Hessischer Dialekt

"Der mittelhessische Dialekt stirbt langfristig aus"

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Hessisch sprechen nur dümmliche Landeier? Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Wie es um den Dialekt bestellt ist, warum sich die Jugend abwendet, erklärt Fäägmeel-Gründer Siegward Roth.

Vom Vogelsberg bis zum Westerwald, von Marburg bis fast nach Frankfurt spricht man mittelhessische Dialekte. Doch wie lange wird das noch so bleiben? Siegward Roth (65) hat dazu eine klare Meinung. Er ist Gründungsmitglied der Mundart-Gruppe "Fäägmeel" aus dem Gießener Land. Zwei Jahrzehnte hat die Gruppe dem Dialekt Leben eingehaucht. Nun konserviert er ihr Erbe in einem Buch.

Herr Roth, Sie leben mittlerweile im bayrischen Weilrod. Stimmt der Eindruck, dass die Bayern weit lockerer mit ihren Dialekten umgehen als wir Hessen?

Siegward Roth: Das stimmt, die Bayern haben mit ihrem Dialekt kein Problem und im Gegenteil sogar großes Vergnügen daran. Bayerische Dialekt feiern Erfolge in der ganzen Welt. Selbst in der Hochsprache ist man an sie gewöhnt. Die Selbstverständlichkeit mit der Bayern in ihrem Dialekt baden, hat es in Mittelhessen nie gegeben.

Warum ist das so?

Roth: Die Bayern blicken auch geschichtlich auf ein völlig anderes Erbe zurück als wir Hessen. Im Gegensatz zu Bayern wurden die mittelhessischen Dialekte größtenteils von einer armen Landbevölkerung gesprochen, die sich für ihre Herkunft schämte.

Und die Bayern protzen mit München als Großstadt und der Alpenromantik.

Roth: Sagen wir mal so: Die Bayern sind ganz anders mit ihrer Sprache identifiziert und stolz darauf, Bayern zu sein. Und das nicht nur in den großen Städten, sondern gleichfalls auf dem Land.

Korr’rr finde ich lustig. Ein Wort mit sechs Buchstaben und vier davon sind ein Zungen-R

Siegward Roth

Mit Mundart-Gruppen wie einst Fäägmeel wollen Sie das Image des mittelhessischen Dialekts aufpolieren.

Roth: Was Fäägmeel erreicht hat, ist, Menschen im Hinblick auf ihre Muttersprache beizustehen und sie diesbezüglich zu etwas mehr Selbstbewusstsein und Stolz zu animieren. Manche in unserer Gegend waren verunsichert und haben sich für ihren Dialekt geschämt. Sie haben unter Freunden Dialekt gesprochen, aber ihre Kinder weitgehend davon abgeschirmt. Ganze Generationen verstehen den Dialekt, sprechen ihn aber nicht.

Wird die mittelhessische Mundart dadurch aussterben?

Roth: Der Dialekt hat Jahrzehnte hinweg überlebt und den Menschen Selbstbestätigung und ein Gefühl von Zuhause gegeben. Dennoch wird er langfristig aussterben.

Klingt logisch, wenn ihn die jungen Leute nicht mehr sprechen. Aber warum wenden sie sich mehr dem Hochdeutschen zu?

Roth: Junge Menschen wachsen durch das Internet in einer ganz anderen Welt auf. Sie haben nicht so einen starken Bezug zu häuslichen und dörflichen Verhältnissen. In frühere Generationen war das ganz anders.

Wenn Sie sich so viel mit dem Mittelhessischen beschäftigen: Welches Wort mögen Sie besonders?

Roth: Korr’rr finde ich lustig. Ein Wort mit sechs Buchstaben und vier davon sind ein Zungen-R.

Und was heißt das?

Roth: Es bedeutet Kater.

Das rollende R ist also typisch mittelhessisch?

Roth: Es ist vor allem in der Gegend um Herborn stark verbreitet. Ansonsten gibt es das derart ausgeprägt vermutlich nur in Texas.

Wenn ein Dialekt nur darauf reduziert wird, sich selbst zu veralbern, dann können Menschen ... Gefühle wie Trauer, Liebe oder Freude nicht angemessen ausdrücken

Siegward Roth

Sie haben sich jüngst wieder ums Mittelhessische verdient gemacht und ein Buch über Fäägmeel geschrieben. Was hat Sie dazu motiviert?

Roth: Ich möchte das Buch nutzen, um zwei grundlegende Anliegen von Fäägmeel zu transportieren. Im Dialekt einerseits lustig, albern, frivol und sogar derb zu sein, andererseits aber auch Sprachrohr für die Menschen und das, was sie ernsthaft bewegt.

Warum ist es wichtig, auch über ernste Themen im Dialekt zu sprechen?

Roth: Wenn ein Dialekt nur darauf reduziert wird, sich selbst zu veralbern, dann können Menschen, die ihn als ihre Muttersprache verinnerlicht haben, Gefühle wie Trauer, Liebe oder Freude nicht angemessen ausdrücken. Wir haben deshalb auch Lieder über ernste Themen gemacht, sowie Liebeslieder.

Ihr Buch heißt "Fäägmeel – E Geschicht fier sich". Was darf der Leser erwarten?

Roth: Ich habe die Texte von Fäägmeel zusammengefasst. Sie sind meiner Ansicht nach ein Stück weit zum Kulturgut in Mittelhessen geworden. Und da sich Text nach Text wie in einem Liederbuch nicht gut liest, habe ich dazu noch die launige Entwicklungsgeschichte von Fäägmeel verfasst.

Dann erzählen Sie mir doch mal hre Fäägmeel-Lieblingsgeschichte.

Roth: Ich erinnere mich gerne an die Leichtigkeit und Freude, mit der uns die Menschen begegnet sind. Wenn auf Konzerten der ganze Saal gejault, gejuchzt und befreit gelacht habt. Das ist eine sehr schöne Erfahrung, die mir bis heute sehr wichtig ist.

Fäägmeel gibt es seit Jahren nicht mehr. Dürfen sich alle Fans trotzdem noch mal auf einen gemeinsamen Auftritt freuen?

Roth: Nein, nicht in Originalbesetzung. Nachdem wir uns 2005 aufgelöst haben, gründete Berthold Schäfer, die Truppe "Meelstaa" gegründet. Sie spielen unsere Lieder und halten Fäägmeel damit am Leben. Ich finde das großartig.

Info

Zwei Lesungen im Kreis Gießen

Aus seinem im Oktober erschienenen Buch "Fäägmeeel – E Geschicht fier sich" liest Siegward Roth im Dezember zweimal im Kreis Gießen. Musikalisch begleitet wird er dabei von Fäägmeel-Gründungsmitglied Berthold Schäfer. Weitere Termine soll es im nächsten Jahr geben. Der erste Band ist für rund 10 Euro im Handel. Roth arbeitet bereits an einem zweiten Band.

Krofdorf: Am Donnerstag, den 14. Dezember um 19.30 Uhr liest Roth im Heimatmuseum Krofdorf-Gleiberg

Lollar: Am Freitag, den 15. Dezember um 19.30 Uhr gibt es eine Lesung in der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar

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