Der schwere Unfall am 28. September 2019 mit zwei Todesopfern beschäftigt nun das Amtsgericht. 	ARCHIVFOTO: AST
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Der schwere Unfall am 28. September 2019 mit zwei Todesopfern beschäftigt nun das Amtsgericht. (Archiv)

Amtsgericht

Tödliche Geisterfahrt: Gießener steht wegen fahrlässiger Tötung auf B457 vor Gericht

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ein Gießener muss sich seit Donnerstag vor dem Amtsgericht verantworten. Er hatte 2019 unter Drogeneinfluss einen verheerenden Unfall mit zwei Toten und mehreren Verletzten nahe Lich verursacht. Wie konnte es dazu kommen?

Gießen - Eigentlich war es ein »recht schöner Tag«, so die Erinnerung des Zeugen. Die Straße bei Gießen war trocken, die Temperatur spätsommerlich mild. Doch jene, die wie er diese Augenblicke auf der B457 nahe Lich miterleben mussten, werden den 28. September 2019 für immer in furchtbarer Erinnerung behalten.

Kurz vor 14 Uhr kommt an diesem verhängnisvollen Samstag ein 40-Jähriger in einer Kurve von seiner Fahrbahn ab, gerät nahe der Abfahrt nach Birklar in den Gegenverkehr in Richtung Gießen. Ein junger Mann aus Reichelsheim versucht am Steuer seines Citroën noch auszuweichen, die Pkw kollidieren seitlich, der Citroën landet kopfüber im Straßengraben. Der Geisterfahrer prallt frontal in einen VW Polo. Am Steuer sitzt eine 49-jährige Hungenerin, daneben ihr 82-jähriger Vater. Von hinten schiebt sich ein Sportwagen unter den Polo. Die Frau und ihr Vater sterben an den Folgen des Unfalls.

Es war ein Ereignis, das nur Opfer kennt und für das offenbar nur einer der involvierten Fahrer verantwortlich war: Seit Donnerstag muss sich der damals 40-jährige Kia-Fahrer vor dem Amtsgericht in Gießen verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt ihm unter anderem zweifache fahrlässige Tötung und Fahren ohne Führerschein zur Last. Er habe, wie Staatsanwalt Benedikt Zdziarstek aus der Anklageschrift vortrug, gewusst, »dass er aufgrund des Genusses von Cannabis und Methadon nicht in der Lage war, ein Fahrzeug zu führen«.

Anklage wegen fahrlässiger Tötung: Angeklagter lässt in Gießen Verteidiger sprechen

Welche Rolle Drogen damals im Leben des Angeklagten konkret spielten und wann er die Substanzen vor dem Unfall zu sich genommen hatte, blieb beim Prozessauftakt weitgehend offen. Der unauffällig und ruhig wirkende zweifache Vater äußerte sich am Donnerstag nicht zur Sache. Er werde es tun, »sobald es ihm möglich ist«, sagte Verteidiger Carsten Marx. Auch für seinen Mandanten seien es »die schlimmsten Tage in seinem Leben« gewesen und er sehe sich zurzeit nicht imstande, darüber zu reden. Doch der Tathergang, so Marx, sei in der Anklage zutreffend beschrieben. Der Angeklagte räume seine Schuld ein und sei sich bewusst, dass diese »ganz, ganz schlimme Tragödie« nur auf sein eigenes Fehlverhalten zurückzuführen sei. Marx weiter: »Er weiß, dass er die Schuld nie wieder wird gutmachen können.«

Die Zeit vor dem Unfall sei »die dunkelste Phase seines Lebens« gewesen, sagte der Verteidiger zur damaligen Situation des Angeklagten. Dieser habe seinerzeit »mehr oder weniger die Kontrolle über sein Leben verloren«, ein »mittelschweres Drogenproblem« gehabt. Seit seiner Inhaftierung in anderer Sache sei er drogenfrei - laut Marx »beileibe keine Selbstverständlichkeit«. Der Verteidiger entschuldigte sich im Names des Angeklagten bei den beiden Unfallopfern, die als Zeugen geladen waren.

Der Reichelsheimer, mit dem der Angeklagte zuerst kollidiert war, schilderte äußert gefasst seine Wahrnehmung: »Ich habe ein Fahrzeug gesehen, das mir entgegen kam. Der Fahrer kam über die Mittelspur gefahren. Ich war ein bisschen irritiert und dachte, er zieht zurück.« Statt dessen sei er kurz darauf im Straßangraben aufgewacht. Nach dem Unfall habe er unter anderem länger mit Schwindel, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Taubheitsgefühl zu kämpfen gehabt.

Dem heute 50-jährigen BMW-Fahrer, dessen Wagen sich bei dem Unfall unter jenen der später verstorbenen Frau geschoben hatte, fiel es vor Gericht dagegen sichtbar schwer, über jenen Tag zu sprechen. Als der Unfallverursacher auf seine Fahrbahn gekommen sei, habe er gemerkt: »Das geht nicht gut aus.« Dann sei der Kia in den Polo vor ihm gerast, mit dem er wiederum kollidierte. »Ich habe mich vom Leben verabschiedet«, blickte er zurück. Zwischendurch verstummte er immer wieder, war den Tränen nahe.

Nach dem Unfall habe er den Qualm in seinem Auto gesehen. »Ich habe gedacht, ich verbrenne.« Doch er konnte sich selbst befreien und versuchte, anderen zu helfen - vor allem der Frau und ihrem Vater in dem frontal kollidierten Polo. Beide waren offensichtlich schwerst verletzt. »Sie hat mir die Frage gestellt: ›Wie geht es meinem Vater?‹ Ich habe gesagt: ›Es geht ihm gut. Ich kümmere mich.‹« Währenddessen habe er nicht wirklich realisieren können, was gerade geschieht.

Anklage wegen fahrlässiger Tötung: Deutliche Aussage des Gutachters in Gießen

»Leute sind gestorben, quasi unter meiner Hand. Das tut mir immer noch sehr weh«, so der Zeuge vor Gericht. Eindrücklich berichtete er, wie sehr es ihn belaste, fast täglich die Unfallstelle zu passieren. Er besucht nun regelmäßig einen Traumaspezialisten. Der Unfall lässt ihn nicht los. Angstzustände, Bilder vor dem inneren Auge und Schlafstörungen begleiten ihn. Seine Reaktion auf die Entschuldigung durch den Verteidiger: »Ganz ehrlich, das ist mir vollkommen latte. Ich habe keine Wut. Es ist passiert, wir können es nicht rückgängig machen.«

Das Fazit des Unfallgutachters war deutlich: »Unfallursache ist das Fahrbahn-Verlassen des Angeklagten«, der in diesem Moment knapp 100 km/h schnell gefahren sei. Laut gerichtsmedizinischer Gutachterin wurde durch einen Bluttest danach nachgewiesen, dass er unter dem Einfluss von Cannabis und Methadon gestanden hat, wobei ein »chronischer Konsum« nicht zu belegen sei. Möglich sei, dass er am Steuer eingeschlafen ist.

Für das Urteil dürfte auch eine Rolle spielen, ob der Angeklagte womöglich vermindert schuldfähig war. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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