Aufstieg zum Vulkan.
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Urlaub in Erinnerungen

Urlaub 1972: Als das Boot mitten auf dem Meer den Geist aufgab

  • vonPatrick Dehnhardt
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Ingrid und Alfred Wittich aus Merlau fuhren 1972 mit dem Käfer nach Italien. Trotz eines Motorschadens am Boot und einem windigen Hotelier war es ein "Superurlaub"

Der nagelneue VW Käfer 1300 glänzte feuerrot auf dem Hof. Für die erste große Fahrt hatten sich Ingrid und Alfred Wittich aus Merlau ein besonderes Ziel ausgesucht: Paestum in Süditalien. "Es wurde ein Superurlaub", erinnert sich Ingrid Wittich - und das, obwohl der Motor eines Boots und der Tacho des Käfers ihren Geist aufgaben.

Am 11. September 1972 startete die Reise. "Wir ließen uns Zeit und übernachteten unterwegs zweimal", sagt Ingrid Wittich. Zunächst gab es einen Zwischenstopp in der Schweiz in Gersau am Vierwaldstättersee, dann in Florenz. "Am dritten Tag und nach einer abenteuerlichen Fahrt durch den chaotischen Verkehr von Neapel" war endlich das Reiseziel erreicht: ein direkt am Strand gelegenes Hotel unter deutscher Leitung. "Wir stellten unser Käferchen ganz keck neben etlichen BMWs und Mercedessen in der Hotelgarage ab", erzählt die Merlauerin und schmunzelt.

Überraschender Gast

Die erste Überraschung gab es am nächsten Morgen beim Frühstück: "Cousin Günter aus Frankfurt war da." Er wollte eigentlich Urlaub im Tessin machen, hatte sich aber aufgrund des schlechten Wetters umentschieden und schloss sich dem Ehepaar an.

Neben seinem Gepäck brachte er einen Motor für ein Boot mit - jedoch ohne das dazugehörige Gefährt. So hielten die drei Hessen nun nicht nur Ausschau nach schönen Fotomotiven, sondern auch einem Schiffchen, an dem der Motor montiert werden könnte.

Zurückpaddeln ans Land

Tatsächlich fanden sie ein Boot, welches mit viel Kraft an den Strand geschafft wurde. Alfred Wittich - heute 86 Jahre alt - traute dem Braten nicht und verzichtete, bei der Jungfernfahrt an Bord zu sein. Dafür stachen zwei Hotelgäste mit Cousin Günter in See.

Alfred Wittich hatte gut getan, auf sein Bauchgefühl zu hören: Weit draußen auf dem Meer gab der Bootsmotor auf. Die drei Seefahrer mussten die weite Strecke ans Land per Hand zurückpaddeln. Auf weitere Kahnfahrten wurde danach verzichtet.

Das war allerdings nicht weiter schlimm, schließlich gab es sehr viel zu sehen. "Die drei großartigen dorischen Tempelruinen, die beeindruckenden Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum", schwärmt die heute 74-Jährige und legt als Beweis zahlreiche eindrucksvolle Dias vor.

Turnschuhe mit Plastiktüten

Was sich die Merlauer nicht entgehen lassen wollten, war ein Besuch auf dem Vulkan. Auf halber Höhe gab es einen Parkplatz, danach war Fußmarsch angesagt. "Dafür musste ich, da ich nur Sandalen trug, Turnschuhe und Plastiktüten-Strümpfe ausleihen", erinnert sie sich. Ein einheimischer Führer begleitete die Touristen, zeigte ihnen besonders interessante Lavaformationen und Spalten. Für diesen Service erwartete er allerdings auch ein saftiges Trinkgeld.

Nach einer Woche gab es im Hotel dann die Überraschung. Ingrid Wittich beschreibt, wie der "aalglatte Geschäftsführer" ihnen eine Zwischenrechnung präsentierte. Darauf waren rätselhafte Posten wie "Sch." und "St." zu finden. Jeweils 50 Lire waren diese wert.

Es brauchte detektivisches Gespür, um hinter diese Abkürzungen zu kommen. Die Reisenden beobachteten, dass tagsüber ein Angestellter des Hotels am Strand patrouillierte und etwas zählte. Tatsächlich zeichnete er auf, wer einen Sonnenschirm und einen Liegestuhl nutzte. "An den folgenden Tagen hatten wir nur noch Sch." Statt in Mark wurde die Rechnung in Lire beglichen - was dem Geschäftsführer nicht ganz so gut gefiel.

Stromausfälle und Chianti

Noch heute denkt das Paar gerne an die Abende im Hotel zurück, bei denen Scrabble und Monopoly gespielt wurde, zusammen mit anderen Gästen mit einem Glas Chianti angestoßen und sich ein Extra-Dessert gegönnt wurde. Immer wieder geschah dies im Kerzenschein - da der Strom ausgefallen war.

Kurz vor der Heimfahrt am 27. September muckte der nagelneue Käfer: Bei der letzten Fahrt um den Golf von Salerno über Amalfi ging die Tachowelle kaputt. In keiner Werkstatt vor Ort war ein Ersatzteil zu finden. Da blieb nur eines übrig: "Mein Gatte fuhr nach Gefühl und Gehör", erzählt Ingrid Wittich. Anscheinend hatte er sehr gute Ohren für den Motor: Auch fast 50 Jahre später ist noch kein Knöllchen als verspätetes Reisesouvenirs angekommen.

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