Verdis "Simon Boccanegra" in Wiesbaden

Dieser Politkrimi endet mit einem düsteren Ausblick: Dietrich Hilsdorf malt Verdis "Simon Boccanegra" in Wiesbaden als beeindruckendes Triptychon historischer Gewalt.

"Pace!" Die letzten beschwörenden Worte in Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" verhallen ungehört. Noch während der greise Fiesco sie im Angesicht des sterbenden Simon intoniert, ziehen die aufgebrachten Patrizier bereits drohend ihre Schwerter aus der Scheide, bereit, sich auf die plebejische Volksmasse zu stürzen. Während der Vorhang fällt, tropfen im Hintergrund noch die auf Lanzen aufgespießten Häupter der Verschwörer. Mit diesem düsteren Ausblick endet der zweieinhalbstündige, äußerst spannende Politkrimi, den Regisseur Dietrich Hilsdorf für die Bühne des Wiesbadener Staatstheaters eingerichtet hat.

Berüchtigt als übergenauer Textforscher hat er das als politisch verworren geltende und daher selten gespielte Werk historisch genauestens unter die Lupe genommen. Was viele Regisseure lieber ausblenden, weil es eh keinem Zuschauer vermittelbar erscheint, interessiert ihn gerade.

So hat er sich intensiv mit der Geschichte Genuas und des italienischen Risorgimento auseinandergesetzt, die historischen Quellen von Francesco Petrarca bis Leonardo Bruni studiert und das Drama des Spaniers Antonio García Gutiérrez erstmals ins Deutsche übersetzen lassen, das der Opernfassung von Arrigo Boito zugrunde liegt.

Heraus kommt keine Geschichtsvorlesung, sondern ein kraftvoller Opernabend, in dem schwer zugängliche Charaktere und vermeintliche Ungereimtheiten verständlich werden. Erst jetzt ist evident, warum die Offenlegung von Amelia Grimaldi als Boccanegras Tochter im zweiten Akt ihrem Geliebten gegenüber hinausgezögert wird. Weil die miteinander rivalisierenden Parteien der Adligen und Bürger sich komplizierterweise zudem in Flügelkämpfen aufreiben, könnte eine vorzeitige Enthüllung zu ungeahnter Gewalt führen.

Bereits der auf engstem Raum vor dem eisernen Vorhang ausgebreitete Prolog enthüllt, das bis auf die Liebe alles faul ist im Staate Genua. In heutigen Mafiosi-Kostümen ringen Adlige und Bürger erbittert um die Macht. Eine Verschwörung bringt Simon ungewollt den Dogenthron. Flugblätter rieseln auf die Zuschauer herunter mit der Aufschrift: "Viva, Simon Boccanegra, del popolo l’eletto". Die Überzeugung, dass Guiseppe Verdi die eigene Zeit meinte, in dem er auf das Genua des 14. Jahrhunderts rekurrierte, legt Hilsdorf nach bekanntem Muster seiner Kostümbildnerin Renate Schmitzer in die Hand. Sänger und Chor stecken vom ersten bis dritten Akt in teils opulent gestalteten Roben aus dem Opernentstehungsjahr 1850. Bühnenbildner Dieter Richter erschafft für den ersten Akt einen gewaltigen Dogenpalast, in dem überlebensgroße Gemälde aus dem Hause Raffael und prächtige Kassettendecken den Luxus von Königshäusern verströmen. Simon, einst ein Mann des Volkes, ist jetzt, 25 Jahre später, selbst ein Korrumpierter der Macht. In den beiden letzten Akten spielen die Sänger im komplett leeren Raum, von wenigen Requisiten unterstützt, und lassen so überzeitlichen Assoziationen freien Lauf.

Eiserner Vorhang, Dogenpalast, leerer Raum, fertig ist Hilsdorfs Triptychon der gescheiterten Friedensbestrebungen.

Kiril Manolov ist Simon Boccanegra und damit nach dem Regieteam der zweite Glücksfall des Abends. Vom kraftvollen ersten Baritontimbre bis hin zum endlos qualvollen Vergiftungstod lässt er den ersten Dogen der Republik Genua glaubwürdig auferstehen. Dass der mit seinen Friedensrufen im zerrissenen Italien auch für den Komponisten und seine Mitstreiter Vorbildfunktion gehabt haben muss, beweist Manolov mit eindrucksvoller Präsenz. Tatiana Plotnikova ist sowohl engelsgleiche Tochter Maria wie zunehmend selbstbewusst Liebende, Luciano Batinic als unversöhnlicher Erzfeind Fiesco mit der Titelfigur auf Augenhöhe und Thomas de Vries ein leidenschaftlich stimmgewaltiger Intrigant Paolo.

Das vollständige Opernglück stellt sich mit dem Dirigat Marc Piollets ein. Der widerlegt mit seiner aufwühlenden Verdi-Interpretation spielend das Vorurteil, das überarbeitete Spätwerk sei nicht bühnenwirksam, weil es an eingängigen Arien und dramatischen Effekten mangele. Viele Begeisterte lassen ihren Gefühlen bereits nach 25 Minuten Prolog mit Bravi-Rufen freien Lauf, am Ende großer Jubel für alle Beteiligten. Bettina Boyens

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