Lollar und Staufenberg sind - räumlich und strukturell - eng verwoben. Die Magistrate beider Städte sehen die gemeinsame Bedeutung auch für Nachbarkommunen nicht ausreichend vom Land gewürdigt. ARCHIVFOTO: JEB
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Lollar und Staufenberg sind - räumlich und strukturell - eng verwoben. Die Magistrate beider Städte sehen die gemeinsame Bedeutung auch für Nachbarkommunen nicht ausreichend vom Land gewürdigt. ARCHIVFOTO: JEB

Unter Wert eingestuft?

Wie Lollar und Staufenberg kämpfen, gemeinsam Mittelzentrum zu werden

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Sie versorgen Nachbarkommunen, wachsen deutlich und sind eng miteinander verflochten: Staufenberg und Lollar sehen sich als gemeinsames Mittelzentrum. Der Entwurf des Landesentwicklungsplans weist beide Kommunen jedoch als Grundzentren aus. Dagegen regt sich deutlicher Protest - auch aus finanziellen Gründen.

Mit dem Landesentwicklungsplan (LEP) 2020 will die Landesregierung Weichen für die Zukunft stellen. Darin wird unter anderem aktualisiert, welche Kommunen eine besondere Stellung haben, auch weil sie für benachbarte Städte und Gemeinden Vorteile bringen - etwa durch Einkaufsmöglichkeiten, ÖPNV-Anbindung, die Bereitstellung von Wohnraum oder soziale Angebote.

Deutliche Kritik an Landesregierung

Der neue LEP-Entwurf liegt nun offen, Staufenberg und Lollar haben die Gelegenheit zur Rückmeldung bereits vor einigen Wochen genutzt - und üben deutliche Kritik an ihrer Einstufung als Unterzentren statt als gemeinsames Mittelzentrum. In einer Stellungnahme, die dem Lollarer "Eilausschuss" kürzlich zur Kenntnis gegeben wurde, legt der Magistrat der Stadt dar, warum die Einstufung aus seiner Sicht an den Tatsachen vorbeigeht. Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller hatte seinen Unmut bereits Anfang des Jahres in der Stadtverordnetenversammlung geäußert.

Faktisch, so ist in den gleichlautenden Briefen an das Wirtschaftsministerium zu lesen, erfüllten die beiden Nordkreis-Kommunen seit vielen Jahren die Anforderungen, die an ein Mittelzentrum gestellt würden. Man sehe sich "gemeinsam in der Lage, die übergemeindlichen Aufgaben der Daseinsvorsorge im Besonderen für das gesamte Lumdatal mit den Kommunen Lollar, Staufenberg, Allendorf (Lumda) und Rabenau, aber auch für die Südkreiskommunen Fronhausen und Ebsdorfergrund des Landkreises Marburg-Biedenkopf und damit für mehr als 40 000 Einwohner flächendeckend zu erfüllen". Beide Städte stellten "gleichwertige Lebensverhältnisse in den eher ländlich geprägten Gemeinden Rabenau und Allendorf (Lumda)" sicher.

Lollar und Staufenberg fühlen sich nicht gerecht eingestuft

Bürgermeister und Städträte weisen auf die enge Verflechtung Lollars und Staufenbergs hin - räumlich wie strukturell: Die Stadtverwaltungen liegen keine drei Kilometer auseinander, man kooperiert beim Hallenbad- und Abwasser-Zweckverband, hat eine gemeinsame Mediothek und Stadtkasse. Allerdings hatte die Partnerschaft 2018 einen Dämpfer erhalten: Per Parlamentsbeschluss kündigte Lollar die Interkommunale Zusammenarbeit (IKZ) einseitig auf.

Nicht gerecht eingestuft fühlen sich die Lollarer und Staufenberger nun gerade im Vergleich zum Rhein-Main-Gebiet. Lollars Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek kritisiert gegenüber dieser Zeitung, dass es dort "ein Mittelzentrum nach dem anderen" gebe. Tatsächlich zeigt eine Karte im Planentwurf eine Ansammlung solcher Zentren um Frankfurt herum, während im Kreis Gießen nur Hungen/Lich/Laubach und Grünberg als Mittelzentren genannt werden. Kürzlich hatten die Bürgermeister von Pohlheim und Linden die Einstufung ihrer Kommunen als gemeinsames Mittelzentrum gefordert, aber auch grundsätzliche Kritik an der Abstufung von Ober-, Mittel- und Grundzentren geübt.

"Größtes Wachstum im Landkreis Gießen"

Im Rhein-Main-Gebiet werde meist auf die Wohnraumentlastung für Frankfurt verwiesen, so Wieczorek. "Dort unten gilt das Argument, aber das gleiche machen wir hier auch für Gießen". Doch dies berücksichtige das Ministerium nicht. Auch führt laut den Stellungnahmen der autobahnähnliche Ausbau der B 3 zu einer Wohnraumentlastung für Marburg. Neue Baugebiete in Lollar und Staufenberg würden sowohl von Einwohnern Marburgs als auch Gießens nachgefragt.

Wohl auch deshalb verzeichnen beide Kommunen in den vergangenen Jahren das "größte Wachstum im Landkreis Gießen", wie es in den Schreiben heißt. Der weiter zu erwartende "hohe Siedlungsdruck" spiegle sich auch in der Kreis-Demografieprognose wider, die bis 2030 von einem Einwohnerplus von über sechs Prozent ausgehe.

4800 Arbeitsplätze in beiden Kommunen

Genannt werden auch Beispiele für Infrastruktur-Angebote, von denen auch Nachbarkommunen profitieren: etwa die Clemens-Brentano-Europaschule als zweitgrößte Gesamtschule im Kreis, breite medizinische Versorgung, viele Einkaufsmöglichkeiten, vor allem in Lollar auch großflächiger Einzelhandel, rund 4800 Arbeitsplätze in beiden Kommunen, Pflegeheime und gute ÖPNV-Anbindung.

An Argumenten für eine Hochstufung mangelt es den Nachbarkommunen also nicht. "Ich hoffe, dass man unserem Wunsch jetzt mal entspricht", sagt Wieczorek. Auch Landrätin Anita Schneider habe die Mittelzentrum-Ambitionen "von Anfang an unterstützt".

Wirtschaftsministerium: "Grundsätzlich keine Notwendigkeit, weitere Mittelzentren festzulegen"

"Es handelt sich bei der Änderung des Landesentwicklungsplans nicht um ein Förderprogramm im Sinne von Antragstellung und Bewilligungsbescheid", betont das Hessische Wirtschaftsministerium auf Anfrage dieser Zeitung. Nach Maßgabe des Landesplanungsgesetzes würden die Stellungnahmen im nächsten Schritt gesichtet, ausgewertet und abgewogen, am Ende stimme der Landtag ab.

Allzu viel Grund zur Hoffnung haben Lollar und Staufenberg offenbar nicht: Interkommunale Kooperation werde zwar "mit den vorhandenen Instrumenten unterstützt". Hessen habe im Bundesvergleich aber ein sehr dichtes Netz an Mittelzentren - 98 Kommunen und damit etwa 25 Prozent.

Daher bestehe "grundsätzlich keine Notwendigkeit, weitere Mittelzentren festzulegen", antwortet das Ministerium. "Kooperationen von Grundzentren mit dem Ziel der gemeinsamen Aufstufung zu einem ›zusätzlichen‹ Mittelzentrum" seien "im Landesentwicklungsplan nicht vorgesehen".

Es geht um finanzielle Nachteile

Bei der Frage, ob Staufenberg und Lollar Grundzentren bleiben oder ein gemeinsames Mittelzentrum werden, geht es um weit mehr als Prestige, wie Bürgermeister Wieczorek unterstreicht: Mittelzentren würden über den kommunalen Finanzausgleich weit höhere Zahlungen zugewiesen als Grundzentren. "Der Unterschied ist beträchtlich", sagt der Lollarer Bürgermeister. Er geht für Lollar pro Jahr von einer Differenzsumme deutlich im sechsstelligen Bereich aus. "Wir tun viel für die Region, das muss auch finanziell unterstützt werden."

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