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Mit abgeschlossener Ausbildung steigt das Gehalt - Frauen und Ausländer verdienen aus unterschiedlichen Gründen jedoch weniger als deutsche Männer. (Symbolfoto: dpa)

Gehälter-Gefälle

Unfair: Auch im Kreis Gießen verdienen Frauen weniger - Die Ursachen

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Keine Binsenweisheit: Wer einen höheren Schulabschluss hat, der verdient mehr. Und noch etwas zeigt die neueste Statistik der Arbeitsverwaltung: Frauen verdienen nach wie vor weniger.

Es ist eine Bilanz, die man dem einen oder anderen schulmüden Teenager vielleicht mal unter die Nase halten könnte, um ihn zum Nachdenken anzuregen: Im Kreis Gießen verdienen Arbeitnehmer im Schnitt knapp 3400 Euro brutto im Monat. Das weist die Statistik der Bundesagentur für Arbeit aus. Wer keinen Berufsabschluss hat, der geht im Schnitt mit 2495 Euro im Monat nach Hause. Also mit rund 900 Euro weniger. Mit Berufsabschluss steigt das Gehalt auf durchschnittlich 3278 Euro. Und wer studiert hat, ist definitiv am besten dran: Da liegt das Monatsbrutto im Schnitt sogar bei 4811 Euro; also fast 1500 Euro über dem Durchschnitt.

Was allerdings nicht heißen soll, dass unbedingt jeder studieren sollte: Auch im Handwerk werden überaus gute Gehälter gezahlt. Aber das Signal ist eindeutig: Wer eine bessere Ausbildung hat, der hat auch ein höheres Einkommen im Beruf.

Zum Vergleich der Blick auf das Durchschnittseinkommen aller Deutschen: Mit einer Vollzeitstelle liegt der Monatsverdienst bei 3770 Euro brutto.

Doch etwas anderes zeigt die Statistik ebenfalls: Die Einkommen von Frauen und Männern klaffen nach wie vor auseinander. Liegt das Durchschnittsbrutto von Männern bei 3467 Euro, so sind es bei Frauen fast 400 Euro weniger. Nämlich nur 3098 Euro. Die Gründe dafür liegen nicht an einem höheren Anteil an Teilzeitbeschäftigungen, denn in die Statistik eingeflossen sind nur sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte. Beamte und Selbstständige sind ebenfalls in der Statistik außen vor.

Ergo liegt der Schluss einer strukturellen Ungerechtigkeit nahe: Werden noch immer Männern und Frauen bei gleicher Arbeit nicht überall gleich entlohnt? Auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, rund 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts? Sollte dem so sein, ist der Aufschrei der Gewerkschaften sicher.

Johannes Paul, Sprecher der Arbeitsagentur Gießen, benennt andere Ursachen. Frauen unterbrechen ihre Berufslaufbahn für Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen eher als Männer. Das wirft sie gehaltsmäßig zurück. Und Frauen sind häufiger in geringer bezahlten Berufen zu finden, etwa in der Pflege oder im Friseurhandwerk, sagt Paul. Er verweist zudem darauf, dass eher Männer für höhere dotierte Jobs ausgesucht werden als Frauen. Männer fördern Männer. Das hätten Studien ergeben.

In den Gehaltsklassen ein paar Stufen niedriger angesiedelt sind ausländische Arbeitnehmer. Bei Ausländern liegt das Monatsbrutto bei etwas weniger als 2400 Euro; fast einen Tausender unter dem Schnitt Zu Gründen sagt die Statistik der Arbeitsverwaltung nichts. Diese können, müssen aber nicht zwingend in geringerer Qualifikation liegen. Womöglich ist es so, dass ausländische Berufsabschlüsse und Qualifizierungen hierzulande nicht oder nur teilweise anerkannt werden. Was indes nicht verwundert, ist eine andere Aussage der Statistik: Mit zunehmendem Lebensalter steigt das Gehalt an - unabhängig von Nationalität und Geschlecht.

Was ebenfalls eine Rolle spielt, ist der Wohn- und Arbeitsort. Schaut man auf den Arbeitsort, so erhält derjenige, der seinen Job im Landkreis Gießen ausübt, im Durchschnitt mehr als derjenige, der seinen Arbeitsplatz in der Wetterau oder im Vogelsbergkreis hat. Nimmt man allerdings den Wohnort als Maßstab, so erhalten Wetterauer wiederum am meisten. Dies liegt vor allem an der räumlichen Nähe zu Frankfurt und den dort gezahlten höheren Gehältern.

Es gibt deutliche Unterschiede zwischen dem Wetteraukreis, dem Kreis Gießen und dem Vogelsbergkreis. Arbeitsplätze im Vogelsberg sind etwas schlechter dotiert als in den mittelhessischen Nachbarregionen. Das Durchschnittseinkommen für Jobs im Vogelsberg beträgt brutto 3042 Euro/Monat. Im Kreis Gießen fast 300, in der Wetterau knapp 200 Euro mehr. Der Unterschied zwischen dem Vogelsberg und dem Kreis Gießen lässt sich vor allem durch den höheren Anteil an Akademikern und höher Qualifizierten im Raum Gießen erklären. (jol)

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