Vater des Opfers psychisch am Ende

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Im Prozess um einen »Mord ohne Leiche« auf einer Hofreite im Raum Hungen sollte am Mittwoch der Vater des Opfers als Zeuge aussagen. Aber der 85-Jährige, der als Nebenkläger auftritt, sah sich dazu psychisch und körperlich nicht in der Lage.

Der alte Mann hat seinen Sohn verloren. Daniel M. galt lange als vermisst. Dass er bereits im November 2016 bei einem Ausflug mit zwei Freunden getötet wurde, weiß der Vater erst seit gut einem Jahr. Wegen der Tat müssen sich seit Anfang April der Lehrer Olaf C. und der Software-Entwickler Robert S. vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen erpresserischen Menschenraub und Mord vor. Sie sollen die Tat gemeinsam begangen haben, doch die Angeklagten schieben sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe.

Sechs strapaziöse Verhandlungstage hat der Vater des Opfers als Nebenkläger schon durchgestanden. Jedes Mal ist der 85-Jährige mit dem Auto von Hanau nach Gießen gereist. Im externen Sitzungssaal des Landgerichts am Stolzenmorgen musste er hören, dass sein Sohn auf einer Hofreite bei Hungen nach mehreren Schüssen gestorben ist, dass Robert S. den Leichnam später zersägte und die Körperteile so gründlich beseitigte, dass man bis heute nichts gefunden hat. Nun, da der Mann selbst als Zeuge aussagen sollte, verließen ihn offenbar die Kräfte. Über seinen Anwalt Alexander Hauer ließ er ein ärztliches Attest vorlegen, wonach er aus psychischen und körperlichen Gründen nicht vernehmungsfähig sei.

Eine schwierige Situation für das Gericht, zumal das Attest nicht den üblichen Anforderungen entsprach. »Wir erkennen Ihre besondere Situation«, versicherte die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze dem weißhaarigen Nebenkläger. »Aber es gibt eine Strafprozessordnung. Sie sind Zeuge und als solcher zur Aussage verpflichtet.«

In Absprache mit allen Beteiligten und mit Blick auf die fortgeschrittene Zeit bekam der Nebenkläger schließlich den erbetenen Aufschub. Er wird erst nach der Sommerpause aussagen müssen und will die Zeit bis dahin nutzen, um die Folgen mit einem Traumaspezialisten durchzusprechen.

Als wie quälend er den Prozess, in dem es immer wieder auch um den Lebenswandel der Beteiligten geht, empfindet, machte er in wenigen Sätzen deutlich. »Es wird versucht, die Reputation meines Sohnes zu zerstören. Das bricht alle Tabus und alle Regeln der Menschlichkeit.«

Zu Beginn des siebten Prozesstages hatten zunächst zwei Polizeibeamte aus Hanau als Zeugen ausgesagt. Der erste schilderte, wie Studienrat Olaf C. an einem Freitag im Mai 2020 unangemeldet und ohne Anwalt in der Polizeistation Hanau II erschienen war, um Anzeige wegen Mordes zu erstatten. »So etwas hat man nicht jeden Tag. Ich kam mir vor wie im Krimi«, berichtete der 31-Jährige. Weil die Kollegen vom Fachkommissariat auf die Schnelle nicht greifbar waren, habe er den Mann als Zeugen zur Sache vernommen. Olaf C. sei aufgeregt gewesen und habe die ganze Zeit an seiner Maske gezuppelt. Aber die Geschichte von der Ermordung seines Schulfreundes Daniel M. durch Robert S. habe er lückenlos von A bis Z erzählt. Der Sachverhalt habe stimmig gewirkt.

Später am Tag folgte eine weitere Vernehmung im Fachkommissariat. Dabei soll Olaf C. einen ruhigen, souveränen und gelassenen Eindruck gemacht haben, wie sich ein zweiter Zeuge erinnerte. »Ein paarmal hat er versucht, zu schluchzen, aber ansonsten wirkte er sehr sortiert«, berichtete der 39 Jahre alte Beamte, der an der Vernehmung teilgenommen hat. »Hat er geweint?«, erkundigte sich die Richterin. Klare Antwort: »Nein.«

Der Prozess wird fortgesetzt.

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