Jürgen Jakob
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Jürgen Jakob

Trauer in Zeiten der Krise

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Sterben, Tod, Trauer - das Leid scheint in diesem Jahr besonders groß. Wegen der Pandemie können Trauerfeiern und Beisetzungen nur in kleinem Rahmen stattfinden. "Oft verflog die Hoffnung, gebührend von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu können", bedauert Jürgen Jakob. Er ist im Verein "Gedankenschiff" (Lich) ehrenamtlich als Trauerbegleiter tätig.

Der Lockdown im Frühjahr, hierzulande bis dahin etwas völlig Fremdes, hat manche in besonderer Weise getroffen. In seinen Gedanken als Trauerbegleiter, Trauerredner und Seelsorger richtet Jürgen Jakob deshalb den Fokus vor allem auf jene Menschen, deren Angehörige seinerzeit in Seniorenheimen, Kranken-häusern, auf Palliativstationen oder in Hospizen gestorben sind - isoliert, alleine.

"Das war aufgrund der Besuchsbeschränkungen für entsprechend nahe Personen fast ein traumatisches Ereignis", berichtet der Trauerbegleiter. Jakob engagiert sich in dem in Lich ansässigen Verein "Gedankenschiff" gemeinsam mit 20 weiteren Ehrenamtlichen für Menschen in seelischer Not. "Ist der Abschied sowieso schon ein hoch emotionales Ereignis, kann dieses ›Alleinlassen‹ von Mutter, Vater, Schwester, Kind in dieser Zeit zu etwas Unverzeihlichem werden. Diese Erlebnisse sind für uns in dieser Zeit des 21. Jahrhunderts total surreal", sagt er. Die Gedanken könnten dieses Leid gar nicht aufnehmen und sortieren. Auf der einen Seite habe man eine Zeit, wo es kaum noch unerfüllbare Wünsche gebe. Auf der anderen Seite könne man sich die fehlende Abschiedszeit nicht kaufen. Jakob: "Die Vorstellung, dass ein naher Familienangehöriger ohne Zuspruch, Trost und haltende Hand, ohne einen Kuss oder eine Umarmung von dieser Welt gehen muss, zerreißt einen innerlich und hinterlässt tiefe Spuren."

Allerdings ist damit nur ein Teil des Leids beschrieben, das die Hinterbliebenen erfahren müssen: In Zeiten der Pandemie werden Trauerfeierlichkeiten zur mentalen Herausforderung. Gerade im Spätsommer und Herbst, als sich die Lage wieder angespannt hat, war nach Jakobs Erfahrung eine rasche Beisetzung gefragt. Denn durch die Verschärfung war die Reduzierung bei den Trauerfeierlichkeiten "im rasenden Fall" zu beobachten. Je nach Region waren zunächst 50, dann 25, zehn und schließlich nur noch fünf Trauergäste zugelassen.

Der Trauerbegeiter berichtet, viele Hinterbliebene hätten es sehr bedauert, dass während des ersten Lockdown keine ordentliche Trauerfeier möglich war. Jakob erinnert sich an die Aussage eines Mannes: "Mein Vater war im ganzen Dorf beliebt und sehr geschätzt. Und nun standen wir nur noch mit zehn Personen aus dem engsten Familienkreis da auf dem Friedhof. Das hatte Vater nicht verdient, so still wie ein Tier begraben zu werden". Ähnliche Aussagen fällten auch andere Hinterbliebene, die Ende Oktober eine Menge Trauergäste eingeladen hatten und dann drastisch reduzieren mussten. Also wurden viele Angehörige wieder ausgeladen - "vertröstet auf unbestimmte Zeit".

Jakob unterstreicht: "Für mich als professioneller Trauerbegleiter mit über zehn Jahren Berufserfahrung tragen alle Dinge rund um den Tod eines geliebten Menschen mit dazu bei, dass die Trauer eine gute Trauer werden kann - oder anderseits traumatisch."

Da Trauerfeiern gegenwärtig nur sehr eingeschränkt möglich sind, zeigt der Verein "Gedankenschiff" Wege der individuellen Trauer auf. Angeregt wird, zur nächsten möglichen Gelegenheit eine entsprechende Örtlichkeit - etwa eine Halle, Kirche oder auch einen Platz an einem Bach, Fluss, Wasserfall, Berg, See oder am Meer zu suchen, wo man die Nähe zu dem Verstorbenen gut finden kann. Hier könnte im Nachgang eine Abschiedsfeier im angemessenen Kontext geplant werden. So könne beispielsweise die "Alte Kirche" in Pohlheim für ein paar Stunden gemietet werden.

Weitere Vorschläge: "An einem Flussufer einen Feuerkorb aufstellen. Mit Abschiedszeilen oder guten Wünschen beschriftete Papierschiffe auf das Wasser setzen. ›Wutsteine‹ in den Fluss werfen und dem Menschen sagen, was er für einen bedeutet hat, und das Drama der dauerhaften Abwesenheit würdigen." Diese Art von Gedenkfeiern erscheinen auf den ersten Blick befremdlich. "Jedoch ermuntern wir dazu, die Verstorbenen nicht zu vergessen, sondern bei verschiedenen Gelegenheiten eine solche Andacht zu planen", merkt Jakob an. Nach der Pandemie könnte eine zusätzliche Trauerfeier im großen Kreis beispielsweise zum Todestag, zum Geburtstag oder Namenstag ausgerichtet werden: "Bei der Organisation einer entsprechenden Gedenkzeremonie können sich alle Hinterbliebenen mit Kindern einbringen, indem sie Bastelarbeiten vorbereiten. Jugendliche könnten passende Musik organisieren, Freunde etwas aus der gemeinsamen Zeit vortragen, Geistliche einen Vers aus der Bibel vorlesen und einen Segen sprechen, Kollegen von gemeinsamen Projekten erzählen." So könne eine nachgezogene Tauerfeier einiges an Verletzungen aus dem Versäumten kitten und zu einem guten Abschied führen.

Corona hat viele Möglichkeiten eingeschränkt und den Trauernden vieles genommen. Jakob regt an, bei einer Trauerfeier mit starken Einschränkungen gezielt die Trauer- gesellschaft per Videokonferenz einzubinden: "Trauerfeiern lassen sich gut übertragen. Mit einem geeigneten Blickwinkel und Videosoftware können Bild und Ton weltweit verbreitet werden. Es braucht keiner außen vor zu bleiben. Alle, die möchten, können Anteil haben." Eine solche Videoübertragung ist nur mit personalisierter Einladung, Konferenzkennung und Passwort erreichbar. Jakob zitiert einen unbekannten Verfasser: "Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen."

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