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Mit einem frisch geborenen Lamm auf dem Arm: Jürgen Endres macht in Hungen eine Umschulung zum Tierwirt.

»Urlaub ist bei den Schafen«

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Seit 30 Jahren ist Ralf Meisezahl Stadtschäfer von Hungen - und gehört damit inzwischen zu den Angehörigen eines aussterbenden Berufes, wie er selbst sagt. Doch nun hat Hessens letzter festangestellter Schäfer einen neuen Gehilfen: Jürgen Endres aus Hüttenberg. Der 38-Jährige macht eine Umschulung zum Tierwirt - und scheint genau zu wissen, worauf er sich einlässt.

Am Vormittag haben sechs Lämmer das Licht der Welt erblickt. Während der Rest der Herde in der Sonne grast, werden die drei Zwillingspärchen mit ihren Muttertieren von der Herde separiert. Das dient nicht nur dem Schutz der Jungtiere vor Widersachern wie Krähen, sondern soll auch den Aufbau einer guten Mutter-Lamm-Bindung ermöglichen.

Für den Hungener Stadtschäfer Ralf Meisezahl und seinen neuen Gehilfen steht jedoch bereits die nächste Aufgabe an: »Fußpflege«, erklärt Meisezahl, während die Männer ein schmales Gatter mit zwei Wannen aufbauen. Der feuchte Sommer habe den Klauen der Tiere nämlich ganz schön zugesetzt. Es dauert nur wenige Minuten, dann weist die Hose des Hungener Stadtschäfers, die eigentlich bis zum Termin mit dem Bürgermeister sauber bleiben sollte, die ersten Flecken auf. »Anders als viele Leute denken, sitzen wir nicht den ganzen Tag im Schatten und schauen den Schafen zu«, sagt Meisezahl und lacht.

Seit 30 Jahren kümmert sich der gebürtige Thüringer im Auftrag der Stadt Hungen um die hiesigen Schafe - und ist inzwischen Angehöriger eines aussterbenden Berufes, wie er selbst sagt. Um so bemerkenswerter scheint es, dass der Stadtschäfer nun einen neuen Helfer hat: Jürgen Endres. Der 38-Jährige macht seit diesem Monat eine Umschulung zum Tierwirt mit dem Schwerpunkt Schäferei. Oder, wie er es nennt: zum Schäfer.

Bezahlt wird die zweijährige Umschulung, die mit dem Besuch einer Berufsschule in Bayern verbunden ist, von der Bundesagentur für Arbeit. Für die Stadt Hungen, für die das Image der einzigen hessischen Schäferstadt zum Stadtmarketing gehört, scheint das ein Glücksfall. »Wir freuen uns sehr, einen weiteren Schäfer in Hungen auszubilden und damit einen Beitrag zum Erhalt der Schäferei leisten zu können«, sagt Bürgermeister Rainer Wengorsch. »Und wir freuen uns, dass jemand das Handwerk erlernen möchte.«

Zwei Auszubildende hat Meisezahl bereits angeleitet, allerdings sind beide inzwischen nicht mehr in diesem Bereich tätig. Es sei heute schwer, eine eigene Schäferei aufzubauen, weil der Flächendruck so groß sei, erklärt der Schäfer, der seinen neuen Lehrling hier allerdings im Vorteil sieht. »Du bist doch schon auf dem besten Weg zu einer eigenen Schäferei«, sagt er zum ihm.

In seinem Wohnort Hüttenberg hat Endres bereits eine eigene Herde mit gut 200 Coburger Fuchsschafen, die bis zum Abschluss seiner Ausbildung noch deutlich anwachsen dürfte.

Auf seinem Handy zeigt er ein Video der Tiere, deren Wolle wegen ihres rötlich-goldenen Stichs auch als »Goldenenes Vlies« bezeichnet wird. Für Endres war jedoch nicht die Farbe, sondern der geringe Bestand der Rasse ausschlaggebend: »Ich habe Coburger Füchse, weil ich es schade fände, wenn sie aussterben.«

Da sein Urgroßvater eine Herde hatte, ist Endres mit Schafen aufgewachsen. Doch nach dem Schulabschluss entschied er sich zunächst gegen den Beruf des Schäfers. »Mein Uropa hat mir gesagt, ich soll etwas richtiges lernen«, erinnert sich der 38-Jährige und grinst. Also machte er eine Ausbildung zum Bäcker und arbeitete auch einige Jahre in diesem Beruf. Denn wechselte er aus finanziellen Gründen in den Bereich Lager-Logistik. Letztlich war es dann die Corona-Krise, die ihn zur Schäferei brachte, denn das Unternehmen, für das er zuletzt gearbeitet hat, musste im Februar Entlassungen vornehmen. »Da habe ich gedacht: wenn nicht jetzt, dann nie«, sagt Endres.

Als Lehrling hat der 38-Jährige in Hungen offiziell eine 37,5-Stunden-Woche mit zwei freien Tagen. Doch Endres zuckt nur mit den Achseln. Er gehe nach Hause, wenn die Arbeit fertig sei, sagt er. Davor und danach muss er sich zudem um seine eigene Herde kümmern - ebenso wie an seinen freien Tagen. Krank sein? Das sei nicht vorgesehen, sagen die beiden Schäfer. Auch mit Krücken oder einer beginnenden Lungenentzündung sei man schon mit den Tieren unterwegs gewesen.

Endres macht das alles nichts aus. »Ich lieb die Natur, den Umgang mit den Tieren und den Blick auf die Landschaft«, sagt er und zeigt auf die Felder von Rabertshausen. »Das ist nicht mit Geld bezahlbar«, meint er. »Deswegen sage ich: Urlaub ist bei den Schafen.« Die beiden Männer lachen. Von Wellness ist die Rede. »Im Winter ist das allerdings eher weniger der Fall«, sagt Meisezahl. Aber das würden die Leute in der Regel eben nicht mitbekommen.

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