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Der unscheinbare Schmausverkauf

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Katja Buchner arbeitet unter der Woche als Bürokauffrau. Samstags und sonntags öffnet sie einen kleinen Laden in Watzenborn-Steinberg und verkauft selbst gebackene Kuchen und Torten. Draußen weist kein Schild auf das Geschäft hin, die 44-Jährige verzichtet auf jegliche Werbung. Und doch hält sich ihr Laden seit nun 18 Jahren.

Wenn das Wochenende langsam näher rückt, steigt Katja Buchner in den Keller hinab. Es ist Donnerstagnachmittag, die 44-Jährige hat mit ihrem Mann und den beiden Kindern gerade Mittag gegessen, morgens arbeitet die Bürokauffrau in Gießen. Nun geht die Hausenerin vom Wohnzimmer aus die Treppe hinunter, schlendert an einer Waschmaschine vorbei und öffnet eine Tür. Ein großer Ofen fällt in dem Raum als erstes ins Auge. Buchner schaltet eine Teigmaschine und ein großes Handrührgerät ein. So gut wie jede Woche backt sie hier rund 20 Kuchen und bereitet zudem Torten und Pralinen zu. Bisweilen werkelt sie auch bis nach Mitternacht in der 16 Quadratmeter großen Backstube.

Buchner steckt viel Zeit und Akribie in ihre Leidenschaft. Denn samstags und sonntags führt sie einen eigenen kleinen Laden in Watzenborn-Steinberg. Hell erleuchtet liegen dann Schwarzwälder Kirschtorte, eine Himbeer-Joghurt-Torte, Käsekuchen, eine Sachertorte und andere Köstlichkeiten in der gläsernen Theke. Sie verkaufe nicht nur Klassiker, betont sie und erklärt: "Bei der Erdbeer-Basilikum-Torte gilt es dann eben, Kunden zu überzeugen, davon mal zu probieren."

Wer den Laden am Kreuzplatz gegenüber vom "Goldenen Stern" aufsucht, staunt über die schlichte und unscheinbare Einrichtung. Draußen weist kein Schild auf das Geschäft hin, drinnen steht nur die ehemalige Metzgertheke. "Fast langweilig", räumt Buchner ein. Für den Laden hat sie noch nie Werbung geschaltet, im Internet ist sie nicht präsent. Irgendjemand habe mal Fotos vom Kuchenverkauf ins Netz gestellt, online ist aber eine falsche Adresse angegeben, die Öffnungszeiten sind überhaupt nicht zu finden.

Und doch gibt es den Laden seit inzwischen 18 Jahren. Buchner hebt die Schultern. "Mund-zu-Mund-Propaganda", sagt sie. Das Geschäft führe sie ohnehin im Nebenverdienst. "Der Laden darf gar nicht viel größer werden." Ihr Mann Ralf fügt hinzu: "Wenn du so klein bist, dann bist du auch glücklicherweise nicht auf das Geschäft angewiesen." So bleibe es eben Hobby und Leidenschaft. "Ich backe und verkaufe Kuchen, weil es mir Spaß macht", sagt Katja Buchner.

Unter der Woche, sagt sie, würde es an dem Standort ohnehin nicht funktionieren. "Das ist ab vom Schuss. Als Konditor muss du dort sein, wo die Leute zum Einkaufen hinfahren."

Im November 2001 öffnete sie erstmals den Laden. "Wenn der Bürgermeister nicht den Vorschlag gemacht hätte, hätten wir es vielleicht nicht gemacht", sagt ihr Mann. Ralf Buchner ist gelernter Konditormeister. In den 90er Jahren belieferte er Cafés in Gießen mit Kuchen und Torten. In der kalten Jahreszeit verkaufte er außerdem Schokolade und Pralinen auf Weihnachtsmärkten. Einmal suchte der damalige Pohlheimer Rathauschef Karl-Heinz Schäfer seinen Stand auf. "Warum haben Sie keinen eigenen Laden?", fragte der Bürgermeister, zeigte Buchner später Pläne für die Neue Mitte und bot ihm an, dort eine Eisdiele zu übernehmen. Die Buchners aber lehnten ab. Die Miete wäre sehr hoch gewesen, erzählen sie heute. Und vor allem eines ist ihnen wichtig: die Familie. "Wir wollten unsere Kinder tagsüber nicht abgeben. Hauptberuflich einen Laden zu führen - das ist für uns nicht in Frage gekommen."

Kurz nach dem Angebot des Bürgermeisters aber erfuhren sie, dass der Metzger Walter Rinn sein Geschäft in Watzenborn am Kreuzplatz schloss. Er ermöglichte ihnen, den Raum zu einer geringen Miete am Wochenende zu nutzen, unter der Woche steht die ehemalige Metzgerei leer.

Buchners Kinder, 17 und 14 Jahre alt, helfen im Laden öfter aus. Dass Katja Buchner samstags und sonntags im Laden arbeitet, damit habe man sich als Familie arrangieren können. "Klar, wir unternehmen dann am Wochenende keine Ausflüge", sagt sie. Hin und wieder lasse man das Geschäft auch geschlossen, vor allem in den Sommerferien.

Auf die Frage, warum sich der Kuchen- und Tortenverkauf nach 18 Jahren noch hält, kommt Katja Buchner selbst ins Grübeln. "Weil das mein eigenes Ding ist", sagt sie dann. Gegen die Bäckerei- und Konditoreiketten sei es schwierig anzukommen, erklärt ihr Mann. "Du musst dann qualitativ hochwertiger sein." Man arbeite ohne Fertigprodukte. Margarine beispielsweise komme nie zum Einsatz, sondern Butter. "Und wir gehen auf Wünsche ein", sagt sie. So gestalte man individuell Torten für Taufen, Geburtstage und Hochzeiten. Ein Kunde fragte einmal, ob sie eine Zitronen-Thymian-Torte im Angebot habe. Kurz darauf schlug sie in Büchern nach - und bereitete die Torte zu.

Das aufwändigste Gebäck hätten sie allerdings 1998 fertiggestellt, erzählt Buchner. "Unsere eigene Hochzeitstorte." Neunstöckig, die Ebenen mit Schokoladentreppen verbunden, mit filigranen Tauben verziert. "Das war viel Arbeit", sagt die Pohlheimerin. Lachend fügt sie hinzu: "Und geheiratet haben wir auch noch."

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