Vergewaltigungsvorwurf: Zweiter Prozess wahrscheinlich

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Gießen(jwr). Weil er einen Schüler über Jahre hinweg sexuell missbraucht haben soll, steht ein 35-Jähriger vor dem Amtsgericht. Am ersten Verhandlungstag hatte der Angeklagte die Taten im Wesentlichen gestanden. Außerdem hatten das Opfer, dessen Mutter und mehrere zur Tatzeit minderjährige Zeugen ausgesagt (die GAZ berichtete). Dabei war auch von einer Vergewaltigung eines anderen Jungen durch die damalige Lehrkraft an einer Schule im Landkreis die Rede gewesen.

Am zweiten Prozesstag stellte sich nun heraus, dass dieser gravierende Vorwurf wahrscheinlich in einem zweiten Prozess verhandelt wird. Wie Staatsanwältin Jessica Schröder gegenüber dieser Zeitung erläuterte, soll gegen den 35-Jährigen auch Anklage vor dem Gießener Landgericht erhoben werden. Hintergrund: Laut Gesetz sind Amtsgerichte zuständig, wenn die zu erwartende Freiheitsstrafe bei höchstens vier Jahren liegt. Da im Fall einer Verurteilung wegen Vergewaltigung eines Minderjährigen auch eine höhere Strafe in Betracht kommt, liegt die Zuständigkeit bei der nächsthöheren Instanz, dem Landgericht. Nun stehen laut Schröder weitere Ermittlungen an.

Vor dem Amtsgericht dauerte die Verhandlung am gestrigen Mittwoch nur wenige Minuten. Es wurde lediglich das Gutachten der Psychologin verlesen, bei der sich das Opfer der mehrfachen sexuellen Übergriffe in Behandlung befindet. Die Therapeutin diagnostiziert bei dem jungen Mann eine posttraumatische Belastungsstörung sowie eine "Somatisierungsstörung", darunter werden allgemein körperliche Symptome ohne einen organisch feststellbaren Befund verstanden.

Albträume und Panikattacken

Unter anderem ist in dem Gutachten von Albträumen, Migräne, Angstzuständen und Panikattacken die Rede. Auch "aus Angst vor emotionaler Überforderung" habe ihr Patient zunächst keine Anzeige gegen den nun angeklagten Mann erstattet, habe dann - auch nach Gesprächen mit der Mutter - aber doch diesen Schritt unternommen. "Er wollte weitere Straftaten verhindern", so das Gutachten. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen und dem nahenden Prozess habe sich der psychische Zustand des jungen Mannes verschlechtert, er habe in der Schule häufig gefehlt, der Kontakt zu Mitschülern sei zurückgegangen. Auch habe er Angst gehabt, dem Angeklagten in der Öffentlichkeit zu begegnen. Inzwischen komme er im Schulalltag wieder besser zurecht, wenngleich der Gerichtsprozess auf ihm laste. Die Gutachterin geht davon aus, dass eine "längere psychotherapeutische Unterstützung" nötig sein wird, um das Geschehene zu verarbeiten.

Der Prozess wird am 4. Dezember fortgesetzt, dann wird voraussichtlich auch das Urteil verkündet.

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