Zum Abschied ein Sträußchen Wiesenblumen: An dieser Bank wurde der schwerverletzte Gleiberger erstversorgt; bevor er ins Krankenhaus kam, wo er später seinen Verletzungen erlag.
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Zum Abschied ein Sträußchen Wiesenblumen: An dieser Bank wurde der schwerverletzte Gleiberger erstversorgt; bevor er ins Krankenhaus kam, wo er später seinen Verletzungen erlag.

Messerstiche

Wie kam es zum tödlichen Drohnenstreit in Krofdorf-Gleiberg?

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Drohnen sind rings um Burg Gleiberg schon länger ein Reizthema. Am Samstag eskalierte ein Streit und endete tödlich. Über den Tathergang gibt es unterschiedliche Aussagen. Im Ort herrscht Fassungslosigkeit.

Ungläubiges Erstaunen mischt sich mit Entsetzen, als am Sonntag und Montag die schreckliche Nachricht in Krofdorf-Gleiberg die Runde macht: "Messerstecherei am Gleiberg? Ein Toter? Doch nicht bei uns!"

Aber es stimmt: Eine Auseinandersetzung zwischen drei Männern am Samstagnachmittag auf einem Wiesenstück am nordwestlichen Gleiberghang eskalierte und endete tödlich.

Ein 55-jähriger Gleiberger wurde von mindestens einem Messerstich in den Oberkörper schwerstverletzt. Der Mann wurde sogleich von Rettungskräften in das Uniklinikum Gießen eingeliefert. Dort erlag er trotz Notoperation in der Nacht zu Sonntag seinen schweren Verletzungen, berichtete der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger.

Was war geschehen? Ein 69 Jahre alter Mann aus dem Vogelsbergkreis und der 55 Jahre alte Gleiberger sowie ein weiterer 62-jähriger Gleiberger gerieten in der Feldgemarkung unterhalb der Burg Gleiberg in eine heftige körperliche Auseinandersetzung mit besagtem Ende.

Hintergrund des Streits ist wohl, dass der 69-jährige Vogelsberger am Gleiberg eine Drohne hatte steigen lassen. Dadurch hätten sich die beiden Wettenberger, die im Feld an einem historischen Brunnen arbeiteten, gestört gefühlt. Sie hatten wohl vor allem befürchtet, dass Pferde auf einer nahe gelegenen Koppel von der brummenden Drohne aufgescheucht werden könnten. Das bestätigen Polizei und Staatsanwaltschaft.

Die Behörden haben die weiteren Ermittlungen übernommen. Die sollen klären, was sich im Feld genau zugetragen hat. Der Drohnenpilot und Messerstecher ist unbestätigten Informationen zufolge ein Polizist im Ruhestand. Er wurde von der Polizei festgesetzt und befragt. "Aufgrund der aktuellen Erkenntnislage lässt sich eine Notwehrsituation nicht ausschließen", sagte Staatsanwalt Hauburger gestern. Der Mann habe angegeben, sich lediglich verteidigt zu haben. Mittlerweile hat ihn die Polizei wieder aus dem Gewahrsam entlassen. Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Vogelsberger jedoch ein Verfahren wegen Totschlagsverdachts eingeleitet.

Die Obduktion des Verstorbenen soll voraussichtlich im Laufe dieser Woche stattfinden. Auch davon erhoffen sich die Ermittler weitere Erkenntnisse. Denn die Tatwaffe, mutmaßlich ein Messer, wurde bis gestern noch im hohen Gras am Gleiberg gesucht.

Auch gegen den 62-jährigen Begleiter des Opfers wird laut Staatsanwalt Hauburger ermittelt: wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung. Im Raum stehe ein körperlicher Übergriff auf den Drohnenpiloten. Ein vierter Mann, der in Begleitung des Vogelsberger Drohnenlenkers war, blieb laut ersten Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft unbeteiligt.

Eine "Vorgeschichte" gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand wohl nicht: Die Wettenberger sowie der Drohnenlenker und sein Begleiter sollen sich nicht gekannt haben, sollen sich am Samstag erstmals begegnet sein.

Auf dem Gleiberg, insbesondere in der alten Ortslage rund um die Burg, mehren sich derweil Beschwerden über Drohnen. Ralf Volgmann vom Bürgerprojekt Gleiberg und aktiver Kommunalpolitiker spricht von einem "Reizthema". Gerade im Sommer habe die Fliegerei mit diesen Geräten stark zugenommen. Denn gerade die Burgruine bietet schöne Motive.

Als nervig empfinden viele zum einen das Geräusch. Zum anderen ist da die Angst vor dem Verlust von Privatsphäre: Wer sein Flugobjekt mit Kamera bestückt über die Burganlage steuert, der filmt oder fotografiert nahezu zwangläufig auch Häuser und Gärten und das Leben dort. "Wir hatten auch schon eine Drohne tagsüber vor unserem Schlafzimmer", berichtet ein Anwohner. Da bekomme man schon ein komisches Gefühl. Wobei klar ist: Das Überfliegen von Privatgrundstücken, mit Kameras erst recht, ist verboten, um die Privatsphäre der Menschen zu schützen.

Wie virulent das Thema ist, das erlebte der Fotograf dieser Zeitung gestern, als er in der Mittagszeit ein Foto vom Tatort unterhalb des historischen Brunnens machen wollte. Kaum, dass er dort eingetroffen war und mit einem Passanten sprach, stand über den beiden ein kamerabestücktes Flugobjekt in der Luft und filmte ungeniert.

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