Tödliche Eifersucht

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Das Jahr 1994 ist erst wenige Tage alt, da ereignet sich in der Gartenstraße in Grünberg eine schreckliche Tat: Die 41-jährige Annelore S. rammt ihrem Mann ein Messer in der Brust. Sie selbst alarmiert die Polizei. Doch für den 39-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät: Er erliegt seinen schweren Verletzungen.

Es ist der 6. Januar 1994. Mitten in der Nacht geht bei der Polizei ein Notruf ein. Eine verzweifelte Frau meldet sich mit den Worten: "Ich habe meinem Mann ein Messer in die Brust gerammt. Bitte schicken Sie schnell einen Notarzt in die Gartenstraße 11 in Grünberg." Als die Beamten, der Notarzt und die Rettungssanitäter das Wohnzimmer in der Parterrewohnung betreten, finden sie Peter Heinrich S. leblos auf dem Boden liegend. Vor dem Kamin. Die Obduktion bestätigt kurze Zeit später die ersten Vermutungen: ein gezielter Stich in die Lunge. Auch das Herz und große Blutgefäße werden derart verletzt, dass der Mann innerhalb kürzester Zeit innerlich verblutet. Die Tatwaffe, ein Ausbeinmesser, wird sichergestellt, es ist blutverschmiert. Annelore S. wird noch in der gemeinsamen Wohnung in ihrem Elternhaus festgenommen. Es besteht kein Zweifel daran, dass sie ihren Mann getötet hat. Bereits in der ersten Vernehmung gibt sie die Tat zu. Doch was sind die Gründe für dieses Verbrechen, das das beschauliche Städtchen im Winter 1994 erschüttert?

Die Täterin macht keinen Hehl daraus und gibt Eheprobleme als Motiv für die Bluttat an. Schon lange soll es Schwierigkeiten zwischen den Eheleuten gegeben haben, die erst zwei Jahre verheiratet sind. Immer wieder kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Beide sollen zudem oft und viel Alkohol getrunken haben. So auch am Abend vor der folgenschweren Tat. Bei dem Opfer wird ein Promillewert von 2,96 festgestellt, bei der Täterin von 1,06. Die Beamten entdecken auf dem Tisch mehrere leere Bierflaschen und eine leere Flasche Ouzo.

Die Grünbergerin muss sich ein halbes Jahr nach der Tat wegen Totschlags vor dem Gießener Landgericht verantworten. Mord wird ihr nicht angelastet. Die Umstände und die Dramatik, die letztendlich zu diesem blutigen Delikt führten, kommen erst im Laufe des Prozesses ans Tageslicht.

Unter Tränen schildert die Angeklagte, dass ihr Mann ihr immer wieder Eifersuchtsszenen gemacht habe, es sei öfter zu Handgreiflichkeiten gekommen. Sie erinnert sich an einen Vorfall etwa einen Monat vor der Tat. Nach einer Weihnachtsfeier und einem gemeinsamen Kneipenbesuch mit ihrem Mann ging Annelore S. noch in die Disco. Alleine. Sie kam erst am nächsten Morgen nach Hause. Der 39-Jährige sei überzeugt gewesen, dass sie ihn betrogen habe und rasend vor Eifersucht gewesen.

Dann kommt sie zu den Geschehnissen in der Tatnacht. Die 41-Jährige gibt zu Protokoll, dass sie an jenem Mittwochabend im Januar nach einem neuerlichen Streit mit ihrem Ehemann ins Bett gegangen sei. Gegen 1.30 Uhr sei sie dann von ihm geweckt worden. Er habe das Radio sehr laut gemacht, damit sie aufwache. Sie sei daraufhin aufgestanden und habe das Stromkabel des Radios mit einem Messer durchtrennt - der späteren Tatwaffe. Sie habe sich wieder ins Bett gelegt und sei kurz darauf von ihrem Mann erneut aus dem Schlaf gerissen worden. Wieder kommt es zwischen dem Paar zum Streit, der nach Zeugenaussagen von Nachbarn lautstark im Wohnzimmer ausgetragen wird. Diesmal endet er tödlich. Die Ehefrau soll ihren Mann verzweifelt angeschrien haben: "Ich habe dich noch nie betrogen!"

Annelore S. schildert, dass ihr Mann sie als "Nutte" und "Hure" beschimpft und sie geschlagen habe. Sie setzt sich daraufhin an den Esstisch, um noch eine Flasche Bier zu trinken. Vor ihr liegt das Messer. Als Peter Heinrich S. ihr erneut gegen den Hals und gegen den Kopf schlägt, nimmt sie es in die Hand und bedroht ihn damit. "Stich doch zu!", soll er gesagt haben. Doch sie legt es wieder weg. Als die Schläge und verbalen Attacken ihres Mannes nicht aufhören, greift sie erneut zu dem Messer und rammt es ihrem Gegenüber in die linke Seite der Brust. Zwölf Zentimeter tief. Sofort setzt sie den Notruf ab und geht davon aus, dass ihr Mann den Angriff überlebt hat.

An den Schilderungen der Frau haben keine am Prozess beteiligten Personen Zweifel. Ein psychiatrisches Gutachten bestätigt die Glaubhaftigkeit der Aussagen. Darin heißt es: "Ich habe selten eine Patientin erlebt, die sich so intensiv um die Wahrheitsfindung bemüht hat." Der tödliche Messerstich sei eine Kurzschlusshandlung gewesen, die Angeklagte habe sich in einem Ausnahmezustand befunden. Der Psychiater sieht eine verminderte Schuldfähigkeit.

Der Auffassung, dass Annelore S. in Notwehr gehandelt habe, ist das Gericht nicht. Die Grünbergerin wird wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Bis zuletzt zeigt sie Emotionen und Reue: "Es tut mir alles so leid. Ich habe meinen Mann doch geliebt." Dieses Geständnis kommt für ihn zu spät.

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