Unschuldsbeteuerung aus der U-Haft

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Im Prozess um einen »Mord ohne Leiche« bei Hungen schweigt einer der beiden Angeklagten seit mehreren Monaten eisern. In Briefen ist er auskunftsfreudiger.

Olaf C. hat ausführlich gesprochen. Doch sein Mitangeklagter Robert S. schweigt. Der 40-Jährige, der vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen des gemeinschaftlich begangenen Mordes und des erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge angeklagt ist, hat seit Prozessbeginn im April kein Wort gesagt. Umso ausführlicher schreibt er. In der Untersuchungshaft verfasst er lange Briefe an seine Mutter, an die Staatsanwaltschaft, an die lokale Presse. In den Schreiben, die am Mittwoch vor Gericht verlesen wurden und sich stilistisch zwischen Galgenhumor und Fäkalsprache bewegen, beteuert er immer wieder seine Unschuld.

Der 40-Jährige weiß, dass seine Äußerungen nicht unbemerkt bleiben. Weil für ihn in der U-Haft Briefkontrolle angeordnet wurde, lesen die Behörden mit. »Ich würde Dir gerne noch mehr sagen, aber jeder Brief wird dokumentiert«, schreibt er am 3. Oktober 2020 an seine »liebe Mama«, die im Taunus-Städtchen Eppstein lebt. Zuvor hat er der Mutter seinen Gemütszustand beschrieben: »Wie beim Gleitschirmfliegen«, ein ständiges Auf und Ab. Seine Lage schätzt er zu diesem Zeitpunkt pessimistisch ein. »Der Psychopath hat die Nase vorn«, äußert er mit Blick auf Olaf C., über den er sich in wüsten Beschimpfungen ergeht. Sein Fazit: »Selbst wenn die Sache gut ausgeht, ist die Freude am Leben weg.«

Gegenüber der Staatsanwaltschaft schlägt S. einige Wochen später, am 9. November 2020, einen moderateren Ton an. Auch hier betont er seine Unschuld und beklagt »die Dreistigkeit, mit der die Justiz von C. vorgeführt« werde. »Ich tappe genauso im Dunklen wie Sie«, versichert er dem zuständigen Staatsanwalt Thomas Hauburger. Seine Ankündigung, er könne die Aussagen von Ex-Kumpel Olaf im Handumdrehen entkräften, macht er dann jedoch nicht wahr. Der Aufforderung des Staatsanwalts, sich für eine ergänzende Vernehmung zur Verfügung zu stellen, kommt er nicht nach. Ein entsprechendes Schreiben Hauburgers bleibt unbeantwortet.

Dafür äußert Robert S. sich Anfang Dezember gegenüber seiner Mutter über die Ermittlungen, deren Kosten seiner Einschätzung nach eine Million Euro überschritten haben dürften. »Bodensee abgetaucht, Hungener Wald abgesucht, Schlumpfhaus demoliert.« Ja, der Olaf habe halt seinen Preis. Kritik an den Ermittlungsmethoden - konkret an der Durchsuchung des Tatorts, einer Hofreite bei Hungen - übt der Angeklagte auch in einem Brief an diese Zeitung. »Es war schon sehr peinlich, dass die Polizei eine Leiche im Haus sucht. Kein normaler Mensch würde eine Leiche auf dem eigenen Grundstück vergraben und ich halte mich für absolut normal.«

Auch dieses Schreiben wurde im Sitzungssaal vorgetragen, allerdings erst nach Gerichtsbeschluss. Rechtsanwalt Lars Kirch, der Verteidiger des zweiten Angeklagten Olaf C., hatte der Verlesung widersprochen. Seine Vermutung: Robert S., der sich vor Gericht nicht einlasse, habe bewusst diesen Weg gewählt, um sich zu äußern. Schließlich sei ihm klar gewesen, dass der Brief beschlagnahmt werde.

Verlesen wurde auch noch ein Drohschreiben von Robert S. an Olaf C. Verfasst wurde es am 8. April 2020, gut einen Monat, ehe C. sich der Polizei offenbarte. »Hallo Olaf, Du hast den Ernst Deiner Lage noch nicht erkannt. (...) Du hast D. umgebracht. Alle Beweise sind vorhanden und würden Dich mit Sicherheit in den Knast bringen. (...) Du hast uns hingehalten und uns um unseren Lohn betrogen. Wir werden das Spiel zu Ende führen, das Du begonnen hast.«

Nicht ausgesagt haben am Mittwoch die Eltern der beiden Angeklagten. Sie waren geladen, machten aber von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Der Prozess wird fortgesetzt.

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