Der Allendorfer Stadtteil Nordeck liegt an der Nordgrenze des Landkreises. Oben in der Bildmitte ist die Burg Nordeck zu sehen. Links unten befindet sich die Straße nach Allendorf. ARCHIVFOTO: HENß
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Der Allendorfer Stadtteil Nordeck liegt an der Nordgrenze des Landkreises. Oben in der Bildmitte ist die Burg Nordeck zu sehen. Links unten befindet sich die Straße nach Allendorf. ARCHIVFOTO: HENß

Die vergessene Stadt

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Allendorf /Lumda blickt in diesem Jahr auf 650 Jahre mit Stadtrechten zurück. Der Ortsteil Nordeck führte dieses Privileg einst auch - und zwar schon gut 50 Jahre früher als Allendorf. Was bislang gerüchteweise bekannt war, hat sich Heimatkundler Werner Heibertshausen nun schriftlich geben lassen.

Wer heute im beschaulichen Dorf Nordeck unterwegs ist, der denkt wohl nicht zuerst an eine Stadt. Doch das Gerücht, der Ort im Schatten der mittelalterlichen Burg habe sich einst Stadt nennen dürfen, geistert schon länger umher, wie Werner Heibertshausen von der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf/Lumda berichtet.

Auch in dieser Zeitung war davon schon einmal die Rede: Im Zuge der Sanierung der Nordecker Ortsdurchfahrt hatten Landesarchäologen sich vor wenigen Jahren auf die Spuren der Nordecker Vergangenheit begeben und auch einen mittelalterlichen Brunnen erforscht. Die Geschichte des Dorfs sei landes-, vielleicht sogar bundesweit einmalig, hieß es damals.

Das Besondere: Die Siedlung habe sich einst von einer Stadt zu einem Dorf zurückentwickelt. Trotzdem, und dies sei selten, seien die mittelalterlichen Strukturen und die Bausubstanz später nicht zerstört worden, sodass man noch heute Spuren aus tiefer Vergangenheit finden könne.

Heibertshausen wollte nun genauer wissen, was es mit den Nordecker Stadtrechten auf sich hat und fragte beim Hessischen Staatsarchiv in Marburg an. Das Ergebnis: Am 26. Juni 1319 wurde Nordeck per "Freiheitsbrief" Stadtrechte verliehen.

Laut dem Historischen Ortslexikon Hessens habe Landgraf Otto damals "den Burgmannen und Bürgern zu Nordeck" jene Freiheit gegeben, "wie sie Marburg und Grünberg haben", so Heibertshausen. Ein Privileg, das der Siedlung im Schatten der Burg damals besondere Bedeutung verlieh. Heibertshausen hält das für nachvollziehbar, zumal die Handelswege seinerzeit eher entlang der Höhenzüge als durch sumpfige Täler geführt hätten.

Auf dem Ortsschild steht in Allendorf (Lumda) noch immer "Stadt" statt "Gemeinde". Einen wirklichen Unterschied macht der Titel heute freilich nicht mehr, aber die Allendorfer tragen ihn noch immer mit Stolz.

Und nun - ausgerechnet im Jahr des 650. Allendorfer Stadtjubiläums - kommt die Bestätigung, dass die Nordecker im Jahr 1370 als Städter auf Allendorf im Tal herabschauen konnten. Allzu passend, dass zurzeit in Person von Bürgermeister Thomas Benz ein Nordecker die Geschicke im Allendorfer Rathaus leitet.

Bleibt eine theoretische, aber trotzdem spannende Frage: Dürfte sich Nordeck auch heute noch "Stadt" nennen, wenn es eigenständig wäre? Die Historiker haben auch dazu in den Archiven gestöbert: So einfach lasse sich das nicht beantworten, hat das Staatsarchiv an Heibertshausen zurückgemeldet.

Auch beim hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde habe man keinen späteren Beleg für die Nordecker Stadtrechte gefunden. Bei einer Erneuerung von Rechten und Privilegien im 19. Jahrhundert sei davon ebenfalls keine Rede mehr gewesen. Womöglich, so das Ergebnis der Archivrecherche, seien die Nordecker Stadtrechte im Laufe der Zeit einfach in Vergessenheit geraten. Auch wenn das anscheinend nie amtlich vermeldet wurde: Die Stadt Nordeck ist schon sehr lange Geschichte.

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