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Mit der Kfz-Innung Oberhessen wurde vor 100 Jahren Deutschlands erste Handwerksinnung gegründet. Die Gründer zeigten sich gewiss: »Das Auto ist das Verkehrsmittel der Zukunft.« Nicht viel anders sehen das die heutigen Interessenvertreter der Branche, freilich unter Ausnutzung aller Technologien, die insbesondere Umweltschäden vermeiden. SYMBOLFOTO: DPA

Trotz Krise Grund zum Feiern

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Fast auf den Tag vor 100 Jahren, am 21. Februar 1921, gründeten im »Pfälzer Hof« zu Gießen 15 Meister ihres Fachs die Kfz-Innung Oberhessen. Die Jubiläumspläne durchkreuzt hat auch hier die Pandemie. Nicht die einzige Herausforderung für die Branche, wie ein Gespräch mit Obermeister Carsten Müller zeigt.

Für die Gründer der Kfz-Innung um Ernst Aßmann - Obermeister von 1921 bis 1945 - stand fest: Um die Interessen des jungen Handwerkszweigs mit Nachdruck zu vertreten, braucht es eine »geschlossene Interessenvertretung«.

Wie in einem Bericht dieser Zeitung zum 30-Jährigen der Innung aus dem Jahr 1951 weiter zu lesen ist, richteten schon die Gründer ein Augenmerk auf die Qualifikation ihrer Kollegen: »Leistung und Ansehen des Berufsstandes steht und fällt mit dem Persönlichkeitswert und der Arbeit des Handwerkers.«

Im Wesentlichen, so Obermeister Carsten Müller, hätten die Ziele der Gründer bis heute Bestand. Gemeinsam mit dem Kfz-Landesverband schaffe man die Rahmenbedingungen - vor allem die Bereiche Technik, Sicherheit und Umwelt seien da zu nennen - für wirtschaftlichen Erfolg der gut 300 Mitglieder aus den Kreisen Gießen, Vogelsberg und Wetterau. »Unabhängig ob Markenbetrieb oder freie Werkstatt, Einzelunternehmer oder großer Autohausfilialist.« Wie vor 100 Jahren erachte die Innung Aus- und Fortbildung als vorrangige Aufgaben, ergänzt durch Nachwuchsgewinnung und -förderung.

Vom Auto als »Verkehrsmittel der Zukunft« sprachen die Gründer. Nicht erst im Jubiläumsjahr jedoch steht gerade der motorisierte Individualverkehr in der Kritik. Müller, der mit seinem Bruder das Licher Autohaus Schmidt führt, ficht das nicht an. Schließlich sei der »ungehinderte Verkehr von Personen, Gütern und Dienstleistungen eine Grundlage unseres Gemeinwesens«. Auf dass es so bleibt, bedürfe es freilich intelligenter, umweltfreundlicher Verkehrskonzepte, um die Klimaziele zu erreichen.

Trotz steigender Zulassungszahlen: Von einem »Siegeszug der Elektromobilität« zu sprechen, dafür ist es nach Müller zu früh. Auf Sicht könne es nur ein »Sowohl als auch« geben. Zumal schadstoffarme Diesel- oder Ottomotoren und die Hybriden eine mindestens so gute Umweltbilanz wie reine E-Autos aufwiesen.

Für bestimmte Fahrzyklen könnten die durchaus sinnvoll sein - sofern denn die Bedingungen stimmten, also bezahlbare Modelle, akzeptable Reichweiten, adäquate Ladeinfrastruktur.

Schon mit Blick auf die Fahrzeugbestände, die unsichere Versorgung mit Rohstoffen, die problematische Batterieentsorgung und die Kosten sei es jedoch falsch, allein auf Elektromobilität zu setzen. Hinzutreten müsse eine stärkere Förderung klimaneutraler synthetischer Kraftstoffe für Verbrenner sowie der Brennstoffzellen- und die Wasserstoff-Technologie. Eine »technologieoffene Herangehensweise« also.

Der Monteur, der seine Checklisten mit dem Scan eines fahrzeugspezifischen QR-Codes direkt auf dem Tablet abruft - nur ein Beispiel für die Digitalisierung auch der Kfz-Branche. »Unsere Betriebe«, betont da der Obermeister, »sind auf dem Stand der Technik.« Ohne digitale Hilfsmittel seien neuwertige Autos auch gar nicht mehr zu reparieren.

Was die Herausforderungen der Zukunft betrifft, stehe die Digitalisierung von Produkten wie Prozessen in seiner Branche ganz vorn. Die Innung unterstütze Betriebe mit Fort- und Weiterbildungen, zeige auf, wie sie den Wandel selbst mitgestalten können. »Lobbyarbeit bei Politik, Wirtschaft und Herstellern gehört auch dazu.«

Neue elektronische Systeme, Antriebskonzepte und Werkstoffe - ohne Zugang zu Herstellerdaten. Für manche Branchenkenner eine Ursache für ein nahes Ende freier Werkstätten. Müller widerspricht, verweist auf die gesetzliche Verpflichtung der Hersteller, Fahrzeugdaten bereitzustellen. Viele »Freie« arbeiteten auf technisch höchstem Niveau, und dies werde auch so bleiben.

Der neuerliche Lockdown habe vielen Kollegen stark zugesetzt, kommt das Gespräch auf die Pandemie. Wegen der Abnahmeverpflichtungen gegenüber den Herstellern hätten besonders markengebundene Betriebe viele vorfinanzierte Fahrzeuge auf dem Hof. Ohne Kaufanreize würden die nur schwer abzusetzen sein. Und hohe Rabatte? »Kein probates Mittel, um die Renditen zu steigern«, winkt Müller ab. Und merkt noch an, dass wegen der vielen »Heimarbeiter« auch die Auslastung der Werkstätten abgenommen habe.

Ob nun Liquiditätshilfen der Bank oder Überbrückungsgeld vom Staat, um nur zwei Beispiele zu nennen, all diese Hilfen nützten den krisengeschüttelten Betrieben. »Doch es muss alles zurückgezahlt werden«, gibt der Kfz-Meister zu bedenken. Um am Ende doch zu betonen, man lasse sich trotz der Krise die Feierlaune nicht nehmen: Wenn auch etwas später und sofern es Corona zulässt, soll es im Sommer einen Festakt zum 100-Jährigen geben.

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