Tatort Krofdorf: Wo heute der Pizza-Lieferservice Castello ansässig ist, war in den 1980er Jahren das "Vesuvio". Als der 19-jährige Sohn des Restaurantbesitzers 1984 umgebracht wird, sorgt das für Entsetzen im Ort.
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Tatort Krofdorf: Wo heute der Pizza-Lieferservice Castello ansässig ist, war in den 1980er Jahren das »Vesuvio«. Als der 19-jährige Sohn des Restaurantbesitzers 1984 umgebracht wird, sorgt das für Entsetzen im Ort.

„Mord verjährt nicht“

Tod in der Pizzeria: Blutiges Verbrechen im Kreis Gießen nimmt 1984 eine dramatische Wende

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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In der Pizzeria »Vesuvio« in Krofdorf wird im Sommer 1984 der 19-jährige Sohn des Restaurant-Inhabers tot aufgefunden. Alles deutet auf einen Raubmord hin. Doch dann nimmt der Fall eine spektakuläre Wende.

Gießen – Die brutale Tat geschieht in der Nacht zum 23. Juli 1984. Die Polizei findet den 19-jährigen Renato P. tot hinter der Theke vor. Der ebenfalls 19 Jahre alte Pizzabäcker Salvatore M.* kommt mit erheblichen Stichverletzungen davon. Auf der Straße bricht er zusammen. Ein zufällig vorbeikommender Arzt kümmert sich um den auf dem Bordstein liegenden Verletzten. »Ich bin überfallen worden«, sagt er den Beamten.

Wie sich später herausstellt, ist auch eine Geldtasche mit den Tageseinnahmen in Höhe von rund 3500 D-Mark verschwunden. Sichergestellt wird am Tatort zudem ein brauner schnallenloser Ledergürtel, den einer der Täter offenbar dort verloren hat. Alles deutet darauf hin, dass Renato P. einem Raubmord zum Opfer gefallen ist.

Blutiges Verbrechen im Kreis Gießen: Krofdorfer Pizzabäcker als einziger Zeuge

Der Pizzabäcker ist der einzige Zeuge und schildert den Ermittlern, was sich in dieser Nacht zugetragen hat: Demnach seien er und Renato gegen 1.30 Uhr in dem bereits geschlossenen Lokal von zwei maskierten Männer überrascht worden. Er selbst sei erst aufmerksam geworden, als einer der Täter bereits auf Renato eingeschlagen habe. An die beiden Männer kann sich der verletzte Pizzabäcker relativ gut erinnern und gibt bei der Polizei eine detaillierte Beschreibung der Täter ab.

Als die mutmaßlichen Täter bereits verschwunden sind, kommt ein weiterer Mitarbeiter hinzu, Miguel R., der als Tellerwäscher und Kellner in der Krofdorfer Pizzeria beschäftigt ist, und zum Tatzeitpunkt bereits in der Angestelltenwohnung im Eckhaus geschlafen hat. Durch das Bellen des kleinen Hundes der Familie P. und durch Geräusche sei Miguel R. wach geworden. Nachdem er den Toten und den Verletzten entdeckt hat, fährt der Italiener mit dem Auto des Ermordeten nach Lollar, wo er von einer befreundeten Familie die Polizei benachrichtigen lässt, weil er selbst nicht gut genug Deutsch spricht.

Als sich die Nachricht von dem blutigen Verbrechen in Krofdorf verbreitet, fangen auch wilde Spekulationen an. Hat hier etwa die Mafia ihre Finger im Spiel? Geht es um Schutzgeld? Die Menschen sind schockiert und betroffen, denn jeder kennt die Familie des Opfers, die nicht nur in Krofdorf, sondern auch in Lich ein Restaurant hat. Seit etwa zwei Jahrzehnten leben die Familienmitglieder in Deutschland, gelten quasi als »Gastarbeiter der ersten Stunde«. Besonders tragisch: Im Dezember 1980 ist bereits der ältere Bruder von Renato, Nino, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Als der Mord an ihrem jüngsten Sohn geschieht, befinden sich die Eltern gerade im Urlaub in ihrer alten Heimat Italien.

Verbrechen in Pizzeria im Kreis Gießen: Juniorchef von Pizzabäcker getötet

Einen Tag später nimmt der Fall eine unerwartete Wende. Nachdem die Ermittler in einem Müllcontainer im Hof der Pizzeria die vermisste Geldtasche mit 2000 D-Mark gefunden haben, teilt der Leitende Oberstaatsanwalt mit: »Der Pizzabäcker hat zugegeben, seinen Juniorchef Renato P. in der Nacht zum Montag im Streit erschlagen zu haben.« Salvatore M. gesteht, den Raubüberfall und die beiden maskierten Täter frei erfunden zu haben. Seine zweite Version zum Tathergang lautet wie folgt: Gegen 0.30 Uhr soll es zunächst eine verbale Auseinandersetzung zwischen ihm und Renato gegeben haben. Der Juniorchef habe dem Pizzabäcker vorgeworfen, zu viel Alkohol zu trinken. Renato habe dann zu einem Messer gegriffen und mehrmals auf ihn eingeschlagen. Der Pizzabäcker sei daraufhin in Erregung geraten, habe eine Flasche genommen und mehrmals auf den 19-Jährigen eingeschlagen. An weitere Einzelheiten könne er sich nicht erinnern.

Die Obduktion ergibt jedoch ein anderes Bild und bringt das ganze Ausmaß der Verletzungen an den Tag. Die Flasche hat Renato an der Schläfe und am Hinterkopf getroffen. Drei Messerstiche sind in Niere, Lunge und Leber des 19-Jährigen gegangen, zwei weitere Stiche in den Schädel. Nach Aussage des Gerichtsmediziner sind die Stiche so massiv gewesen, dass jeder einzelne den Tod hätte herbeiführen können. Noch dazu wurde der junge Mann stranguliert - vermutlich mit dem am Tatort gefundenen ominösen Ledergürtel.

Die eigenen Verletzungen soll sich der Pizzabäcker indes selbst zugefügt haben, um von der Tat abzulenken. Auch kann bestätigt werden, dass Alkohol im Spiel war. Die Untersuchungen lassen auf einen Blutalkoholspiegel von 1,59 Promille bei M. schließen.

Doch was ist mit dem dritten Mann, dem Tellerwäscher Miguel R.? Dass er in die Tat involviert ist, schließen die Ermittler aus, denn auch er sei von dem Täter attackiert und mit einer Flasche geschlagen worden. Das genaue Motiv und die Hintergründe für die Tat bleiben jedoch weiterhin im Dunkeln.

Prozess nach Verbrechen in Pizzeria im Kreis Gießen: Anklage wird auf Mord korrigiert

Vielleicht kann das der Prozess ändern, der ein Jahr später beginnt. M. muss sich wegen Totschlags an seinem Juniorchef und wegen versuchten Totschlags an seinem Kollegen Miguel R. verantworten. Der Vorwurf des versuchten Totschlags wird im Laufe des Prozesses von der Anklage sogar auf versuchten Mord korrigiert. Der Prozess findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt, weil es eine Morddrohung gegen den Angeklagten gibt. Angeblich soll sogar ein Killer angeheuert worden sein.

M. bleibt beharrlich bei seiner Version, sich nicht mehr genau an die Ereignisse in der Tatnacht erinnern zu können. Bei dem Streit sei es um seinen Alkoholkonsum gegangen. Er habe seinen Liebeskummer ertränken wollen. Als Renato ihn einen Säufer genannt habe, sei er ausgerastet, und der Streit sei zu einer handfesten Auseinandersetzung eskaliert. Schließlich habe der Juniorchef dem Pizzabäcker fristlos gekündigt.

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Auch daran, wann er zum Messer gegriffen habe, könne er sich nicht mehr erinnern. »Meine Gewalttätigkeit war mir in dem Augenblick nicht bewusst, ich habe auch nicht an die Folgen gedacht«, erklärt der Angeklagte vor Gericht. Als dann plötzlich ein weiterer Mann, sein Kollege Miguel R., in der Pizzeria gestanden habe, sei er völlig verwirrt gewesen.

Miguel R. habe sich über den am Boden liegenden, blutüberströmten Renato P. gebeugt, als ihm der Täter plötzlich von hinten eine Weinflasche auf den Kopf geschlagen habe. Instinktiv habe er sich umgedreht, M. einen Faustschlag verpasst, ihn am Kragen gepackt und gegen den Tresen gedrängt. »Was hast du gemacht?«, habe er ihn angeschrien. Daraufhin sei M. wieder zu sich gekommen und habe ihn angefleht: »Hilf mir, hilf mir doch bitte!«

Dann sei dem Angeklagten die Idee gekommen, einen Raubmord vorzutäuschen, »aus Angst vor der Polizei und dem Gefängnis«. Der Tellerwäscher habe indes befürchtet, M. würde ein zweites Mal auf ihn losgehen. Deshalb, und auch weil er Hilfe holen wollte, sei er mit dem BMW des Getöteten nach Lollar gefahren, um von Freunden aus die Polizei zu alarmieren.

Urteil nach Verbrechen im Kreis Gießen: Sechseinhalb Jahre Jugendstrafe für Krofdorfer Pizzabäcker

M. gesteht, er habe sich in dieser Zeit dann selbst Verletzungen zugefügt, das Telefonkabel zerschnitten und die Geldkassette in den Mülleimer geworfen. Reflektierend auf seine Tat schauend, erklärt er: »Ich weiß, dass ich einem Menschen das Leben genommen habe und dass damit auch mein Leben zerstört ist.«

Das mit Spannung erwartetete Urteil fällt Ende August 1985. M., zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt, wird schließlich wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu sechseinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Eine Psychiaterin hat den jungen Mann in ihrem Gutachten als reizbare, überempfindliche und neurotische Persönlichkeit mit einer Neigung zur Hysterie sowie impulsiven Rache- und Affekthandlungen bezeichnet. Aufgrund dieser Persönlichkeitsanalyse und dem Alkoholkonsum zur Tatzeit attestiert sie M. verminderte Schuldfähigkeit. Eltern, Angehörige und Freunde von Renato P. reagieren empört auf das Urteil: »So wenig ist ein Menschenleben wert!« * Name von der Redaktion geändert

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