Ein Schild warnt 1986 vor dem Betreten eines Gießener Spielplatzes.
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Gesperrte Spielplätze wie hier in Gießen, Vorsicht bei Salat und Gemüse, Angst vor den Folgen der Strahlung: Der GAU in Tschernobyl betrifft 1986 auf die Menschen im Kreis Gießen.

Reaktorkatastrophe vor 35 Jahren

Tschernobyl und die Hungener »Strahlenmolke«:
Als das Undenkbare geschah

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Vor 35 Jahren erschüttert die Atomkatastrophe von Tschernobyl die Welt, auch im Kreis Gießen versetzt die Strahlung Menschen in Angst. Zeitzeugen haben diese Krise ganz unterschiedlich in Erinnerung: Ein umweltbewegtes Ehepaar sorgte sich um seine Kinder. Im Jahr darauf wurde ein junger Bürgermeister von einem »Molke-Zug« fast überrollt. Ein Rückblick während einer neuen Krise, die erstaunliche Parallelen aufweist.

Ilse Staude blättert in einem Büchlein – eine Art Tagebuch, in dem sie ganze Jahre kurz bilanziert. Der Eintrag für 1986: »Tschernobyl – das Undenkbare passierte eben doch.«

Dass auch die »friedliche« Nutzung der Atomenergie Risiken birgt, hatte sich schon vorher gezeigt, auch in der westlichen Welt: So entwichen im britischen Atommeiler Sellafield 1957 radioaktive Gase, ebenso 1979 in Harrisburg (USA). Eine erhöhte Zahl von Krebsfällen wurde auf die Störfälle zurückgeführt. Doch ein Reaktorunfall, der einen ganzen Kontinent betrifft – das klang noch 1985 eher nach Schwarzmalerei.

Burkhard und Ilse Staude aus Staufenberg blicken zurück. Er war 1986 Kinderarzt, sie Schulpfarrerin in Grünberg. 

Das »Undenkbare« geschieht am 26. April 1986, einem Samstag, knapp 1500 Kilometer östlich von Gießen: Im Kernkraftwerk Tschernobyl soll ein Stromausfall simuliert werden. Doch die Verantwortlichen machen Fehler, verlieren die Kontrolle. Es kommt zu einer Kettenreaktion, dann überhitzt der Reaktor, der Kern schmilzt. Explosionen sind die Folge, der Reaktorkern liegt offen. Erst nach Tagen ist der Brand gelöscht, doch da sind längst Unmengen radioaktiver Partikel entwichen.

Am Montag schnellten in Schweden Radioaktivitätswerte nach oben – schnell wurde klar, dass die Ursache jenseits des Eisernen Vorhangs lag. Nur zögerlich räumte Moskau das Ausmaß der Havarie ein. Am Mittwoch titelte die GAZ: »Feuer in Sowjet-Atomreaktor – Zehntausende werden evakuiert«. Trotz der unklaren Lage schließt das Bundesinnenministerium »Gefahr für Leib und Leben« hierzulande aus.

Tschernobyl-Folgen im Kreis Gießen: Frischgemüse und Salat als rotes Tuch

Vom Strandkorb auf ihrem Balkon blickt Ilse Staude 35 Jahre danach in den Garten. Es gibt Apfelsaft von den Bäumen in Sichtweite. Ob sie dieses Getränk nach Tschernobyl wohl auch ausgeschenkt hätte? Auf einmal waren Gartenobst, vor allem aber Frischgemüse, Salat und Pilze zu einem roten Tuch geworden. Die radioaktive Wolke war gen Westen, auch nach Deutschland gezogen. Dann setzte Regen ein.

Die Staudes, heute beide 74 Jahre alt, haben drei Kinder, das jüngste wurde 1985 geboren. »Man musste ihnen beibringen: Jetzt musst du draußen aufpassen!«, blickt sie zurück. Doch die Gefahr war unsichtbar. Was ist in dieser Situation verantwortlich, was übertrieben? »Man hatte so ein komisches Gefühl«, sagt Burkhard Staude, »aber wir haben die Kinder nicht völlig abgeschottet, sind auch spazieren gegangen.« Er war Kinderarzt, hatte sich schon zuvor bei IPPNW engagiert, den »Internationalen Ärzten zur Verhütung des Atomkrieges« – und spürte nun in der Praxis, welche Sorgen auch andere Eltern umtrieben. »Viele haben gefragt: Wie gefährlich ist das? - oder sich nach Jodtabletten erkundigt.«

Ich hatte damals auch Gottvertrauen – was willst du sonst machen?

Ilse Staude

Kein Grund zur Panik, aber zur Vorsicht – so Anfang Mai 1986 der Tenor in der GAZ. Bei Behörden standen die Telefone kaum still, es gab viele Fragen. Spielplätze wurden vorsichtshalber abgedeckt oder gesperrt, vom Baden in Seen abgeraten. Gemüsehändler blieben auf ihrer Ware sitzen. »Ich hatte damals auch Gottvertrauen – was willst du sonst machen?«, sagt Ilse Staude, 1986 Schulpfarrerin in Grünberg. Sie trat bei den Grünen ein, blieb für Jahre Mitglied. Beide haben sich weiter gegen Atomkraft engagiert – und für Menschen aus der Umgebung von Tschernobyl. So wie viele andere auch, etwa im Langgönser Arbeitskreis »Leben nach Tschernobyl«, der über Jahre Hilfstransporte und Ferienaufenthalte im Kreis organisierte.

Wilfried Schmied, 77, sitzt in seinem Treiser Wohnzimmer und durchforstet alte Zeitungsartikel. 1986 war er Bürgermeister in Hungen. Wie hat er die Nachricht über erhöhte Radioaktivitätswerte einst aufgenommen? »Mich hat es nicht beunruhigt.« Der Diplom-Ingenieur vertraute der Atomenergie, zumindest im Westen. »Für mich war Kernkraft damals etwas ganz Vernünftiges und Effektives.« Im Mai 1986 hätten ihn die Tschernobyl-Folgen nicht allzu sehr beschäftigt, sagt er, über die Monate sei das Thema in den Medien dann abgeebbt. Doch im Sommer 1987 holte es ihn schlagartig ein.

Tschernobyl-Folgen im Kreis Gießen: Kampf gegen „Strahlenmolke“ in Hungen

Vor allem auf bayerischen Weiden galt das Gras als hochgradig mit Cäsium belastet, und damit auch die Milch der Kühe. »Die Molkereien haben dann den Notausgang gewählt und Milch zu Molke gemacht«, sagt Schmied. Der Bund nahm Tausende Tonnen ab, Waggons voller Trockenmilchpulver rollten durch die Republik. Das Bundesumweltministerium wollte es nach dem bislang nur im Labor erprobten »Roiner-Verfahren« zum Ionenaustausch dekontaminieren lassen – und kam auf die Intermilch GmbH und deren Tochter, die Moha in Hungen.

Am 21. Juli, 8.30 Uhr, erreichte Schmied ein Anruf aus Bonn: Ein Staatssekretär informierte ihn über den geplanten Vertragsabschluss. »Ich konnte es der Molkerei nicht verbieten, das Genehmigungsverfahren war der entscheidende Punkt«, sagt Schmied. Er lud den Staatssekretär nach Hungen ein. Schmied ging davon aus, dass für die Menschen keine Gefahr besteht. »Aber da bin ich ein bisschen blauäugig gewesen: Ich hätte nie erwartet, dass die Wogen so schnell über uns hereinbrechen.« Noch am gleichen Abend rief der HR ihn an, bald darauf weitere Journalisten. Ein Proteststurm brach sich Bahn.

Binnen weniger Tage gründete sich eine Bürgerinitiative gegen die »Strahlenmolke«. Auch Ärzte und Pfarrer waren entrüstet, warnten vor möglichen Spätfolgen. Bei Bürgerversammlungen, teils mit über 1000 Teilnehmern, wurde erbittert gestritten. Wissenschaftler beteuerten, das Verfahren sei ungefährlich, sogar Bundesumweltminister Klaus Töpfer war einmal auf dem Podium. Schmied: »Ich habe bekannte Personen erlebt, die Töpfer und mich gern über die Theke gezogen hätten. So eine Angst, so ein Hass!«

Ich habe bekannte Personen erlebt, die Töpfer und mich gern über die Theke gezogen hätten. So eine Angst, so ein Hass!

Wilfried Schmied über die Hungener „Molkeproteste“

Dass Hungen letztlich doch von der »Strahlenmolke« verschont blieb, ist laut Schmied vor allem dem damaligen Betriebsleiter des Inheidener Wasserwerks zu verdanken. Dieser wälzte Gesetze und Verordnungen und wurde fündig: Das Moha-Gelände befand sich in einer »Wasserschutzzone II«, und der Schutzcharakter sollte ausgebaut werden. Radioaktiv belastetes Material hätte dort nur mit Ausnahmegenehmigung behandelt werden dürfen – so weit wollte die Landesregierung offenbar nicht gehen.

Auf dieser Basis stimmte das Hungener Parlament am 6. August gegen die Pläne. Der Bund hielt noch einige Wochen daran fest, die Proteste gingen weiter. Doch im September lenkte auch die Intermilch ein. Schließlich wurde die Molke in Lingen dekontaminiert. »Ich hatte über Wochen Polizeischutz«, erinnert sich Schmied, »konnte aber meistens gut schlafen.«

Tschernobyl-Folgen im Kreis Gießen: Parallelen zur Corona-Krise

Keine Krise gleicht der anderen – und doch weisen die Lage im Jahr 1986 und die Corona-Krise Parallelen auf: Von jetzt auf gleich beherrschten wissenschaftlichen Werte die Nachrichten, die zuvor wohl nur Experten geläufig waren. Damals waren Becquerel pro Liter, Sievert und radioaktive Isotope wie Jod-131 in aller Munde, heute die Sieben-Tage-Inzidenz oder der R-Wert. Statt der Hände galt es damals Salat und Co. gründlich zu waschen. Und auch 1986 haben widersprüchliche Aussagen aus Politik und Wissenschaft, unterschiedliche Grenzwerte in den Ländern viele verunsichert. Es ging und geht um ein Dilemma. Einerseits ist zu vermeiden, dass Regierungen die Öffentlichkeit ohne Not in Angst versetzen. Andererseits: Wenn Minister voreilig behaupten, ein Atomunfall oder ein Virus stellten für Deutschland keine Gefahr dar, wird die Verunsicherung umso größer.

Im Juli 1987 wurde bekannt, dass Tausende Tonnen strahlenbelasteter Molke in Hungen »entseucht« werden sollen. Wilfried Schmied war damals Bürgermeister in Hungen – und wundert sich noch heute über das Ausmaß der Proteste.

Heute ist Schmied kein Freund der Atomkraft mehr, »spätestens seit Fukushima«. Nachdem es dort 2011 zu einer Nuklearkatastrophe gekommen war, verkündete die Bundesregierung ein »Atom-Moratorium«, dann den Atom-Ausstieg. Schmied hält das für richtig – aber nicht in erster Linie aus Sicht des Ingenieurs. »Kernenergie ist in der Zivilgesellschaft nicht mehr durchsetzbar. Die Angst, die die Leute beschleicht, ist irgendwann nicht mehr beherrschbar.«

Eine FAZ-Schlagzeile über die Molke-Proteste bringt es aus seiner Sicht auf den Punkt: »Gegen die Angst vor dem Atom sind Fakten schlechte Argumente.« War nach Tschernobyl also nicht Strahlung, sondern Hysterie das Problem? Eine streitbare These, von der die Staudes wenig halten. Für sie steht fest: Die atomare Bedrohung war real. Das Undenkbare war geschehen.

Info: Folgen für die Gesundheit sind bis heute umstritten

Schon 1986 gingen die Ansichten darüber, wie drastisch sich die Strahlenbelastung nach Tschernobyl auf die menschliche Gesundheit auswirkt, auseinander – und die Debatte hält bis heute an.

Zur Frage, wie hoch die Kontamination in Mittelhessen nach dem GAU war, verweist das Hessische Umweltministerium auf Messwerte von Mai bis Juli 1986. Dabei seien bei Hunderten Untersuchungen von Lebensmitteln nur in zwei Fällen (Blattgemüse) die zulässigen Höchstwerte für Cäsium-137 überschritten worden. Die örtlichen Strahlungswerte waren laut Ministerium im Mai 1986 in Hessen teilweise etwa doppelt so hoch wie normal. Grund dafür sei das kurzlebige Radionuklid Jod-131, das schon nach wenigen Wochen weitgehend zerfällt. In der Bevölkerung Westeuropas seien »keine gesundheitlichen Auswirkungen« festgestellt worden, heißt es aus Wiesbaden weiter. Dies gelte auch für Auffälligkeiten bei Neugeborenen. Auch für die Zukunft erwarte man keine Auswirkungen.

Allerdings ist die Zahl der Geburten in den Monaten nach Tschernobyl in einigen Ländern deutlich gesunken. Dies sei auf mehr »induzierte Aborte aufgrund von Ängsten vor einem behinderten Kind« zurückzuführen, auch habe es »eine erhöhte Zurückhaltung bei der Zeugung von Nachkommen« gegeben.

Laut Bundesumweltministerium ist in Deutschland die jährliche Strahlendosis infolge des GAUs »bedeutend niedriger« als die jährliche Durchschnittsdosis durch natürliche Radioaktivität. Daher sei etwa ein Nachweis erhöhter Krebsraten nicht zu erwarten.

Die ärztliche Friedensorganisation IPPNW geht dagegen von womöglich weit mehr als 10 000 strahlenbedingten Fehlbildungen in Europa und stark erhöhten Krebsraten aus. Das Problem: Je mehr Zeit vergeht, desto schwerer lassen sich Spätfolgen eindeutig auf ein Ereignis zurückführen.

Am gravierendsten waren die Auswirkungen in der Nähe des Reaktors, wo etwa viele Aufräumarbeiter (»Liquidatoren«) eine akute Strahlenkrankheit erlitten. Schätzungen zufolge könnten Zehntausende von ihnen bereits verstorben sein. (jwr)

Kommentar von Jonas Wissner: Nie wieder Atomkraft!

Diese Zeilen könnte ich heute nicht schreiben, wenn meine Eltern kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl eine andere Entscheidung getroffen hätten. Der GAU und seine Folgen haben viele Menschenleben im Kreis geprägt, auch meins. Dazu später.

In anderthalb Jahren gehen in Deutschland die letzten Atommeiler vom Netz, endlich. Doch der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt noch immer nur schleppend voran. Die Kohle als fossiler Energieträger ist angezählt. Und schon fordern manche ein Kernkraft-Comeback – als vermeintlich sauberen, unerschöpflichen Rettungsanker der Energiepolitik.

Aber auch der Bau der Kraftwerke und die Gewinnung des strahlenden Materials als Energieträger geht zu massiven Lasten der Natur. Von einer rosigen Klimabilanz kann unterm Strich keine Rede sein.

Nicht zuletzt bürden wir vielen kommenden Generationen ein strahlendes Erbe auf. Die Frage der Endlagerung des »Atommülls« ist noch immer nicht abschließend geklärt. Keiner will ihn haben, aber irgendwo muss er hin.

Atomkraft: Zu gefährlich, um darauf zu setzen

Es gibt noch ein Argument gegen Atomkraft, das schwer zu fassen, aber nicht von der Hand zu weisen ist: Sie ist zu gefährlich, zu unkontrollierbar, um darauf zu setzen. Zugegeben, anders als in Fukushima gibt es bei uns keine Atommeiler am Meer. Und ja: Die deutschen AKW wurden womöglich sicherer gebaut als einige in der Sowjetunion. Doch auch die Reaktorvariante von Tschernobyl galt einst als modern, und auch in Westeuropa gab und gibt es Störfälle. Zumal Fehler passieren können, wo immer Menschen am Werk sind.

Noch heute fährt manchen Zeitzeugen der Schrecken in die Glieder, wenn es um Tschernobyl geht. Die Ungewissheit, die Angst vor den Folgen ist nicht vergessen – und die Auswirkungen werden sich wohl niemals abschließend klären lassen. Manche Ärzte und Organisationen gehen davon aus, dass mindestens Zehntausende Menschen wegen des GAUs Krebsleiden erlitten haben, gestorben oder mit Behinderung zur Welt gekommen sein könnten.

Zurück zum Anfang – auch zu meinem: Der Reaktorunfall hat mich geprägt, obwohl – oder gerade weil ich noch nicht geboren war. Was die Sorge um werdendes Leben damals für meine Eltern bedeutet hat, kann ich nur erahnen. Geschockt erzählen sie von Terminen bei einem Gynäkologen, kurz nach Tschernobyl. Das Kind, also ich, werde sehr wahrscheinlich mit Behinderung auf die Welt kommen, habe er ihnen gesagt – und dringend geraten, die Schwangerschaft abzubrechen. Zwar sind dem Bundesumweltministerium keine offiziellen Empfehlungen für Abtreibungen aus dieser Zeit bekannt. Meine Eltern fühlten sich trotzdem unter Druck gesetzt. Doch für sie war klar: Das Kind soll leben, ob gesund oder nicht. Vielleicht ist das gerade unpassend, aber: Danke!

Dies ist, um es klarzustellen, kein Plädoyer gegen ein Recht auf Abtreibung. Wohl aber eines gegen die »friedliche« Nutzung der Kernkraft. Keine Energieform ist perfekt. Doch diese birgt zu hohe Risiken, hat zu viele Opfer gefordert, um eine Option zu sein.

Technik, die Menschen derart über den Kopf wachsen und dann in Angst versetzen kann, die Eltern um ihre Kinder bangen lässt, ist unmenschlich. Kernenergie ist eine Nummer zu groß für uns. Sie darf keine Zukunft haben – nicht nur, aber auch wegen Tschernobyl.

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