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Das Urheberrechtsgesetz schützt schon einfachste Schnappschüsse, sagt Experte Dr. Lars Jaeschke.

Abmahnung

Teurer Reim aus dem Netz - Warum ein Verein aus dem Kreis mehrere tausend Euro zahlen musste

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Es war ein Schock für den Vorstand eines Vereins aus dem Kreis: Eine horrende Rechnung war ins Haus geflattert- wegen Urheberrechtsverletzungen auf der Internetseite. Das sagt der Experte.

Die Geschichte klingt erst einmal ziemlich banal. Ein Verein aus einer Kommune im Landkreis Gießen wollte seine Internetseite neu gestalten. Dabei schaute sich der Website-Beauftragte bei anderen Vereinen um und fand ein Gedicht, das auch gut zum eigenen Verein passt. Der Originaltext liegt der Redaktion vor - es ist ein äußert holpriger Stabreim. Aber das nur am Rande. Der Verantwortliche setzte den Reim jedenfalls auf die Vereinsseite. Monate später erhielt der Vorstand Post von einem Anwalt.

Das Zitat stamme aus einer urheberrechtlich geschützten Quelle, der Autor verlange nun Schadensersatz. Zusammen mit Anwaltskosten summierte sich die Rechnung auf einen immerhin mittleren vierstelligen Betrag - ein Betrag, der den Verein an seine Grenzen brachte. Damit nicht andere Vereine auch in diese Falle tappen, stimmte der Vorstand diesem anonymisierten Bericht zu.

Experte warnt vor Kopien

Anwalt Dr. Lars Jaeschke aus Gießen stand dem Verein zur Seite. Er warnt davor, Texte, Bilder oder Grafiken von Internetseiten zu kopieren, ohne die jeweiligen konkreten Nutzungsrechte erworben zu haben. "Das ist immer riskant." Denn der Urheber oder Rechteinhaber kann grundsätzlich auf Unterlassung und Schadensersatz klagen.

Wer dann nicht nachweisen kann, dass er die Nutzungsrechte erworben hat, steckt in Schwierigkeiten. Dabei ist es übrigens egal, ob es sich um ein Gedicht von Heinz Erhardt oder einen holprigen Reim eines unbekannten Dichters handelt. Das Gericht prüft lediglich, ob es eine Schöpfung des Autors ist oder nicht. "Gedichte und Reime - auch kurze - werden praktisch immer urheberrechtlich geschützt sein", sagt Experte Jaeschke.

70 Jahre nach Tod erlischt Urheberrecht

Anders beim Schadensersatz: "Die Qualität von Kunst beziehungsweise Werken beurteilen Gerichte regelmäßig nicht weiter, sondern greifen für die Berechnung des Schadensersatzes auf objektive Grundlagen zurück", sagt Jaeschke. Bei professionellen Autoren orientieren sich die Richter oft an Honoraren, die in Branchenwerken zu finden oder nachgewiesene Lizensierungspraxis sind.

Ansonsten bemisst der Richter die Höhe des Schadensersatzes mit Blick auf den jeweiligen Fall. Erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors - das wäre bei Heinz Erhardt zum Beispiel im Jahr 2049 - erlischt das Urheberrecht. Jedoch gibt es auch Einzelfälle mit längeren Schutzfristen.

Auch einfachste Schnappschüsse geschützt

Das alles ist jedoch nicht nur für Texte relevant, sondern auch für Grafiken und Bilder. Egal, ob man auf dem Flyer zum Vereinsfest einen Biertrinker als Zeichnung oder als Foto abdruckt oder dieses auf die Vereinsseite ins Internet stellt - hat man das Bild nicht selbst angefertigt oder sich die Nutzungsrechte besorgt, greift das Urheberrecht. "Das Urheberrechtsgesetz schützt schon einfachste Schnappschüsse", warnt Jaeschke.

Was für Karl Theoder zu Guttenberg gilt, gilt übrigens auch im Urheberrecht: Quellen weglassen sorgt für Probleme. So erhöhte sich der von Gerichten verhängte Schadensersatz regelmäßig um 100 Prozent, wenn ein Bild oder ein Text in illegaler Weise benutzt und zudem der Autor nicht genannt wurde.

Juristische Beratung wichtig

Egal ob Verein oder privat: Wer Post vom Abmahnanwalt erhält, sollte sich rechtlich beraten lassen. "Es ist keinesfalls zu empfehlen, eine vorgelegte strafbewehrte Unterlassungsverpflichtungserklärung einfach zu unterschreiben", sagt Jaeschke. Denn diese sind meist deutlich zugunsten des Abmahners formuliert. Ein Anwalt kennt diese Gefahren. "Viele vorformulierte Unterlassungserklärungen enthalten Vertragsstrafen von 5001 Euro" für einen Verstoß.

Das betroffene Bild oder den Text anschließend von der Internetseite zu nehmen, reicht allerdings nicht aus. Denn oft haben Suchmaschinen diese noch in ihrem Cache gespeichert. Und so flattert bald die nächste Strafe ins Haus, weil das Bild beispielsweise noch über Google mit Link zur Vereinsseite zu finden ist.

Als "ruinösen Klassiker" bezeichnet Jaeschke diesen Teufelskreis. Denn wenn Strafe um Strafe, Abmahnung um Abmahnung auf den Tisch kommt, vernichtet dies auf Dauer jeden Verein.

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