In einer Männerdomäne, dem Schafscheren, behauptet sich Tanja Grzybinski aus Mainzlar seit nunmehr zehn Jahren. In Günterod macht sie Heidschnucken für den Sommer fit. FOTO: VH
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In einer Männerdomäne, dem Schafscheren, behauptet sich Tanja Grzybinski aus Mainzlar seit nunmehr zehn Jahren. In Günterod macht sie Heidschnucken für den Sommer fit. FOTO: VH

Ein ungewöhnlicher Job

  • vonVolker Heller
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Tanja Grzybinski ist im eigentlichen Beruf Altenpflegerin. Daneben ist die Mainzlarerin in einer Männerdomäne unterwegs: Sie schert Schafe. Jetzt war sie wieder im Einsatz.

Tanja Grzybinski war wieder unterwegs. Die Mainzlarer Altenpflegerin ist nach einer Schicht im Marie-Juchacz-Haus der Arbeiterwohlfahrt in Lollar nicht etwa dem verdienten Feierabend entgegengeeilt, sondern in ihr waldmeistergrünes Auto gestiegen, um noch gut 30 Kilometer bis nach Bad Endbach-Günterod zu fahren. Dort warteten ein knappes Dutzend Heidschnucken-Mutterschafe auf die Winterschur.

Seit zehn Jahren geht die Frau mit der elektrischen Handschermaschine, einem schweizer Präzisionsinstrument der Marke Heiniger, in dieser Männerdomäne auf. Warum sie das tut, hat viel mit Tierliebe zu tun. Und angesichts Hunderter Tiere scheut die Schererin auch keinen Akkord.

Biegsamer Rücken

Für den vermutlich beinharten Knochenjob braucht es nur wenig Kraft, aber viel Arbeitstechnik und einen biegsamen Rücken. Grzybinski hat manch einen Kollegen kommen und gehen sehen. Diesmal wird für sie der späte Freitagnachmittag angesichts der wenigen Tiere aber eher gemütlich ausklingen. Die Schur wird ohne Zeitdruck, aber dennoch zügig ausgeführt. Man soll Schafsgeduld nicht überstrapazieren.

Normalerweise macht diesen haarigen Job im hessischen Hinterland Grzybinskis Lebensgefährte, der Berufsschäfer Manfred Jauernig. Diesmal aber warten Wolfgang Stutzke und Tochter Katharina Jakob auf seine Vertretung. Nach der sogenannten Schafskälte muss die Wolle spätestens runter, je Tier ein bis anderthalb Kilogramm, sonst drohen Verfilzung und Insektenbefall. Grzybinski nennt die gefürchteten, weil unsichtbaren Sandwürmer.

Stutzke hat vor gut 40 Jahren sein Herz an die Heidschnucke verloren. Heute hilft ihm seine Tochter. Die Mutterschafe auf der Weide am östlichen Ortsrand von Günterod haben bereits abgelammt. Vorerst sind die Jungschafe an ihrer tiefschwarzen Farbe erkennbar. Bei der vorgefundenen Rasse, der Grauen Gehörnten Heidschnucke, ist das erwachsene Tier silbergrau. Schwarz bleiben Kopf, Ohren, Brustlatz und Beine. Beide Geschlechter tragen Hörner. Der raue Kopfschmuck verlangt von Grzybinski erhöhte Konzentration, es besteht Verletzungsgefahr. Schurtechnik bedarf auch besonderer Geschicklichkeit, denn das Schaf ist zwar willig, aber keine unbewegliche Statue.

Helle Aufregung

Die Mainzlarer Fachfrau schert nicht auf dem Boden, wie allgemein üblich, sie nutzt eine erhöhte Bank. Das schone den Rücken etwas. Ein Helfer, Sohn Karl Stutzke, ist aus Schleswig angereist, packt die Schnucke zusammen mit Grzybinski, setzt das Tier mit seinem Hinterteil auf das einen halben Meter hohe Podest. Die rund 1,2 Kilogramm wiegende Handschermaschine macht den ersten Schnitt vom Hals abwärts zum Bauch. Im Folgenden wird das Schaf gedreht und gewendet, nimmt alle möglichen Positionen ein, während die scharfen Messer flott und fast geräuschlos ihre Arbeit verrichten. Zurück bleibt ein nackiges Schaf und ein zusammenhängendes Stück Wolle, das Vlies.

Gelbes Wollwachs (Lanolin), das durch Schwitzen von der Haut in die Unterwolle übergeht, ist bei einigen Tieren nur unvollständig aufgelöst. Dann wird es hubbelig und Grzybinski muss noch aufmerksamer sein. Für Schafscherer ohne Erfahrung sei das eine Bewährungsprobe, sagt sie.

Nach dem Haarelassen geht das große Blöken los. Weil die Lämmer aufgrund des veränderten Aussehens und Geruchs ihre Mütter schwerlich wiedererkennen, locken die Geschorenen diese lautstark. Dann ist alle Aufregung vorbei. Am östlichen Ortsrand kehrt wieder Ruhe ein.

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