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Mit Gott hadere er nach seinem Schicksalsschlag »merkwürdigerweise« nicht, sagt Merten Teichmann, Pfarrer in Wartestellung. Sein Verhältnis zu Gott habe sich aber geändert.

Porträt

Pfarrer kämpft sich nach Schlaganfall immer wieder zurück: „Habe mich am Rand des Lebens bewegt“

  • VonStefan Schaal
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»Ich weiß, was Krise ist«, sagt Merten Teichmann. Vor neun Jahren hat er einen Schlaganfall erlitten. Danach musste er wieder lernen zu sprechen und zu laufen. Vor einem guten Jahr hat er eine Pfarrstelle in Pohlheim angetreten, er musste sie aber auch aufgrund der Folgen des Schlaganfalls wieder verlassen. Doch er kämpft sich weiter zurück ins Leben.

Pohlheim/Wettenberg – Kartons stapeln sich im Flur der Wohnung am westlichen Rand Launsbachs. Merten Teichmann startet einen Neuanfang. Vor wenigen Wochen ist er mit seiner Familie nach Wettenberg gezogen - als Seelsorger in Wartestellung, nachdem er eine Pfarrerstelle in Pohlheim nach einem Jahr wieder verlassen hat.

Teichmann gesteht, er habe das Gefühl, gescheitert zu sein. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Vor neun Jahren hat ein Schicksalsschlag ihm die Fähigkeit geraubt, zu sprechen, er konnte sich zudem kaum bewegen. Er war nicht in der Lage, auch nur ein Glas anzuheben. Alles, jede körperliche Fähigkeit hat er neu erlernen müssen.

Kreis Gießen: Schlaganfall traf Pfarrer auf Pilgerreise

Der 55 Jahre alte Pfarrer nimmt auf seiner Terrasse Platz. Er berichtet von seinem Schlaganfall im April 2012, als auf einer Pilgerreise, die er mit drei Freunden unternahm, zusammenklappte. Er erzählt von seinem Weg und seinem Kampf aus der Hilflosigkeit zurück ins Leben.

»Ich bin ganz schön weit gekommen«, sagt Teichmann. Hin und wieder ringt er für Sekundenbruchteile um Worte, Folgen des Schlaganfalls sind in diesen Momenten noch bemerkbar. Auch sein linker Fuß bereitet ihm Schwierigkeiten. Teichmann berichtet allerdings auch von anderen, erstaunlichen Veränderungen, die er an sich wahrnimmt. Die Seelsorge, das Miteinander mit den Menschen einer Gemeinde sei ihm als Pfarrer viel stärker ans Herz gewachsen. »Ich bin empfindsamer geworden«, sagt er. Früher sei es ihm eher unangenehm gewesen, an Türen zu klopfen und Gemeindemitglieder zu besuchen. »Ich spüre eine andere Nähe zu den Menschen«, sagt er. »Da bin ich besser als früher.«

Er predige heute zudem lebensnäher, sagt Teichmann. »Gott ist, Gott macht, Gott will - von solchen Sätzen habe ich mich verabschiedet. Das war häufig von oben herab.« Eher stünden heute Situationen und Geschichten aus dem Leben im Mittelpunkt seiner Predigten.

In anderen Bereichen sei er als Pfarrer nach dem Schlaganfall hingegen »schlechter geworden«, räumt Teichmann ein. Beim Organisieren zum Beispiel. Die Pfarrstelle in Pohlheim im vergangenen Jahr mit zwei Gemeinden sei möglicherweise zu früh gekommen. »Zu viel, zu komplex«, sagt Teichmann. In Corona-Zeiten sei außerdem der Kontakt mit den Menschen, die Seelsorge zu kurz gekommen. »Es war kaum möglich, in die Gemeinde hineinzuwachsen.«

Stress sei eine Ursache für seinen Schlaganfall vor neun Jahren, ist sich Teichmann sicher. Im April 2012 war er auf einer Pilgerreise von Marburg nach Köln unterwegs, endlich konnte er einmal durchatmen, da brach er auf einer Zwischenstation in Siegen zusammen. Er musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Vier Wochen später wachte er auf, als sich eine blonde Frau, über ihn und sein Krankenbett beugte und sagte: »Guten Tag Herr Teichmann, ich bin Frau Schmidt, ihre Physiotherapeutin.« Er habe sich gefragt: Was will die Frau?, erzählt Teichmann heute. »Ich wusste nicht, wo ich war.«

Wie ein Kind musste er damals so gute wie jede körperliche Fähigkeit neu erlernen und trainieren. Greifen. Laufen. Sprechen. Schuhe anziehen. Er habe damals gedacht, dass er beispielsweise mit Familienmitgliedern rede, erzählt Teichmann. Erst später sei ihm klar geworden, dass er seine Gedanken nicht laut geäußert hat.

Nach Schlaganfall: Pfarrer spielt Tennis in Heuchelheim (Kreis Gießen)

Regelmäßig besucht Teichmann noch heute einen Logopäden, um an der Artikulation und an seiner Sprachmelodie zu üben. Im Rahmen seines Kampfes zurück ins Leben besucht er auch eine Physio- und eine Psychotherapie. Er geht Schwimmen, nimmt Klavierunterricht und spielt Tischtennis in Heuchelheim in einer Gruppe für Menschen mit Behinderung. Nimmt Teichmann sich selbst als behinderten Menschen wahr? »Manche Sachen gehen an mir vorüber, ohne dass ich das mitkriege«, sagt er.

Ein zentraler Bestandteil seines Lebens, fügt der Pfarrer hinzu, sei das Wort »trotzdem« geworden. Er lasse sich nicht unterkriegen. »Trotz allem mache ich weiter.«

Der Reporter spricht Teichmann auf einen Satz an, den er einmal gesagt haben soll: »Ich kann Krise.« Nein, korrigiert der Pfarrer. »Ich weiß, was Krise ist.« In klaren Worten macht Teichmann deutlich, womit er nach dem Schlaganfall zurechtkommen musste. »Ich habe mich am Rand des Lebens bewegt«, sagt er. Ohne Sprache, Mobilität und Berufstätigkeit »war die Heimat weg. Meine Frau musste zu Hause alles stemmen, was ich früher gemacht habe. Ich habe ständig geweint«.

Ratschläge an Menschen, die eine ähnliche Erfahrung durchmachen wie er nach seinem Schlaganfall, könne er schwer geben, sagt Teichmann. »Jeder muss den Weg selbst gehen. Der Wille muss von innen heraus kommen.«

Wettenberg im Kreis Gießen: Teichmann als Pfarrer in Wartestellung

In der Reha nach dem Schlaganfall hat ein Patient ihn gefragt, warum das ihm, Teichmann, passiert sei. »Sie sind doch Pfarrer.« Teichmann antwortete: »Ja, warum denn nicht mir.« Mit Gott hadere er »merkwürdigerweise« nicht, sagt Teichmann. Sein Verhältnis zu Gott habe sich aber geändert. »Mir ist fraglich geworden, wie er ins Leben eingreift und unsere Wege lenkt.«

In den kommenden Monaten wird Teichmann als Pfarrer in Wartestellung Urlaubsvertretungen übernehmen und Gottesdienste halten. In welcher Gemeinde er später auch landen wird - er wird die Mitglieder durch seine Lebenserfahrung und seine kämpferische und gleichsam sanfte Persönlichkeit prägen und bereichern. Teichmann hat außerdem ein weiteres Ziel: den Pilgerpfad von Marburg nach Köln, der durch den Schlaganfall unterbrochen wurde, beschreiten und zu Ende gehen.

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