Kurz vor Weihnachten ist auch an Schulen im Kreis Gießen einmal mehr kurzfristiges Umplanen gefragt.	SYMBOLFOTO: DPA
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Kurz vor Weihnachten ist auch an Schulen im Kreis Gießen einmal mehr kurzfristiges Umplanen gefragt. SYMBOLFOTO: DPA

Keine Präsenzpflicht

Kreis Gießen: Umstellung an Schulen sorgt für Kritik - „Verantwortung abgeladen“

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Für Schulen bringt der heutige Mittwoch eine weitere coronabedingte Änderung: Die Präsenzpflicht wird ausgesetzt, Schüler sollen möglichst zu Hause bleiben.

  • Der bundesweite Lockdown ab heute betrifft auch die Schulen.
  • Im Land Hessen bleiben die Schulen geöffnet, die Kinder sollen jedoch wenn möglich zu Hause betreut werden.
  • Auch im Kreis Gießen müssen Schulen wegen der neuen Regelungen umplanen, sie üben Kritik.

Der »harte Lockdown« ab dem heutigen Mittwoch trifft auch die Schulen: Um Kontakte kurz vor Weihnachten zu vermeiden, das Infektionsgeschehen zu bremsen, bleiben sie in einigen Bundesländern geschlossen, bieten nur Notbetreuung an. Hessen geht einen anderen Weg: Die Schulen bleiben geöffnet, aber »Schülerinnen und Schüler sollen, wann immer es möglich ist, zu Hause betreut werden« - so hat es Kultusminister Alexander Lorz am Montag in einem Brief an Eltern formuliert.

Kreis Gießen: Schulen müssen erneut umplanen

Auch Schulen im Kreis Gießen müssen jetzt erneut umplanen. So haben Schulleitungen nun bei den Eltern kurzfristig abgefragt, ob sie ihr Kind von heute bis Freitag zu Hause lassen oder nicht. An der Grundschule Lollar waren bis Dienstagmittag laut Rektor Michael Kramer rund 20 Kinder für den Unterricht bis Freitag angemeldet. Vielleicht kämen ein paar mehr, so Kramer, aber der Großteil der 350 Kinder werde zu Hause bleiben. Für sie seien Lernpakete und ein Wochenplan vorbereitet, während jene, die kommen, jeweils in Jahrgangsgruppen betreut würden.

Das Schulamt habe am Montagmorgen »sehr zeitnah« über die neue Lage informiert, Kramer sieht seine Schule für die Übergangstage gut aufgestellt. Doch er fragt sich: »Wieso wird die Schulpflicht für diese drei Tage nicht aufgehoben?« Statt dessen gelte in Hessen nun »ein schwer nachvollziehbarer Kompromiss«. Kramer weiter: »Es war nun wie jedes Mal: Der Ministerpräsident oder der Kultusminister verkünden etwas, bevor die Rechtslage nachgearbeitet ist. Dieser äußerst unzufriedenstellende Zustand hat sich nicht geändert.«

Präsenzpflicht ausgesetzt: Schulleitungen erwarten keinen Ansturm

Auch Tanja Kubatz, Leiterin der Grundschule am Edelgarten in Treis, rechnet nicht mit großem Andrang: »Das Gros der Kinder wird wahrscheinlich nicht kommen.« Bereits am Sonntag habe sie die Eltern der 60 Kinder aus vier Klassen angeschrieben und mitgeteilt, dass eine Notbetreuung gesichert ist. Viele haben wohl schon damit gerechnet und sich um eine Betreuung zu Hause gekümmert.

Auch Kubatz ist schon vergangene Woche davon ausgegangen, »dass so was kommt - wir sind ja heiß und kalt inzwischen gewohnt«. Sie ist froh, dass die Präsenzpflicht nicht schon ab Montag ausgesetzt wurde. Ungewiss sei aber, wie genau es im neuen Jahr weitergeht. »Wir schicken die Kinder in unsichere Ferien«, so Kubatz.

Kreis Gießen: Sensibilität für Kontaktreduzierung in Lollar

»Ich hätte mir eine etwas ruhigere Woche gewünscht«, bekundet Dagmar Techert, Rektorin der Hofburgschule (Grundschule) in Alten-Buseck. »Aber wir haben ein derart herausforderndes Jahr hinter uns« - im Vergleich zu vorherigen Umstellungen sei die jetzige »händelbar«. Ähnlich äußert sich Andrej Keller, Leiter der Lollarer Clemens-Brentano-Europaschule (CBES): »Was wir dieses Jahr alles mitgemacht haben - wir organisieren alles, man muss uns nur zwei Stunden Zeit geben«, sagt er und lacht. Am Sonntag habe er die Eltern angeschrieben und darum gebeten, dass die Kinder möglichst nicht kommen. »Wahrscheinlich wird niemand kommen« - und das bei einer Gesamtzahl von 1200 Schülern an dieser weiterführenden Schule, wobei einige zurzeit ohnehin auf Distanz beschult werden.

Die Sensibilität für die Kontaktreduzierung sei an der CBES insgesamt hoch - das habe wohl auch mit der relativ hohen Inzidenz in Lollar zutun und einer Reihentestung an der CBES, die vor wenigen Wochen 40 bislang unerkannte Corona-Infektionen aufgedeckt habe. Für die Zeit bis Freitag sieht Keller vor allem zwei Probleme: Es gebe einen »technischen Flaschenhals« - die Internetanbindung der CBES reiche nicht aus, damit alle Lehrer virtuellen Unterricht anbieten können. Viele nutzten privates Internet.

Präsenzpflicht ausgesetzt: Kritik Richtung Wiesbaden

Außerdem sind wegen Corona im November in Lollar zwei Wochen Präsenzunterricht ausgefallen, nun wollte man einiges nachholen. Etliche für diese Woche geplanten Lernkontrollen seien nun ausgesetzt, die Leistungsbeurteilung zum Halbjahr könnte schwieriger als sonst werden. Keller betont die gute Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt. Doch er kritisiert in Richtung Wiesbaden: »Die Verantwortung ist auf die Schulen abgeladen worden, das ist aber auch nicht das erste Mal.«

Ein Sprecher des Kultusministeriums verteidigt die hessische Regelung auf Anfrage: Sie sei »ein praktikabler, unkomplizierter und guter Weg«, das hätten auch Schulen und Verbände rückgemeldet. »Die Schulen sind auf alles vorbereitet«, sagt der Sprecher und betont, es gehe weiter um Unterricht statt Notbetreuung. Allerdings finde in den Tagen vor den Ferien ohnehin kein voller Unterricht statt, man habe nun einen »sanfteren Start in die Ferien«. Die Nachmittagsbetreuung an den Grundschulen inklusive Ferienbetreuung werde wie bislang geplant angeboten, versichert derweil die zuständige Kreis-Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl - doch angesichts der Corona-Situation sei man »dankbar über jedes Kind, das nicht kommt«.

»Unsere Schulen haben im Laufe dieses Jahres ganz andere Dinge erfolgreich bewältigt«, äußerte sich Schulamtsleiter Norbert Kissel bezogen auf die Zeit bis Freitag. Die Schulen verfügten »mittlerweile über eine große Menge an Erfahrungen, Ideen, an unterrichtsorganisatorischen Routinen«. Er habe »bis dato keine einzige Rückmeldung erhalten, dass eine Schule hier ein Problem sieht«.

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