Umschulung ohne Jobwechsel

  • Lena Karber
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Nach acht Jahren im Gerüstbau macht der 23-jährige Rene Schlegel in Fernwald gerade eine Umschulung - und zwar zum Gerüstbauer. Was zunächst komisch klingt, ist durch eine Förderung der Bundesagentur für Arbeit eine Win-Win-Sitation für alle Seiten. Allerdings ist diese Möglichkeit der Beschäftigtenqualifizierung vielen Leuten offenbar gar nicht bekannt.

Morgens um sechs das Auto beladen und dann ab auf die Baustelle - für Rene Schlegel ist das nichts Neues. Seit acht Jahren arbeitet er im Gerüstbau und war schon an so einigen Projekten beteiligt. Dennoch hat sich der 23-Jährige entschieden, noch einmal die Schulbank zu drücken und den Beruf in Theorie und Praxis von der Pike auf zu erlernen. Dazu macht er, auch wenn es im ersten Moment paradox klingen mag, eine Umschulung - und zwar zum Gerüstbauer. Gefördert wird das Ganze durch die Agentur für Arbeit, weil Schlegel keinen Berufsabschluss hat und eine Ausbildung für ihn erhebliche finanzielle Einbußen bedeuten würde.

»Wenn jemand, wie in diesem Fall, schon zig Jahre in dem Beruf tätig war und einen gewissen Lebensstandard hat, ist das nicht mehr zumutbar«, sagt Natalja Ratz von der Arbeitsagentur.

Bei dem Begriff »Umschulung« denken viele vermutlich eher an den Bäcker, der eine Mehlstauballergie entwickelt und deshalb über den Rententräger eine Umschulung erhält. Oder an den Arbeitslosen, der in seinem ursprünglichen Tätigkeitsfeld keine Anstellung mehr findet und sich deswegen umorientieren muss. Doch im Rahmen der Beschäftigtenqualifizierung fördert die Bundesagentur für Arbeit neben Weiterbildungsmaßnahmen wie Sprachkursen und Co. auch sogenannte abschlussorientierte Qualifizierungen im Rahmen von betrieblichen Einzelumschulungen. »So hat jemand, der noch keinen Berufsabschluss hat, die Möglichkeit, während einer normalen Beschäftigung einen Abschluss zu erwerben«, sagt Ratz.

Gerade im Handwerk oder im Elektrobereich arbeiten ihrer Einschätzung nach »sehr viele Leute mit entsprechendem Gehalt auf der Helferebene, weil sie es irgendwann einmal verpasst haben, einen Berufsabschluss zu machen« oder weil ihr Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird. »Dass die innerhalb von zwei Jahren im Betrieb einfach ohne finanzielle Einbußen noch einmal einen Facharbeiterabschluss erwerben können, ist eine großartige Geschichte, aber ich glaube, viele wissen nicht, dass das geht.«

So war es auch in Schlegels Fall, der vor acht Jahren bei seinem ersten Arbeitgeber eigentlich eine Ausbildung machen wollte. Doch da das Unternehmen kein reines Gerüstbauunternehmen war und deshalb nicht der entsprechenden Sozialkasse angehörte, wurde nichts draus. »Das habe ich einen Tag vorher erfahren«, erzählt der 23-Jährige, der deshalb jahrelang auf Hilfskräfteebene gearbeitet hat. Erst durch den Wechsel zur Firma Hühn Gerüstbau in Fernwald im vergangenen Jahr ergab sich für ihn eine neue Chance.

Bereits nach etwa zwei Monaten sei Schlegel an die Geschäftsleitung herangetreten und habe gefragt, ob er eine Ausbildung machen könne, erzählt Junior-Chef Manuel Hühn, der Sohn des Inhabers Günter Hühn. Das habe man sofort unterstützt und dann von der Sachbearbeiterin des Arbeitsamtes von der Möglichkeit der geförderten Umschulung erfahren, mit der dem Fachkräftemangel in der Branche entgegengewirkt werden soll: Dadurch verkürzt sich die Ausbildungszeit für Schlegel von drei auf zwei Jahre, und er erhält weiterhin sein gewohntes Gehalt. Dafür entschädigt die Agentur für Arbeit das Unternehmen für den Arbeitsausfall, der durch die Zeit entsteht, die Schlegel in der Berufsschule verbringt.

Für Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist das letztlich eine Win-Win-Situation. »Egal, wie gut du in deinem Betrieb bist, wenn du auf dem Papier nichts vorweisen kannst, öffnen sich gewisse Türen nicht«, begründet Manuel Hühn den Nutzen für den Arbeitnehmer. »Und bei einem neuen Betrieb fängst du wieder unten an.«

Da es, wie Hühn weiter erzählt, in der Branche an geeigneten Auszubildenden mangelt, ist die Situation gleichzeitig auch für das Fernwänder Familienunternehmen sehr komfortabel.

»Die Ausbildung ist gar nicht so ohne, das unterschätzen viele«, sagt Hühn. Die Folge: Angesichts statistischer Mathematik auf dem Lehrplan wirft so mancher Auszubildende das Handtuch. Außerdem kommt noch die körperliche Belastung hinzu, von der auch Schlegel ein Lied singen kann. »Das erste Jahr ist ganz schlimm«, erzählt er. »In den ersten Wochen schläft man auf der Heimfahrt eigentlich immer ein.«

Da Schlegel all das schon durchgestanden hat und den Job seit Jahren kennt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er abbricht, bei ihm wohl deutlich geringer als bei Auszubildenden ohne Berufserfahrung. Insofern ist die Umschulung für das Fernwälder Unternehmen ein guter Weg der Fachkräftegewinnung. »Man kann allerdings niemanden dazu zwingen. Das muss man selber wollen«, sagt Hühn. Bei Schlegel ist das keine Frage: Er will sogar noch den Meister draufsetzen.

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