägt, höchstens erahnen. Schmidt ist Gebietsleiterin bei »Nara-Mode« in Lich. Dass sie und ihre Kolleginnen nun wieder Kundinnen beraten können, das mache sie glücklich, sagt sie. Und die so plakativ bedruckten Taschen erfüllten einen praktischen Zweck. Acht Kundinnen dürfen seit Montag wieder zeitgleich in das Geschäft; dank der Taschen hat jeder den Überblick.

Es ist ein Hauch von Normalität, der sich seit dieser Woche in Deutschlands Innenstädten breitmacht. Nach bleiernen Monaten des harten Lockdowns darf der Einzelhandel nun unter gewissen Voraussetzungen öffnen. »Click and meet« heißt es für die meisten. Also erst Termin vereinbaren, Daten hinterlegen und dann shoppen. Das mag manch einen abschrecken. Wer plant schon gerne seinen Shoppingtrip? Andere dürften wegen der immer noch hohen Inzidenzwerte abwinken. Hygienekonzepte in den Läden hin oder her. Das bestätigt zumindest die jüngste Erhebung des Umfrageinstituts Yougov. Demnach halten 58 Prozent der Verbraucher in Deutschland rein gar nichts von »click and meet«.

Bei »Nara-Mode« sind am Dienstag nicht alle rosafarbenen Taschen vergeben. Aber ein wenig ist schon los. Am Eingang haben Schmidt und ihr Team eine »Express-Shopping-Terminvergabe« eingerichtet. Es ist durchaus kreativ. Aber eine Frage bleibt: Lohnt sich das überhaupt für den Einzelhandel?

Kreis Gießen: Großer Nachholbedarf bei Trauringen

Die jetzige Regelung »ist besser als gar nichts«, sagt Inge Krausgrill, die das Geschäft »Mode am Rathaus« führt. Und dennoch hat sie viel Verunsicherung bei der Kundschaft ausgemacht. Keiner wisse, welcher Laden in der Stadt überhaupt offen habe, welche Geschäftsinhaber lieber noch wartet. Krausgrill sagt, sie fände eine generelle Öffnung der Läden mit der Einschränkung von einer Person je 40 Quadratmetern am sinnvollsten. Das wäre verlässlich für die Kunden.

Etwa 200 Meter weiter hat Goldschmied Alexander Tielsch sein Geschäft. Goldschmieden sind Handwerksbetriebe, sie waren vom Lockdown ausgenommen. Verkaufen aber durften auch sie nicht. Tielsch sagt, seit bekannt wurde, dass der Einzelhandel wieder öffne, habe er etliche Anrufe erhalten. »Hauptsächlich bei Trauringen besteht großer Nachholbedarf.« Die nächsten 14 Tage seien jedenfalls schon recht gut belegt. »Wir sind happy. Das war ein bisschen mager die letzten Wochen.«

Tielsch macht normalerweise seinen größten Umsatz in den 14 Tagen vor Weihnachten. Doch genau da kam der Lockdown. Dennoch hat es ihn nicht ganz so hart getroffen. Es habe noch einen Überlauf aus den Bestellungen der Vorwochen gegeben, sodass er für seine zwei angestellten Goldschmiedemeisterinnen zunächst nur einen Monat Kurzarbeit habe anmelden müssen, erzählt er. Und jetzt rechnet er mit den »Nachwirkungen« aus der Weihnachtszeit. Er vermutet, dass es sicher noch den einen oder andere selbst gebastelten Gutschein einzulösen gebe.

Kreis Gießen: Oftmals spontane Terminvereinbarung möglich

Weit schwieriger gestaltet sich die Lage für die Modebranche. Saisonware ist eben nur in der Saison vermittelbar. Wer kauft jetzt schon Wintermäntel oder Stiefel?

Während der vergangenen Wochen, erzählt Andrea Wiedemann-Schumacher, habe sie sich wie viele andere Geschäfte auch »click and collect« beholfen. Wiedemann-Schumacher betreibt das Schuhgeschäft »perpedes«. Die Kunden also suchten sich im Schaufenster ihre favorisierten Modelle aus, bestellten sie dann in ihrer Größe und probierten sie zuhause an. »Das lief gut« sagt sie.

Die ersten beiden Tage des Terminshoppings seien dagegen überschaubar gewesen. Auch bei ihr könne man spontan einen Termin ausmachen, sagt sie noch. Aber das muss sich erst einmal herumsprechen.

Einzelhandel im Kreis Gießen: Online-Versand macht Einzelhandel zu schaffen

Es ist ein Satz, den man häufiger hört an diesem Morgen. Auch Ute Hildenbrand-Bremer von der Bücherkiste nutzt ihn. Selbst wenn man für Buchläden nicht mal eine Terminbuchung braucht, läuft es eher schleppend an. So stellen sich für viele Einzelhändler grundsätzliche Fragen. Wie werden sich die Kunden in Zukunft verhalten? Wie lange lassen sich Umsatzeinbußen abfedern, die man trotz der begrenzten Öffnung verzeichnen wird?

Krausgrill, die Inhaberin von »Mode am Rathaus«, hat ihre Antwort darauf bereits gefunden. Sie wird ihr Geschäft noch in diesem Frühjahr aufgeben. Krausgrill sagt, die Entscheidung sei unabhängig von der Corona-Krise gefallen. Es gebe zunehmend einfach zu viele Probleme, sagt sie, gerade für kleinere Einzelhandelsgeschäfte. Der Versandhandel macht vielen zu schaffen, aber auch das geänderte Kaufverhalten gerade der jüngeren Kunden. »Das ist kein Vorwurf«, sagt Krausgrill. Das müsse man einfach so hinnehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare