_1KREISGIESSEN401-B_0906_4c
+
»Hau ab, sonst knall ich dich ab«, soll der Angeklagte gesagt haben.

Taxifahrer mit Schusswaffe bedroht

  • VonStefan Schaal
    schließen

Um 6,80 Euro zofften sich ein Taxifahrer und sein Passagier, bis der Streit eskalierte: Plötzlich hielt der Fahrgast eine Waffe in der Hand. Nun musste sich der Pohlheimer vor Gericht verantworten.

Es ist kurz nach Mitternacht, ein Taxi hält in Watzenborn-Steinberg. Es ist der Abend des Gießener Stadtfests 2019. Der Passagier war dort mit Freunden essen, auf seinem Schoß liegt eine Tüte, für zu Hause hat er sich noch einen Döner geholt. Doch plötzlich eskaliert ein Streit zwischen ihm und dem Taxifahrer um den Fahrpreis. Sie zoffen sich um 6,80 Euro. Am Ende hält der Pohlheimer eine Waffe in der Hand.

Der 45 Jahre alte Mann muss wegen Nötigung und Bedrohung nun eine Geldstrafe in Höhe von 10 800 Euro zahlen. Ein Schöffengericht am Gießener Amtsgericht hat ihn am gestrigen Donnerstag zu 90 Tagessätzen à 120 Euro verurteilt.

Nahe der Goethestraße in Gießen stieg der Angeklagte in der Nacht auf den 17. August 2019 in den Wagen des Taxifahrers. »Nach Watzenborn-Steinberg«, sagte der Pohlheimer. Vorher legten sie einen Stopp bei einem Döner-Restaurant in der Gießener Bahnhofstraße ein. Am Ziel in Watzenborn-Steinberg angelangt forderte der Fahrer schließlich 26,80 Euro. »Wir haben doch 20 Euro ausgemacht«, widersprach der Passagier. Er habe sich darüber während der Fahrt zwei-, dreimal vergewissert. Der Taxifahrer aber bestand auf sein Geld.

Was danach passiert ist, bleibt auch nach dem Gerichtsprozess zu großen Teilen unklar. Zu stark widersprechen sich der Angeklagte und der Taxifahrer. Fest steht allerdings: Der Pohlheimer ist im Lauf des Streits aus dem Taxi gestiegen, hat im Hof vor seinem Haus das eigene Auto geöffnet und aus dem Handschuhfach eine ungeladene Schreckschusswaffe hervorgeholt.

»Hau ab, sonst knall ich dich ab«, soll der Angeklagte gesagt haben. Er habe in dieser Nacht Todesangst verspürt, berichtete der 63 Jahre alte Fahrer. »Der Angeklagte stand drei Meter vor mir. Er hat die Waffe auf meinen Kopf gerichtet.« Bis heute werde er die Bilder nicht los, er leide unter Schlafstörungen.

Der Angeklagte erklärt hingegen, er habe die Waffe nicht gegen den Kopf des Fahrers gehalten. »Ich habe sie nur präsentiert«, sagte er. Er habe keine andere Möglichkeit gesehen, den Konflikt zu beenden. Immer lauter, immer heftiger habe der Fahrer das Geld verlangt und ihn außerdem mehrfach an der Schulter angefasst, ihn bedrängt. Er habe befürchtet, dass es zu einer Schlägerei kommt. »Ich wollte kein Theater«, sagte der Pohlheimer. Im Haus habe sein schwer kranker Vater geschlafen, den er nicht habe beunruhigen wollen. Nachdem er die Waffe gezeigt habe, sagte der Angeklagte, »war Ruhe im Hof«.

Im Rahmen des Verfahrens räumte er indes auch ein: »Eine blöde Idee. Mir ist die Sicherung durchgebrannt.«

Der Mann war eigentlich wegen räuberischer Erpressung angeklagt, Staatsanwalt Christan Bause und der Rechtsanwalt des Taxifahrers, der vor Gericht als Nebenkläger auftrat, forderten eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Davon wich das Gericht allerdings in einem ungewöhnlichen Schritt ab. Kurz vor der Urteilsverkündung fügte der Vorsitzende Richter Dr. Dietrich Claus Becker hinzu, dass statt räuberischer Erpressung auch Nötigung und Bedrohung und damit eine Geldstrafe im Raum stehe. Becker machte damit auch auf ein Versäumnis der Staatsanwaltschaft aufmerksam, die Zweifel an mehreren Äußerungen des Taxifahrers unbeachtet gelassen hatte.

So hatte auch Verteidiger Carsten Marx zuvor als »befremdlich« bezeichnet, dass der Fahrer trotz des Schocks und der »Todesangst« zunächst am Tatort geblieben war, ein Handyvideo erstellt hatte und dann bis 4 Uhr am Morgen weiter Taxi gefahren war. Erst später ging er zur Polizei. Es sei um wichtige Einnahmen gegangen, erklärte der Fahrer.

Marx hinterfragte außerdem, warum der Taxifahrer wegen seiner Schlafstörungen und Ängste bis heute keinen Arzt aufgesucht hat. Widersprüchlich erschien ihm darüber hinaus, dass der Fahrer zunächst erklärt hatte, er habe eine solche Situation »noch nie erlebt«, später aber einräumte, dass ihm vor zehn Jahren ein Passagier mit der Faust ins Gesicht geschlagen habe, er deswegen vor Gericht 400 Euro Schmerzensgeld erhalten habe.

Hier, im Geld, liege möglicherweise eine Motivation, seinen Mandanten zu belasten, sagte Marx.

Der Vorsitzende Richter korrigierte derweil den Staatsanwalt und den Rechtsanwalt des Nebenklägers, die in ihren Plädoyers behauptet hatten, dass es aus strafrechtlicher Sicht »keinen Unterschied« mache, ob der Angeklagte die Waffe auf den Kopf des Fahrers gerichtet oder in der Hand gehalten hat. »Das macht sehr wohl einen Unterschied auf die Intensität der Bedrohung«, betonte Becker.

Zweifellos ist unterdessen, dass der Angeklagte den Taxifahrer mit der Waffe in Angst versetzt und genötigt hat. Notwehr ließ der Richter nicht gelten - und widersprach damit Verteidiger Marx, der auf Freispruch plädiert und erklärt hatte, die Drohung mit der Schreckschusspistole sei »legitim, verhältnismäßig, ja geboten« gewesen, um den Taxifahrer von seinem Grundstück zu verweisen, zumal der Pohlheimer einen entsprechenden Waffenschein habe.

Der Angeklagte hätte schlicht in sein Haus gehen können, um den Streit zu beenden. Beide Beteiligten hatten die Möglichkeit, an Ort und Stelle die Polizei zu rufen, taten dies aber nicht. In aller Deutlichkeit betonte der Richter: »Das Ziehen einer Waffe ist sicher kein adäquates Mittel, um eine Diskussion um einen Fahrpreis zu lösen.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare