Das Trabi-Team (v. l.): Andrea Grube sowie Christel und Manfred Wagner. FOTO: PM
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Das Trabi-Team (v. l.): Andrea Grube sowie Christel und Manfred Wagner. FOTO: PM

"Unser Trabi wirkt wie ein Smiley"

  • vonChristina Jung
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Das Zusammenwachsen von Ost und West ist ihnen ein Anliegen. Seit sechs Jahren bereisen sie mit ihrem Mauerfall-Trabi das Land, um die Menschen daran zu erinnern, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Warum ihnen das ein so großes Anliegen ist, erzählen die Bersröder Christel und Manfred Wagner anlässlich des 30. Jahrestages der Deutschen Einheit im Interview.

Seit 2014 bereisen Sie mit Ihrem Mauerfall-Trabi das Land. Wie reagieren die Menschen auf ihn?

Christel Wagner:Überwiegend positiv. Unser Trabi wirkt wie ein Smiley. Wer ihn anschaut, muss unwillkürlich lächeln. Und wer selbst einmal einen besessen hat, lässt uns an seinen Erinnerungen teilhaben. So mancher ist mit dem kleinen Wagen mit vier Kindern und Gepäck in den Urlaub gefahren.

Was war die bewegendste Geschichte, die Sie gehört haben.

Manfred Wagner:Es war die einer lange geplanten Flucht. Wochenlang hat diese Familie Ängste ausgestanden, hat schließlich alles zurückgelassen und ist über Ungarn geflohen.

Christel Wagner:Und das am Tag des Mauerfalls. Hätten sie einen Tag länger gewartet, wäre diese Flucht mit all den psychischen Anspannungen nicht mehr nötig gewesen, denn die Grenze war geöffnet. Das sind Gänsehautmomente, die man nie vergisst.

Treffen Sie auch Menschen, die nichts mit einem Trabi anfangen können?

Manfred Wagner:Das hatten wir auch schon. Auf der Frankfurter Buchmesse sprach mich mal eine asiatische Besucherin etwas verwundert mit den Worten an: Excuse me, what is this? Ein Trabi, Baujahr 1982, das typische Auto in der ehemaligen DDR, antwortete ich. Ah, DDR, meinte sie. Denn damit konnte sie natürlich etwas anfangen.

Gab es auch negative Reaktionen auf die "Renn-pappe"?

Christel Wagner:Nicht wirklich. Nur bei einer Veranstaltung anlässlich "30 Jahre Mauerfall" im thüringischen Großburschla begegneten uns die Menschen weniger euphorisch als sonst. Das Dorf war zur Zeit der Teilung quasi eine Ost-Insel im hessischen Westen gewesen. Ich denke, die Menschen dort haben so schlechte Erinnerungen an die Zeit der Teilung, sie wollten einfach nicht daran erinnert werden.

Buchmessen und Bürgerfeste, Jubiläen, Lesungen, Schulprojekte - 39 Veranstaltungen haben Sie besucht. Was treibt Sie an

Manfred Wagner:Sie kennen doch sicherlich diesen Satz von August Bebel, den auch Helmut Kohl einmal zitierte: Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Wir wollen die Menschen daran erinnern, dass es eine Zeit vor der deutschen Einheit gab, damit sie nicht vergessen, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist und man jeden Tag dafür kämpfen muss.

Christel Wagner:Gerade mit Blick auf die politischen Entwicklungen in einigen unserer Nachbarländern halten wir das für wichtiger denn je.

Sie sind in Bersrod beziehungsweise Groß-Eichen aufgewachsen. Wie haben Sie die deutsche Teilung weit ab vom Grenzgebiet wahrgenommen?

Christel Wagner:Als Kind habe ich im Fernsehen die Bilder des Mauerbaus verfolgt und gesehen, wie die Menschen aus den Fenstern gesprungen sind, um sich zu retten. Das hat mir Angst gemacht und mich nachhaltig geprägt.

Manfred Wagner:Es war eine furchtbare Ungerechtigkeit, die auch für uns spürbar war.

Wo erfuhren Sie vom Fall der Mauer?

Manfred Wagner:Meine Frau saß zu Hause vor dem Fernseher, ich kam gerade vom Fußballtraining und war auf dem Weg dorthin. Auf dem Berg zwischen Reinhardshain und Bersrord kam die Nachricht durchs Radio.

Was war das für ein Gefühl?

Manfred Wagner:Ein unglaublich gutes. Man hat zwar immer gehofft, dass irgendwann zusammenkommt, was zusammengehört. Aber dass es am 9. November 1989 Wirklichkeit wurde, war in diesem Moment nicht greifbar.

Christel Wagner:Selbst Wochen später konnte ich das nicht fassen. Als wir Silvester 89 nach Berlin fuhren, um am Brandenburger Tor zu feiern, standen dort noch Grenzer. Ich dachte ständig, die machen dem Ganzen jetzt gleich ein Ende. Aber es geschah nichts.

Wie kamen Sie eigentlich zu Ihrem Mauerfall-Trabi?

Manfred Wagner:1990 lernte ich bei einem Sprachseminar in England einen jungen Rostocker kennen, dem ich kurz darauf einen Praktikumsplatz und eine Wohnung hier im Landkreis vermittelte. Als Dank für unsere Unterstützung schenkte er uns später den Wagen, um mit einem Auto aus dem Westen die Heimreise anzutreten .

Der stand dann aber jahrelang in der Garage. Wie wurde er zu Ihrem persönlichen Symbol der Freiheit?

Christel Wagner:Wir haben ihn 2014 aus dem Dornröschenschlaf geweckt, weil wir mit ihm im 25. Jahr des Mauerfalls auf die Kunst- und Kulturtage in Bersrod hinweisen wollten. Aber eine ehemalige Kollegin von mir, die Künstlerin Andrea Grube, hatte die Idee, daraus etwas ganz besonderes zu machen, quasi eine eigene deutsch-deutsche Geschichte. Mit Pinsel und Farbe dokumentierte sie die frühere Fahrstrecke des Trabis von Rostock nach Gießen und zurück und setzte markante Punkte deutscher Geschichte dazwischen.

Zum Beispiel?

Manfred Wagner:Das Brandenburger Tor mit der Betonstraße, die plötzlich kurz vorher endete, die Nikolaikirche in Leipzig, wo mit den Montagskundgebungen alles seinen Anfang nahm, der Grenzübergang Herleshausen, eine wichtige strategische Verbindung zwischen einem geteilten Volk oder der Hamburger Hafen als Tor zur Welt und damit zur großen Freiheit.

Und auf dem Dach ein Regenbogen.

Manfred Wagner:Genau. Er steht für Frieden, Hoffnung, Verständigung und soll nicht nur Ost- und Westdeutschland miteinander verbinden, sondern die ganzen Welt.

Der kleine Wagen ist also mittlerweile ein Kunstprojekt, hinter dem Sie beide und Andrea Grube als Trabi-Team-Bersrod stehen. Fahren Sie ihn denn überhaupt noch?

Manfred Wagner:Ja, aber nur im Umkreis von 100 Kilometern und meine Frau sitzt im Auto direkt dahinter. Denn mit jedem Kilometer steigt die Gefahr, dass er in einen Unfall verwickelt und beschädigt wird, und damit wäre unser "Botschafter", der Mauerfall-Trabi, zerstört.

Am Samstag feiern wir 30 Jahre Deutsche Einheit. Wie verbringen Sie diesen Tag?

Christel Wagner:Eigentlich hatte uns die Gemeinde Reiskirchen mit dem Trabi zu einer Veranstaltung im thüringischen Wandersleben anlässlich der 30-jährigen Partnerschaft der beiden Gemeinden eingeladen. Aber wegen Corona ist das ins Wasser gefallen und wir werden stattdessen mit dem Mauerfall-Trabi eine Rundreise in unserer Region unternehmen, um an diesen besonderen Tag zu erinnern.

Von der Bundeszentrale für politische Bildung wurden Sie für die Teilnahme am Einheitspreis 2020 vorgeschlagen und haben sich beworben. Was würde diese Auszeichnung für Sie bedeuten?

Christel Wagner:Wir sind viel in unserer Mission unterwegs, haben viele Aktionen mit dem Trabi selbst initiiert. Der Einheitspreis wäre eine schöne Würdigung unserer Arbeit.

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