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Thomas Brückner vor dem »Dom der Rabenau«.

Und rüber nach Rabenau

  • Burkhard Bräuning
    VonBurkhard Bräuning
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Wir sind wieder unterwegs. Diesmal haben wir mehr Glück mit dem Wetter. Die Sonne scheint, beste Voraussetzungen für eine Abendwanderung im Lumdatal. Wir parken am Sportplatz in Allertshausen. Der Rabenauer Ortsteil thront hoch oben auf einem Berg über dem Lumdatal. Dort starten wir unsere Tour. Der Plan: Der Kollege Thomas Brückner erzählt Geschichten aus Rabenau.

Schon bald haben wir den Dom der Rabenau, wie die Londorfer Kirche oft genannt wird, vor Augen.

Ein Sprichwort heißt: »Armut ist keine Schande, aber ein leerer Sack steht nicht gut.« In Rabenau weiß man, wie sich das anfühlt. Die Gemeinde kommt finanziell nicht über die Runden, ist verschuldet. Und die Misere wird sich auch nur schwer beseitigen lassen. Denn die Notlage rührt nicht daher, dass die Verantwortlichen nicht mit Geld umgehen können. Thomas Brückner, der seit rund 30 Jahren zuständige Redakteur, kennt die Ursache: »Rabenau ist ein Kleinzentrum, und diese Gemeinden haben kaum Spielraum bei der Ausweisung von Gewerbegebieten.« Da fließt dann keine oder nur sehr wenig Gewerbesteuer.

Als (tb) für Rabenau zuständig wurde, wirkte noch immer das große Thema der 1980er nach.

Was war passiert? 1987 - ein Nachfolger für Bürgermeister Wilhelm Rabenau wird gesucht. Die SPD nominiert den Hauptamtsleiter der Gemeindeverwaltung und erfahrenen Kommunalpolitiker Walter Haupt als Kandidaten. Wilfried Eckl, auch SPD-Mitglied, hat ebenfalls Ambitionen und stellt sich im Parlament zur Wahl - und wird mit Stimmen der anderen Parteien gewählt. Haupt zeigt Charakter und bleibt unter Eckl Hauptamtsleiter. 18 Jahre lang »regiert« Eckl die Gemeinde.

Und noch ein Aufregerthema: In den 1990er Jahren beginnt der Kampf um den »Noll« - ein NATO-Munitions- und Treibstofflager oberhalb von Geilshausen und Odenhausen, das im Zuge der Entspannung überflüssig wurde. Der Gemeindevorstand handelt in Geheimgesprächen einen Vertrag mit einem Unternehmen über eine Müllverbrennungsanlage aus. Offenbar hält sich ein Mitglied des Gemeindevorstands nicht an die Schweigepflicht und macht den Plan öffentlich. Angesichts des Volkszorns, der entbrennt und viele Zeitungsspalten füllt, rückt Eckls SPD davon ab, und auch die Gemeindevertretung rudert zurück. Proteste gab es auch gegen die auf dem Noll geplante Großkompostierungsanlage. Hier setzte sich die Gemeinde allerdings durch.

Es sind seitdem nicht viele Firmen dazugekommen, die Steuern zahlen, zudem einige weggebrochen: Der Steinbruch am Kahlen Berg und das Sägewerk im Ort haben geschlossen. Und der Einzelhandel war auch schon mal besser aufgestellt. Mit dem berühmten Lungstein aus dem Steinbruch wurde übrigens (auch) die Fassade des Allianzgebäudes in Berlin verkleidet. Vor allem: Und der Dom der Rabenau wurde damit gebaut.

Rabenau hat erst spät den Weg in Richtung kommunaler Zusammenarbeit eingeschlagen. Das Kassenwesen wird nun zuammen mit Allendorf (Lumda) abgewickelt. Auch beim Betrieb der Kläranlagen wurden Vereinbarungen getroffen. Die Bürgermeister (Florian langecker, Rabenau, und Thomas Benz, Allendorf), beide noch recht neu im Amt, stehen einer Zusammenarbeit aufgeschlossen gegenüber.

Bei der Kommunalwahl im März hat eine Bürgerliste aus dem Stand über 40 Prozent der Stimmen geholt. »Ein Warnsignal an die etablierten Parteien.«

Die vielen Löcher in der Kasse haben dazu geführt, dass die Gemeinde sich gezwungen sah, die Steuern auf einen Spitzensatz im Kreis Gießen anzuheben. Der Grundsteuerhebesatz stieg auf über 600 Punkte. »Arm, aber sexy«, das hat Klaus Wowereit, der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, mal über seine Stadt gesagt. In Rabenau gibt es Parallelen. Das Geld ist knapp, aber attraktiv ist die Kerngemeinde schon, und die Ortsteile sind es auch.

Besonders hübsch ist Londorf rund um den Burggarten, da gibt es das »alte Londorf«, mit Liebe zum Detail renovierte Gebäude, Freizeitanlagen (Boule, Minigolf). Der Burggarten ist ein Kleinod für Feste aller Art. Im Pavillon am Rande des Parks hat Rainer Maria Rilke Zeit verbracht und ein Gedicht über die Sonnenuhr im Garten geschrieben.

Und sonst noch? Bürgermeister Eckl hat seinerzeit den Michaelismarkt wiederbelebt, zu einem großen Fest im Jahreslauf gemacht. Die Vereinsleben ist nicht mehr so, wie es einmal war, aber man trifft sich noch. Fehlt noch die Lumdatalbahn. Sie soll wieder fahren. Eine gute Idee, und eigentlich sind (fast) alle dafür. Aber es zieht sich hin. Der Verein Lumdatalbahn hat unter seinem Logo stehen: Eine gute Idee braucht einen langen Atem. Hoffentlich reicht der Sauerstoff. Burkhard Bräuning

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