Peggy Schneeweiß NABU-Sprecherin
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Peggy Schneeweiß NABU-Sprecherin

"Die Umwelt atmet gerade nur durch"

  • vonKatharina Gerung
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Gießen(kge). Die Autos bleiben in den Garagen und die Menschen in ihren Häusern. Nicht nur das gesellschaftliche Leben ist lahmgelegt, sondern auch Verkehr und Produktion - schuld ist das Coronavirus. Optimisten sagen, dass die ganze Krise neben den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen auch eine gute Seite hätte. Eine, die womöglich dem Klima helfen könnte. Würde das auch den Kreis Gießen betreffen? Für Euphorie sei es noch zu früh, sagt zumindest Peggy Schneeweiß, Sprecherin des NABU-Kreisverbands Gießen.

Die Corona-Krise als Umweltretter. Frau Schneeweiß, was halten Sie davon?

Wir haben aktuell weniger Treibhausgasemissionen und CO2-Ausstöße. Diese Werte sind sowohl weltweit als auch regional zu erkennen. Das sorgt natürlich für eine bessere Luftqualität, vor allem in den Städten ist das zu spüren. Das ist aber nur vorübergehend so. Die Corona-Krise ist wie andere Rezessionen in der Vergangenheit nicht wirklich und langfristig gut für das Klima. Dafür bräuchte es mehr als ein paar Wochen. Die Umwelt atmet gerade nur durch.

Das heißt, nach der Krise werden die Werte wieder in den Keller gehen?

Ja, sehr wahrscheinlich wird das so sein - leider. Die Wirtschaft will und muss wachsen, und nach der Krise wird sie einiges nachzuholen haben. Die Menschen verlassen das Home Office und fahren mit ihren Autos oder den öffentlichen Verkehrsmitteln wieder an den Arbeitsplatz, sie reisen und konsumieren wieder. Es könnte also sein, dass die CO2-Emissionen nach der Krise sogar etwas mehr ansteigen als davor.

Halten Sie es denn gar nicht für möglich, dass die Gesellschaft eine Lehre aus den Auswirkungen der Pandemie zieht?

Das wäre natürlich sehr wünschenswert. Ich denke schon, dass Menschen vereinzelt jetzt erkennen, wie die Umwelt aussehen könnte, wenn alles eingeschränkt ist. Wenn der Einzelne sich selbst einschränkt. Andererseits steht bei vielen aktuell verständlicherweise die Angst vor dem Virus im Vordergrund. Viele haben für die Umwelt gerade kein Auge.

Dabei kursieren doch etwa Bilder von den blauen Kanälen Venedigs in den Medien.

Ja, aber leider ist das auch mehr Schein als Sein. Wo keine Schiffe unterwegs sind, wird das Wasser klarer. Aber ob die Qualität wirklich besser ist, das müsste untersucht werden. Dafür jetzt Raum zu schaffen, halte ich für schwierig, aber vielleicht wird es nach der Krise angegangen.

Könnte es solche "Phänomene" auch im Kreis Gießen geben?

Ich war kürzlich an der Lahn spazieren, das Wasser war eindeutig klarer als sonst. Davon aber gleich auf eine bessere Qualität durch die Corona-Krise zu schließen, ist falsch. Der Tourismus ist nun eingeschränkt und dadurch wirkt alles sauberer. Das hat den Vorteil, dass die Natur gerade besonders zu genießen ist. Allerdings hat die Krise auch den Nachteil, dass die Menschen nun einen gewissen Freizeitdruck verspüren, der wieder negativ für die Umwelt sein kann.

Inwiefern?

Wir alle sind dazu angehalten, möglichst zu Hause zu bleiben. Draußen dürfen wir uns nur zu zweit oder mit der Familie aufhalten. Gerade ist das Wetter aber sehr schön, und der Aufenthalt an der frischen Luft eine willkommen Abwechslung zu den eigenen vier Wänden. Wenn ich draußen bin, sehe ich immer eine Menge anderer Leute, die nun auch vermehrt ihren Sport draußen machen. Da wir aber alle Abstand halten sollen, gehen viele querfeldein oder eben dort, wo man eigentlich nicht laufen sollte. Das ist schlecht für die Wiesen und außerdem kommt in der Tierwelt gerade der Nachwuchs. Für die ist das eine enorme Störung.

Dafür könnte die Gesellschaft die Natur jetzt mehr zu schätzen lernen, oder?

Ich denke schon. Die ganze Corona-Situation kann bewirken, dass viele Menschen bestimmte Dinge wieder bewusster wahrnehmen. Da sind positive Wahrnehmung der Landschaft und Natur eingeschlossen. Es tut uns gerade besonders gut, frische Luft und Vitamin D zu tanken. Ich wünsche mir, dass das einen Anreiz gibt, die Umwelt zu schützen.

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