In trockenen Sommern steigt das Risiko von Waldbränden. ARCHIVFOTO:: PWR
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In trockenen Sommern steigt das Risiko von Waldbränden. ARCHIVFOTO:: PWR

Tote Pflanzen brennen gut

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Der Landkreis Gießen verfügt über große Forstflächen. Einige werden seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet, der Boden ist voll mit Totholz und ausgetrockneten Pflanzen. Ein Brandrisiko?

Die Bilder, die Ende September aus den USA kamen, waren erschütternd: Gewaltige Feuerwalzen rollten durch das Gelände, Hektar um Hektar Wald ging in Rauch auf, auch Häuser wurden ein Raub der Flammen. US-Präsident Donald Trump polterte damals, der Wald sei nicht genügend aufgeräumt worden, deshalb finde das Feuer so viel Brennstoff.

Nun lässt das herbstliche Regenwetter in Deutschland das Thema Waldbrandgefahr für die meisten von der Agenda verschwinden. Doch für Experten ist es ganzjährig aktuell, gilt es doch, perspektivisch zu denken. In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren vielerorts Baumbestände aus der Bewirtschaftung genommen. Auch hierzulande. So etwa in Allendorf/Lumda am Steinkopf.

Die Kommunen wollen dadurch Ökopunkte generieren. Diese lassen sich gut verkaufen, da sie als Ausgleichsmaßnahme für Bauprojekte gebraucht werden.

In einem unbewirtschafteten Wald bleiben umgestürzte Bäume und tote Äste auf dem Boden liegen - jede Menge Holz. Steigt dadurch das Risiko für verheerende Waldbrände? Ralf Jäkel, Forstamtsleiter des Forstamts Wettenberg, kann beruhigen: "Bislang ist noch keine signifikante Relation zwischen Stilllegung und Waldbrandrisiko nachweisbar." Ganz von der Hand weisen lässt sich die Aussage Trumps allerdings nicht: "Je mehr trockenes Material auf dem Waldboden liegt, umso mehr Nahrung erhält ein ausbrechendes Bodenfeuer."

So lange noch große Bäume für ausreichend Schatten sorgen, sei das Risiko gering. Problematisch werde es jedoch in kranken Beständen: Wenn etwa Buchen ihre Blätter früh abwerfen, die Reisige absterben und die Rinde abplatzt. "Solche Bestände können sich stark aufheizen und die Bodenschicht trocknet aus." Trockenes Holz und Laub sind ideale Brennstoffe.

Besonders in den vergangenen zwei Jahren habe sich die Lage zugespitzt, sagt der Forstamtsleiter. Die Dürrejahre haben das Risiko für Waldbrände steigen lassen. "Selbst wenn die Bäume noch grün sind, vertrocknet die Bodenvegetation und kann sich leicht entzünden." Den Pflanzen des Waldbodens kommt eine Schlüsselposition zu. "Waldbrände beginnen immer mit einem Bodenfeuer. Erst von dort aus kann sich gegebenenfalls auch ein Kronenfeuer entwickeln", sagt Jäkel.

Die gute Nachricht: Die mittelhessischen Wälder mit großen Laubholzbeständen sind für großflächige Waldbrände wenig anfällig. Als kritisch schätzt Jäkel die Kiefernforste bei Linden und im Gießener Stadtwald ein. Kiefern haben eine hohe Toleranz gegenüber Trockenheit, wurden daher gerne auf Flächen mit schlechter Wasserzufuhr gesetzt.

Gleichzeitig sind Kiefern "Lichtbäume": Sie lassen mehr Licht auf den Waldboden durch. Dort kann Gras wachsen, welches im Sommer austrocknet und eine ideale Basis für ein Feuer ist.

In deutschen Wäldern nimmt der vorbeugende Brandschutz einen hohen Stellenwert ein. So gibt es zahlreiche Waldwege, über die die Feuerwehr schnell an Brandherde gelangen und diese frühzeitig ablöschen kann. Mit den Feuerwehren vor Ort stehe man im engen Kontakt, regelmäßig würden Großübungen abgehalten. Hessen Forst hat zudem eine Waldbrandkarte entwickelt, die eine Übersicht über die Bestände und Kontakte enthält.

Zudem versuchen die Forstleute, Freiflächen zu vermeiden. "Wo immer möglich, versuchen wir, die Nutzung so zu steuern, dass sich die Waldbäume im Halbschatten ihrer Eltern natürlich verjüngen können", sagt Jäkel. "Diese Steuerung des Lichteinfalls begünstigt die meisten Baumarten in der Jugend und verhindert, dass sich eine Konkurrenzvegetation einfindet, die dann vertrocknet und so dem Feuer Nahrung bieten kann."

Wenn jedoch flächendeckend Bäume absterben oder wegen Rußrindenkrankheit gefällt werden müssen - etwa im Langgönser Wald oder bei Lich - werde den Förstern das Heft des Handelns aus der Hand genommen. Dann müssten neue Kulturen auf Freiflächen angelegt werden. Da man mit Reinkulturen schlechte Erfahrungen gemacht hat, werde mittlerweile auf Mischbestände gesetzt.

Doch nicht nur die Forstleute, auch die Waldbesucher können einiges für den Brandschutz tun. Jäkel appelliert daher, keine Waldwege zuzuparken: "Nicht nur bei Waldbränden, sondern auch bei jedem sonstigen Rettungseinsatz ist der Zeitfaktor entscheidend. Wenn dann durch leichtsinniges, zum Teil unverschämtes Handeln Einzelner ein Verunfallter nicht rechtzeitig erreicht wird, weil erst ein Umweg gesucht oder der Wagen beseitigt werden muss, kann das sehr fatale Folgen haben."

Die Zufahrten für größere Rettungsfahrzeuge - oft mit den Dimensionen eines Lasters - müssen immer freigehalten werden. "Gedankenlosigkeit, Egoismus oder Bequemlichkeit können hier Menschenleben in Gefahr bringen", sagt Experte Jäkel.

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