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Einsteigen kein Problem: Dank Kassettenlift unter der Schiebetür kann Alesja Scheidemann ihren Hightech-Rolli in den blauen Sprinter navigieren und den Platz auf der Beifahrerseite einnehmen. Die Halterungen im Spezialboden sorgen für festen Stand. FOTO: US

Ein Stück Normalität

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Alesja Scheidemann kann nur zwei Finger und den Mund bewegen. Um zur Uni zu kommen, braucht sie ein speziell ausgerüstetes Fahrzeug. Viele Menschen haben die Anschaffung ermöglicht.

Alesja Scheidemann ist eine Kämpferin. Die 25-Jährige aus Hüttenberg kam mit schwersten Einschränkungen zur Welt. Sie ist am ganzen Körper gelähmt. Nur zwei Finger und den Mund kann sie bewegen. Allen Hindernissen zum Trotz hat sie es bis zum Abitur geschafft. An der Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd, wo sie das Internat besucht, wollte die Einser-Schülerin in der vergangenen Woche eigentlich ihre schriftlichen Prüfungen hinter sich bringen: Deutsch, Pädagogik, Mathe, Geschichte. Daraus wurde erst mal nichts. Wegen Corona ist die Schule vorübergehend geschlossen. "Die Schüler dort gehören ja alle zur Hochrisikogruppe", sagt Alesjas Vater Bernd Scheidemann.

Alesja lebt jetzt vorübergehend bei einer der Pflegerinnen, die Tag und Nacht bei ihr sind, in einer kleinen Tagespflegeeinrichtung. Die Osterfeiertage verbringt sie bei ihrer Familie in Rechtenbach. Letzte Woche hat ihr Vater sie abgeholt. Die Heimfahrt war für die junge Frau ein besonderes Ereignis. Zum ersten Mal stand sie mit ihrem Rollstuhl nicht im Laderaum. Zum ersten Mal konnte sie, wie jeder andere Mensch auch, den Platz auf der Beifahrerseite einnehmen und die Welt draußen durch die Windschutzscheibe betrachten. "Ein Stück Lebensnormalität", freut sich Heide Lewinski. Die Ettinghäuserin, die mit der Familie Scheidemann seit vielen Jahren befreundet ist, hat mit dazu beigetragen, dass Alesja nun ein speziell ausgestatteter Transporter zur Verfügung steht. Der blaue Sprinter verfügt unter anderem über einen Kassettenlift, einen Spezialboden zum Einrasten des Rollstuhls und genügend Platz, um all die Gerätschaften aufzunehmen, die die Hüttenbergerin im Alltag braucht. Den E-Rolli zum Beispiel, den sie mit dem Kinn steuern kann. Einen Laptop. Und die Unterdruckkammer, die "Eiserne Lunge", die Alesja auch tagsüber zeitweise nutzt, um ihre Atmung zu unterstützen.

Das Fahrzeug ist also nicht nur Transportmittel, es ist für seine Nutzerin ein unentbehrlicher Aufenthaltsraum. Das gilt umso mehr, wenn die Hüttenbergerin - wie geplant - nach dem Abi ein Studium aufnimmt. Sonderpädagogik in Landau, das ist der Plan. Alesja ist dort schon vorstellig geworden und hat mit dem Behindertenbeauftragten über ihre Situation gesprochen. Fazit: Für ihre speziellen Bedürfnisse stehen dort keine Räumlichkeiten zur Verfügung. Sie wird den blauen Bus als Rückzugsort dringend brauchen. "Das ist kein Luxus-Wohnmobil", sagt auch Bernd Scheidemann, der den gut erhaltenen Sprinter privat gekauft hat.

Umgerüstet wurde der Wagen von der Gross GmbH in Wettenberg. "Die Mitarbeiter haben großartige Arbeit geleistet", sagt Heide Lewinski und lobt nicht nur die "super Beratung", sondern auch den Umstand, dass die Firma in Vorleistung gegangen ist. Das Auto sei jetzt zur Personenbeförderung zugelassen und habe für zwei Jahre TÜV bekommen.

Bislang haben weder Krankenkasse noch der zuständige Sozialhilfeträger den aufwendigen Umbau unterstützt. Dass er überhaupt realisiert werden konnte, ist ausschließlich Spendern, Sponsoren und Stiftungen zu verdanken, bei denen Heide Lewinski hartnäckig um Unterstützung wirbt. Das war schwierig genug, denn viele Stiftungen schließen Einzelfallförderung aus. Oder sie wenden sich ausschließlich an Kinder und Jugendliche.

Dass in den vergangenen Monaten ausreichend Geld zusammenkam, um den Umbau in Angriff nehmen zu können, ist nicht zuletzt Leserinnen und Lesern dieser Zeitung zu verdanken. Nachdem im Dezember ein Artikel über Alesja erschienen war, gingen mehr als 900 Zuwendungen auf dem Spendenkonto bei der Diakonie ein. Einige größere Summen von mehreren Hundert Euro seien dabei gewesen, berichtet Lewinski. "Aber auch zehn-Euro-Spenden, über die wir uns aber genauso gefreut haben."

Alles zusammengerechnet befinden sich aktuell 14 670 Euro in der Kasse. Das ist viel, aber noch nicht genug. Nach jetzigem Stand hat der Umbau bereits über 19 000 Euro gekostet. Außerdem fehlen noch eine Heizung, ein stabiles Untergestell für die "Eiserne Lunge" und ein Hebelift, damit auch Pflegerinnen ohne Herkules-Kräfte Alesja aus ihrem Rollstuhl holen können. Die Beteiligten hoffen also auf weitere Unterstützer und machen sich gegenseitig Mut. "Jetzt sind wir so weit gekommen, jetzt schaffen wir den Rest auch noch", sagt Bernd Scheidemann.

Den größten Optimismus verbreitet Alesja. Sie hofft fest, dass sie doch noch in diesem Frühjahr ihr Abi machen und sich wie geplant an der Uni einschreiben kann. Und noch einen Wunsch hegt die 25-Jährige: "Mal in Urlaub fahren - ohne die Eltern."

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