Teppiche statt Buttermilch

  • vonLena Karber
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Teppichreinigung statt Milchverarbeitung: In der ehemaligen Molkerei in Geilshausen wird schon lange keine Butter mehr hergestellt, und auch Käse sucht man vergeblich. Doch Kindheitserinnerungen zeugen noch von einer Zeit, in der die Milchkannen mit einem Traktor mit Anhänger nach Geilshausen gefahren wurden.

Etwas, woran ich immer wieder denke, ist diese gute Buttermilch, in der noch Klümpchen drin waren", sagt eine Frau aus Rüddingshausen, die heute 88 Jahre alt ist. Als Kind, in den 1940er Jahren, fuhr sie mit ihrer Familie einmal pro Woche nach Geilshausen, um Butter und Buttermilch zu holen, die dann auf dem Hof oder in der Waschküche verkauft wurde - auch im Winter. "Dann hat uns die Mutter eine Wärmflasche bei die Füße gemacht" und eine Decke drüber gelegt, erzählt sie über die mehrstündigen Fahrten mit dem Pferdeschlitten bei frostigen Temperaturen und lacht. "Wir hatten ja sehr kalte Winter damals - im Gegensatz zu heute."

Da in dem Gebäude in der Grünberger Straße, in dem seit fast 20 Jahren eine Teppichwäscherei ansässig ist, schon seit einigen Jahrzehnten keine Milch mehr verarbeitet wird, sind es vor allem Kindheitserinnerungen, die von der Zeit zeugen, als die alte Molkerei in Geilshausen noch in Betrieb war. Berthold Sohl, der in Rüddingshausen aufgewachsen ist und sich um die Geschichte seines Heimatortes verdient gemacht hat, erzählt davon, wie die Landwirte in den umliegenden Ortschaften die Milch ihrer Kühe morgens zu den Sammelstellen gebracht haben und nachmittags die leeren Kannen dort wieder abholen konnten. Sohl, in dessen Nachbarschaft es eine kleine Landwirtschaft gab, erinnert sich gerne, wie er die leeren Kannen zu seiner Nachbarin brachte. "Da gab’s oft mal 10 oder 20 Pfennig für ein Eis", erzählt er. "Das war für uns damals ein Erlebnis."

Sohl hat bei den Recherchen für eines seiner Bücher herausgefunden, dass es alleine in Rüddingshausen in den 1950er Jahren 101 Milchlieferanten gab. "Alle haben geliefert, auch wenn sie nur Milch von einer Kuh hatten", erklärt er. An den Sammelstellen habe es eine Holzkonstruktion mit ungefähr der selben Höhe wie das Milchauto gegeben - den Milchbock. Auf den mussten die Bauern ihre Milchkannen hieven, damit der Fahrer die Kannen schneller einsammeln konnte. Er lieferte die Milch an die Molkerei in Geilshausen und brachte die leeren Kannen wieder zu den Sammelstellen. "Das war in den 1940er und 1950er Jahren ja alles noch viel primitiver als heute. Da wurde die Milch zum Teil mit einem Traktor mit Anhänger gefahren", sagt Sohl. Einer der Fahrer war Ende der 1930er Jahre Ludwig Kriep. Mit einem Lkw brachte er die Milch aus Lumda, Stangenrod, Atzenhain und Lehnheim nach Geilshausen. Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er jedoch einberufen. Andre Hull, die ukrainische Arbeitskraft, die der Familie zugeteilt worden war, wurde angelernt und übernahm.

"Eines Tages wurde er an der Molkerei festgenommen und kam ins KZ", erinnert sich Ludwigs Sohn Walter Kriep, der heute 85 Jahre alt ist. "Aber er hat es überlebt und uns später aufgesucht." Grund für die Verhaftung sei gewesen, dass der Mann für seine geplante Auswanderung nach Amerika eine Bescheinigung gebraucht habe, deshalb sei er unbegründet im KZ gewesen.

Hulls Nachfolger als Milchauto-Fahrer hatte sich indes weniger geschickt angestellt: Bereits nach vier Tagen hatte er am Bahnhof im Lumda einen Totalschaden mit dem Milchauto. Fortan kam ein offener Traktor zum Einsatz. "Es musste ja alles weitergehen", sagt Kriep.

In der Molkerei, die seinen Angaben zufolge um 1911 erbaut worden war und genossenschaftlich betrieben wurde, kehrte jedoch auch nach dem Krieg keine Ruhe ein. 1956 wurde noch stolz die neue Käserei eingeweiht, doch 1959 eskalierte der Streit um die Milchauszahlungspreise, die den Landwirten im Vergleich zu anderen Molkereien im Umland zu gering waren.

Schuld an der Misere war die Lage der Molkerei, denn durch eine zu geringe Nachfrage im Umland blieb ihr der Zugang zum lukrativen Frischmilchgeschäft verwehrt. Nachdem auf einer außerordentlichen Generalversammlung auch noch bekannt wurde, dass die Beiträge der 1200 Mitglieder für eine Modernisierung der Molkerei verdoppelt werden sollen, entbrannte eine Diskussion, die auch mit dem Rücktritt des Vorstandes nicht beendet werden konnte.

Stattdessen kam es zu Protesten von Landwirten aus der Umgebung, die erreichen wollten, dass andere Molkereien ihre Milch annehmen. Das war damals nicht vorgesehen: Es gab eine klare Zuteilung - wohl eine Folge der Agrarkartellierung, mit der die autarke Versorgung der Bevölkerung gewährleistet werden sollte.

Nachdem Bauern aus Rüddingshausen die Annahme ihrer Milch in Rauischholzhausen erzwungen hatten und sich auch Treis, Bersrod, Beltershain und Göbelnrod von der Molkerei in Geilshausen losgesagt hatten, zogen die Bauern aus Beuern mit 1200 Litern Milch nach Gießen. Dort erzwangen sie, wie diese Zeitung damals berichtete, durch das Auskippen von zwei Kannen die Annahme ihrer Milch. Der Druck auf Geilshausen wuchs und der Milchstreit landete vor Gericht.

Doch noch bevor das Urteil gefällt wurde, schloss sich die Molkerei 1960 mit Alsfeld zur Milchverwertung Oberhessen zusammen und steigerte die Produktivität. Im Jahr 1968 wurden in Geilshausen sieben Millionen Kilogramm Milch angeliefert. Auch das ist lange vorbei. Heute befindet sich eine Teppichreinigung in dem Gebäude.

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