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Um sich über Wasser halten zu können, bleibt für viele selbstständige Handwerker selbst nach Inanspruchnahme der Soforthilfe nur eines: der Gang zum Jobcenter. SYMBOLFOTO: DPA

Handwerk in der Krise

Ein Tropfen auf den heißen Stein? Kreishandwerkerschaft Gießen über die Soforthilfe

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Das Coronavirus stellt auch das Handwerk im Kreis Gießen vor enorme Probleme. Seit über zwei Wochen gibt es Soforthilfe - die Kreishandwerkerschaft zieht eine erste Bilanz.

Viele Rechnungen, kaum bis keine Einnahmen und darüberhinaus vielleicht noch Mitarbeiter in Quarantäne: Auch im Kreis Gießen sind die Folgen für die Wirtschaft enorm - dabei ist die Epidemie noch lange nicht ausgestanden. Schon vor mehr als zwei Wochen hat die Regierung darum beschlossen, Soforthilfen zur Überbrückung der aktuellen Zahlungsnöte zur Verfügung zu stellen.

Auch von den Handwerkern im Landkreis seien einige Anträge auf Soforthilfe gestellt worden, berichtet die Kreishandwerkerschaft Gießen. Bei den ersten Firmen sei bereits nach wenigen Tagen Geld eingegangen. "Wir begrüßen die Soforthilfe", sagt Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker. Letztlich könne sie dazu beitragen, dass viele Handwerker ihre Liquidität vorübergehend sichern können. Er lobt besonders die schnelle Umsetzung, dennoch steht ein großes "aber" im Raum: "Die Soforthilfen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sie müssen aber durch weitere Maßnahmen flankiert werden."

Die Politik hat vielen Selbstständigen Mut gemacht, wie es scheint, gleichzeitig aber auch sehr hohe Erwartungen an die Soforthilfe geschürt. "Insgesamt ist die Resonanz der Handwerksbetriebe eher bescheiden", sagt Becker. Viele würden erst bei der Antragsstellung feststellen, dass sie für das Hilfsprogramm gar nicht in Frage kommen. Etwa weil der größte Teil ihrer Betriebsausgaben, die Löhne, keine Berücksichtigung findet, wenn vorher Kurzarbeit beantragt wurde. Gleiches gelte für Mieten und Kredite, die frühzeitig aus Kulanz gestundet worden sind.

Darüberhinaus würden vor allem Einzelunternehmer und Solo-Selbstständige oftmals durch das Raster fallen, sagt Becker, denn ihr eigener Lohn gilt nicht als Liquiditätsengpass aufgrund der Corona-Krise. "Rechtlich handelt es sich hier nicht um eine Betriebsausgabe, sondern um eine vorweg genommene Gewinnentnahme" erklärt Sascha Prochazka, Leiter der Steuer- und Unternehmensberatungsstelle der Kreishandwerkerschaft Gießen auf Nachfrage. Prochazka habe in den letzten Tagen mehrere Gespräche mit Betroffenen geführt, die damit endeten, dass er von einem Antrag auf Soforthilfe abriet.

Als kleinen Lichtblick sieht die Kreishandwerkerschaft die Tatsache, dass Selbstständige nicht wie befürchtet ihre privaten Ersparnisse aufbrauchen müssen. Allerdings müsse auf existierende Betriebsmittel zurückgegriffen werden. Auf Rücklagen etwa, mit denen die Handwerker beispielsweise in neue Gerätschaften investieren wollten. "Viele Betriebe fühlen sich jetzt durch ihr vorausschauendes unternehmerisches Handeln bestraft", sagt Becker. Ihren Frust kann er gut nachvollziehen.

Auch Hartmut Gall, Obermeister der Maler-Innung Gießen, kritisiert diesen Umstand: "Ich habe mir von den Soforthilfen schon ein wenig mehr erhofft", sagt er, "ich bin eher enttäuscht. Aufgrund der vielen Einschränkungen wird letztlich keine Liquiditätshilfe zu erwarten sein."

Eine Insolvenz vermeiden und den Verlust von Arbeitsplätzen verhindern - das ist das schlichte Ziel der Soforthilfe. Der Lebensunterhalt der selbstständigen Handwerker kann damit aber nicht gesichert werden. Der Rat der Experten bei der Kreishandwerkerschaft fällt darum in mancher Augen vielleicht etwas nüchtern aus. "Wir können den Betroffenen lediglich raten, beim Jobcenter die Grundsicherung zu beantragen", sagt der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen, Björn Hendrischke. "Hartz IV ist für Selbstständige, die durch die Corona-Krise völlig unverschuldet in diese Situation geraten sind, der persönliche Supergau", sagt er. Da spiele das eigene Selbstverständnis aber oftmals auch Scham eine große Rolle.

Ebenso zögerlich sind seiner Ansicht nach viele Betriebe bei der Inanspruchnahme von Krediten. Trotz attraktiver Angebote, wie etwa dem ergänzenden Darlehen "Mikroliquidität Hessen", seien die Handwerkbetriebe hier eher zurückhaltend. Becker hat hierfür eine einfache Erklärung: "Wir wissen alle noch nicht, wie es wirtschaftlich nach der Krise weitergeht. Zusätzliche oder neue Verbindlichkeiten sind da eine Belastung, die viele Unternehmen aktuell meiden."

Dennoch lohne sich zumindest der Gang zum Jobcenter, empfiehlt er. Noch bis zum 30. Juni kann dort die Grundsicherung in Folge des Sozialschutzpaketes beantragt werden, ohne dass Erspartes in den ersten sechs Monaten aufgebraucht werden muss.

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