Die Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz ist nun schwieriger als gewohnt.
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Die Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz ist nun schwieriger als gewohnt.

Mangel an Berufsorientierung

So trifft Corona den Azubi-Markt im Kreis Gießen

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Die Pandemie setzt der Wirtschaft hart zu, auch im Kreisgebiet. Nun, zum Start des neuen Ausbildungsjahrs, sind viele Unternehmen vorsichtig - und Kreishandwerkerschaft wie auch Arbeitsagentur verweisen auf einen Mangel an Berufsorientierung.

Ob Unternehmen oder angehende Azubis - für beide Seiten ist die Situation zurzeit schwierig. In vielen Branchen sorgt Corona für Unsicherheit und Einbußen - und inzwischen lässt sich das auch mit Zahlen belegen: Im zweiten Quartal 2020 ist das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland um gut zehn Prozent gesunken.

Wie wirkt sich die angespannte Lage auf den Ausbildungsmarkt im Kreisgebiet aus? Nun hat das neue Ausbildungsjahr begonnen, traditionell laufen viele Verträge ab Anfang August oder September. Die Handwerkskammer Wiesbaden, zu deren Bezirk auch der Kreis Gießen gehört, sieht aufgrund einer aktuellen Konjunkturumfrage zwar eine wieder etwas bessere Stimmung bei vielen ihrer Mitgliedsbetriebe als zu Beginn der Corona-Krise. Auf dem handwerklichen Ausbildungsmarkt gebe es allerdings einen Einbruch, teilt die Handwerkskammer mit - und bemisst dies an der Zahl der Verträge.

Corona Gießen: Zahl der Lehrverträge gehen zurück

»Zum 27. Juli konnten 2125 neu abgeschlossene Lehrverträge eingetragen werden. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Rückgang von 338 Lehrverträgen beziehungsweise einem Minus von 13,7 Prozent.« Allerdings könne es im Laufe des Augusts noch zu einem Anstieg bei den Verträgen kommen.

»Im Prinzip ist es auch bei uns so«, äußert sich Uwe Bock, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KH) Gießen. Ende Oktober 2019 habe man 596 Lehrverträge im Bezirk Gießen gezählt. Für das nun angelaufene Ausbildungsjahr seien es lediglich 245. Zwar gehen etliche Verträge erst nach und nach bei der KH ein, doch die Zahl aus dem Vorjahr dürfte schwer zu erreichen sein.

Je nach Branche sei die Situation auf dem Ausbildungsmarkt aber sehr unterschiedlich, sagt Bock: »Es gibt Bereiche, in denen es sehr schwierig ist, etwa im Fotografenhandwerk«, das sei gerade durch den Ausfall von Veranstaltungen von der Krise besonders betroffen. Auch bei Frisören sei die Lage angespannt. Im Baubereich stellt sich die Situation laut Bock aktuell nicht so dramatisch dar.

Corona Gießen: Viele Unternehmen derzeit vorsichtig

»Da gab es bei den Aufträgen einen gewissen Vorlauf. Aber irgendwann wird auch im Bau- und Ausbaubereich eine Eintrübung kommen. Auch Privatleute überlegen jetzt genau, ob sie investieren«, sagt Bock. »Grundsätzlich ist die Bereitschaft, auszubilden, weiter gegeben.« Da aber in vielen Fällen unklar sei, wie sich die Auftragslage weiter entwickelt, seien viele Unternehmen zurzeit vorsichtig.

Die Arbeitsagentur in Gießen kommt bezogen auf den Landkreis zu einer ähnlichen Einschätzung: »Die Ausbildungsbereitschaft für dieses Jahr ist weitgehend unverändert. Wir haben nur eine leichte Delle bei den gemeldeten Stellen zu verzeichnen, bewegen uns aber fast auf Vorjahresniveau.« Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr liege bei knapp drei Prozent.

Mit Blick auf 2021 fällt die Prognose indes weniger positiv aus: »Die Ausbildungsbereitschaft für 2021 ist verhaltener, hier warten viele Betriebe die wirtschaftliche Lage ab.« Für Ausbildungswillige, die ihre Lehre erst im kommenden Jahr beginnen wollen oder auf eine Nachvermittlung hoffen, könnte es also schwieriger werden. Anderseits hofft man bei der Arbeitsagentur in Gießen, dass die bewährten Beratungsformen bald wieder greifen: »Nach den Sommerferien wird unsere Berufsberatung wieder verstärkt an den Schulen präsent sein und Bewerber für den Ausbildungsbeginn 2021 gewinnen.«

Sowohl Arbeitsagentur als auch KH sehen aktuell Schwierigkeiten bei der Vermittlung. »Das Hauptproblem ist derzeit, dass wir so gut wie keine persönlichen Beratungsgespräche durchführen können, sondern alle Beratungen telefonisch oder per Mail stattfinden«, äußert sich die Arbeitsagentur in Gießen. Das sei »als Notlösung machbar, aber auf Dauer kein adäquater Ersatz«.

Corona Gießen: Keine enge Bewerberbetreuung

Problematisch sei außerdem, »dass wir aufgrund der fehlenden Präsenz an den Schulen und aufgrund eingeschränkter Personalkapazitäten in diesem Frühjahr und Sommer keine so enge Bewerberbetreuung leisten konnten«. Erst kurz vor den Sommerferien habe man an einzelnen Schulen Beratung anbieten können, aber freilich nicht im gewohnten Umfang. Möglicherweise habe auch der Mangel an persönlicher Beratung zu weniger Bewerbungen geführt. Häufig gehe einer Ausbildung ein kürzeres Praktikum im Betrieb voraus, sagt Bock von der KH. Doch auch das sei zuletzt schwer möglich gewesen.

Die Agentur betont, dass es nach wie vor offene Stellen für Ausbildungsbewerber gibt: »Das Thema Fachkräftemangel existiert weiter, und daher ist Ausbildung ein wichtiges Element.« Unternehmen könnten sich »schon heute die Fachkräfte von morgen und übermorgen sichern«. Man spreche Betriebe gezielt an und stehe mit Beratung sowie Unterstützung zur Seite. Der Appell der Arbeitsagentur: Wo es noch offene Azubi-Stellen gibt, sollten sie nun gemeldet werden.

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